Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 14 (Ausgabe A) (1938)
- Issue
- 3 (1.2.1938)
- Date
- 1938-02-01
- Page
- Seite 42 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/10638461-6435885-6435890--210-3770727- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JQdjgches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 3 Aus Montpellier! Aus Venedig! Aus Warschau! Aus Adrianopel! Aus dem Yemen! Aus____ Jede neue Stimme, die die Erinnerung an ein fernes Stück Erde zu Primo emportrug, und die die Glieder des Volkes zu einer Kette verband, Meli die Menge laut aufjubeln. Selbst Primos Augen leuchteten stolz. „Brüder", rief er, indem er sich bemühte, sich der immer mehr anwachsenden Menschenmenge verständlich zu machen, „Brüder, die ihr aus allen LSndern der Zerstreuung gekommen seid, hört mich an!" Dann Schwann er das Pergament hoCh über seinem Kopfe, auf daß man ihm lausche. Und wieder brausten die Stimmen da drunten gleich den Wogen des Meeres: „Vernehmt die Worte des Messias!" , ■ * ' Primo begann zu lesen, laut, deutlich, jede Silbe betonend und nach jedem Absatz aufschauend. Feierlich klang seine Rede. „Sabbatai Zwi, der Erlöser des Volkes, entbietet allen Söhnen Israels den Gruß des Friedens!" „Heil dem Messias!" hallte es aus der aufgeregten Menge wider. Primo fuhr fort. Von der Begeisterung seiner Zuhörer befeuert. lieB er das Sprechen in ein Singen übergehen, sein Körper bewegte sich heftig hin und her, als wolle er den. Gesang begleiten. „Nachdem ihr für würdig befunden worden seid, den groBen Tag der Erfüllung des Gotteswortes zu erleben, wird sich euer St^hn»n und Steh—H« frfthfm Jaurhrffn wninlflii. Hur? Fasttage sollen zu Festtagen werden; denn zu Ende sein wird die Zeit des Weinens; also spricht der Messias Sabbatai Zwi. Freut euch! Der Tag des neunten Ab, den ihr bisher in Tränen und Trauer verbrachtet, wird euch zu einem Tag des Jubels werden; denn ich bin "erschienen! Jubelt! Jubelt allesamt, iubelt!" ~ - Er rollte das Pergament zusammen. Die Menge schwieg eine Zeit lang ergriffen; dann aber entlud sich ihr Herz in wilden Rufen: „Messias! Messias!" — lausende von Händen erhoben sich flehend: „Wir wollen Sabbatai Zwi sehen J" „Den Messias wollen wir sehen!" Primo wandte sich um und trat schnell an die Seite. Auch seine Freunde wichen zurück und machten einen Gang frei. Vom Lager aus verfolgten alle die plötzlich entstandene Bewegung da droben. Der Augenblick war da. den sie so heiß herbeigesehnt hatten, der heilige Erlöser mußte jetzt vor sie liintreten. Es herrschte atemlose Stille ringsumher. Nur ein markerschütternder^chrei irgendwo im üewuhle. dann war's wie Ruhe vor dem Sturm. Alle blickten unverwandt zum Dach empor. Dort wird gleich das Wesen stehen, in dem des Sinai Feuer flammen und Donner grollen, in; dem Edens Ströme fließen ünd alle Weisheit und Güte Gottes eingeschlossen ist. Ein Mensch von Fleisch und Blut, ein Bruder und doch der Erlöser wird mit Menschenstimme zu seinen Brüdern reden. Eine Pfauenfeder wird sichtbar, mehrere, ein ganzer Fächer. Hinter ihm taucht die Gestalt eines Mannes in schwarzem, " seidenem Mantel auf. Sein Haupt trägt einen schwarzen Hut, um den ein grauer Schleier gelegt ist. Dem Manne folgt eine ' schwarz vermummte Frau. Gemessenen Schrittes geht er dem Geländer des Daches zu; hinter ihm drein die Frau wie ein dunkler Schatten. Den Feder- fächer vor sich hinhaltend, wendet der Mann sein Antlitz. Er \ reicht dem Weibe seine Rechte und zieht sie an seine Seite. Dann richtet er seine Blicke leicht lächelnd hinab zur wartenden Menge. Es war ein Augenblick, voller Spannung, als sei die Schöpfung erstorben. Nun aber geht ein Rauschen durch das Lager; die Menschen sinken zur Erde nieder; sie haben den Messias erkannt. Wieder fliegen die Arme gen Himmel, und gewaltig braust der Ruf hinauf: „Moschiach Adonaj! Moschiach Adonaj 1" -Und mitten hinein in die wilden Rufe dringen jetzt, als hahe der Himmel sie herabfcesandt. herrliche Stimmen von Jünglingen und Jungfrauen. Sie singen die Worte aus dem DaviJ- Hed: „Gottes Rechte ist erhaben; Gottes Rechte verleiht den Sieg." Jünglinge und Jungfrauen aus Smyrna sind es. die unter der Menge lagerten und die jetzt mit ihrem Gesang den Messias begrüßen. Sabbatai Zwi lauscht, voller Entzücken den Psalmenklängen. Die um ihn herstehen, werden mitgerissen und fallen in den Gesang ein. Nur das Weib schweigt und schaut mit weit aufgerissenen Augen vom Dach hinab. Sabbatai streckt seine Hände wie zum Segen aus. Dann hebt er die Rechte, als wolle er dem Volke befehlen aufzustehen. Er erhebt sich. Sabbatai beginnt zu sprechen: „Ihr habt mir eure Not dargebracht. Ich bringe euch Freude. Ich bin nicht zu euch gekommen, weil ihr stöhnt weil euer Blut die Erde überreich getränkt und der Rauch eurer brennenden Häuser den Himmel geschwärzt hat. Gott hat sich eine Weile vor euch verhüllt; aber er wird sich euch bald wieder zukehren. Haltet aus, denn ihr werdet nicht untergehen in alle Ewigkeit. Ist eure Qual auch zehnfach größer geworden, der —- Barmherzige wird euch hundertfältige Kraft zuwachsen lassen. Deshalb weine ich nicht über eure Tränen und traure ich nicht wegen eurer Schmerzen. Auf denn! Laßt uns jubeln und fröhlich sein! Seht doch, ich bringe euch den grünen Zweig des Lebens, der einmal auf den Fluren und Hügeln des Heiligen Landes geblüht hat; so wird euch euer Leben wieder blühen. Ich heile deine Wunden, mein Volk. Ich erwärme dich mit meinem reichen Tröste. Die Zeit des großen Wunders ist gekommen." Sabbatai Zwi hielt plötzlich inne; seine Augen gingen Uber die Menschen hinweg zur anderen Seite des Platzes. Dort ritt aus einem schmalen Gäßchen ein Türke auf stattlichem Roß hervor dem Lager zu. Vor der undurchdringlichen Menschenmauer hielt er an. Ihn hatte Sabbatai Zwi erspäht; sein Anblick störte ihm der Rede Fluß. „Was will dieser?" schrie die Menge; „er kommt im Auftrag des Sultans", antworteten die dem Reiter nahestehenden Leute. „Fort mit ir*"1'" ««•frrif 4^ Menge, „Wir kennen keinen Sultan!" Alle schauten völler Spannung hinauf zum Dach. Was wird der Messias tun? Wird er den Reiter mit einem Wort vernichten? Sabbatai Zwi aber rief mit freundlicher, ruhiger Stimme hinab: „Laßt den Mann durch, es ist des Sultans Statthalter!" Und schon traten die Menschen auseinander, und Roß und Reiter konnten sich hindurchwinden. In der Mitte des Platzes hielt der Türke an, sprang vom Pferde, grüßte mit stolzer Kühle hinauf und rief dann mit fester Stimme: „Sabbatai Zwi, Se. Majestät der Sultan befiehlt dir. binnen „ drei Tagen Smyrna zu verlassen, nach Adrianopel zu kommen und vor dem Antlitz des Sultans zu erscheinen!" Als die Leute diese Worte hörten, riefen sie empört: „Wir kennen keinen Sultan" und erhoben drohend die Fäuste. Der Türke erbläßte. , Sabbatai Zwi aber befahl: „Laßt das Schreien!" Und schon trat wieder Stille ein. „Pascha", sprach der Messias zu dem Reiter. ..saye deinem_ Herrn, daß ich vor 4hm erscheinen werde. Laß ihn aber auch wissen, daß nicht er. sondern Gott mich zu gehorchen zwingt. Nicht als Gefangener und Untertan will ich nach Adrianopel eilen, sondern als Befreier meines Volkes und seiner Richter." „Heil unserem Messias. Hell!" brauste es durch die Reihen. Der Türke saß auf und ritt des Weges zurück, den er gekommen. Bald war er dem wilden Gejohle auf dem Platze enteilt. Sabbatai Zwi wartete mit geschlossenen Augen, bis die Menschen sich beruhigt hatten. Dann fuhr er zu sprechen fort, als sei nichts geschehen: „An jenem Tage wird Gott .der, Heerscharen den Ubermut der HochfahrjB*derr>qiit flammendem Hammer auf einem Feuerambos zerschmettern. Die Festungen der Großen werden stürzen, und die Pracht der Ungerechten wird verfinstert werden; Demütige aber und Gebeugte werden unter ihrer Last aufjauchzen." Ein ungeheurer Jubel begleitete diese Worte. Immer wieder erklangen Heilrufe, bis Sabbatai Zwi sich anschickte, das Dach zu verlassen. Gefolgt von dem Weibe und den Getreuen schritt er ebenso gemessen wie er gekommen zur Treppe zurück und verschwand in den Gemächern des Hauses. Der Jubel verebbte; die Menge begann zu weichen. Zu Hunderten ergossen sich die Scharen in die Gassen und Gäßchen, und nach einer Weile lag der große Platz still und verlassen da; Smyrna sanlr In riip Puhl« TiirilrV, in lUr an vnrhftr pri»1i»fi»n ,- hatte, und bald hätte niemand mehr zu ahnen vermocht, daß die Stadt viele Tausend wild erregte jüdische Menschen aus aller Herren Länder beherbergt hatte. Nach Poljakoff-Holm neu bearbeitet ■ von Siegfried Braun-Köln.