Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1938-01-15 · 1 (15.1.1938) · p. Seite 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1938
Issue
1 (15.1.1938)
Date
1938-01-15
Page
Seite 1 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/9934493-9934244-9934195--476-3770708
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nfflittfifonueii Db 1ü& Schriftleitung: Max Adler, München 1938 München, 15. Januar 1938 Nr. 1 Runstbetractatung Von Siegfried Ziegler (München) (Fortsetzung) Zeichnen in der höchsten Vollendung gestaltet das Kunstwerk. Nichts sinnlich Wahrnehmbares entsteht, ohne vorher" gezeichnet worden zu spn. Ob der Maler mit dem Pinsel, der Bildhauer mit seinem Meisel. ider Architekt mit Zirkel und Lineal arbeitet, alles beruht auf Zeichnen, Formen, ins rechte Verhältnis bringen. Wenn ein Kunstwerk auch über dem Durchschnitt menschlicher Arbeitsleistung steht, so ist eine Auseinandersetzung mit ihm von den Bedürfnissen eines Kulturmenschen gar nicht wegzudenken. Gewiß, hu <ii«i>nm tinh «wanrAw» in Aon TVmpel der Mmseu, die weder berufen, 'noch vonbereitet sind, diese hohe Sprache-zu verstehen" und au würdigen. Wieder andere, die kaum das Alphabet, sich künstlerisch auszudrücken, erlernt habe ^glaubeu das Recht_zu haben. Altüberliefertes von den Größten Erarbeitetes in destruktiver Weise über Bord zu werfen. Man könnte darüber schweigen, wemmicht auch aus unseren Reihen solche Erscheinungen' zutage treten würde. So sehr ich in bezog auf künstlerische Dinge j e den nach seiner Fasson selig werden lasse — so muß ich es doch ablehnen,' daß .man heute noch in gemeindlichen Zeitschriften Dinge als jüdische Kunst bezeichnet und lange über sie herumredet, die '.einem gesunden Kunstempfinden direkt Hohn sprechen. Hier sollte jeder, der als Erzieher irgendwie in Frage kommt, den Mut haben, auch dann, wenn er sich in einer gewissen Bescheidenheit sagt, er habe sich mit künstlerischen Gesetzen zu wenig beschäftigt, solche Kunstwerke strikte abzulehnen. „Bilde, Künstler, rede nicht!", sagt Goethe. Es ist schon faul, wenn um ein Kunstwerk so viele Worte gewunden werden. Ein echtes Kunstwerk spricht selbst zu uns. zum Einfachsten, wie; zum Anspruchvpllsten. Es umarmt gleichsam seine Beobachter und umschlingt sie. als gehörten sie einer Familie an. Fließt doch auch ein echtes Kunstwerk aus einem oft überirdisch schwer erfülltem Herzen, eines G'tt begnadeten Menschen. Fem von aller Äußerlichkeit, geschweige gar, Ehrgeiz, oft in weitabgewandter Einsamkeit entstehen da die Werke, die der Höchste durch den Künstler der Menschheit zeigt und schenkt, um sie für Augenblicke herauszuführen, aus dem Alltag und ihr die Welt in einem idealeren Lichte erstrahlen zu lassen. Dem zu solchen Empfindungen Erzogenen hilit oft ein Kunstwerk sei es in der Musik, in der Dichtkunst oder m der bildenden Kunst manches Graue im menschlichen Dasein z_u vergessen. Ein Verständnis, ein Gefühl für künstlerische Dinge ist also ein Besitz. ein innerer Reichtum, den wir — alle rdings in äußerst 1+ifTPni sunn-— v o r s 11 ab gewagtem und serer jungen Generation nicht vorenthalten dürfen. Wir werden dafojei etwa folgendermaßen verfahren. Zuerst gehen wir auf den großen Aufbau, die Kompositjon eines Gemäldes etc. ein. Für Kinder am wirkungsvollsten wäre der Hinweis: Stellt. E'ich die Bildfläche leer vor. denkt darüber nach, was der 'Künstler alles auf diese Fläche gebracht hat, wie wundervoll aufgeteilt sind Figuren. Landschaft und alles, was sicli darum fügt, wie fein hat er duroh zeichnerische oder malerische Beleuchtungseffekte erzielt, daß der Beschauer auf einen Haupt- oder Mittelpunkt des Bildes gelenkt wind und wie fein hat er es verstanden, alles in der Umgebung diesem Mittelpunkt zuliebe unterzuordnen, als sei es dazu angetan, den Hauptteil des Bildes hervorzuheben, .ihfr zu tra«e.n und BU stützen, ihn zu umrahmen. Bs ist ja ähnlich so'in der Musfk. wo wir von einem Hauptsatz einer Sonate, "einer Symphonie oder in einem Drama oder eineranderen Dichtung, wo wir von einem HöheriJlnkt desselben sprechn.. Wir sehen also, es muß sich auch im Kunstschaffen zum Gefühl der Verstand, zur re.in künstlerischen Eingebung die bewußte Form gesellen. Denn ohne dieses Form-gerechte und Gesetzmäßige kann Gefühlsmäßiges zu leicht in Gefühlsduselei abgleiten, aus Kuitst wird Kitsch, Banalität. Sein Auge und Ohr, Oft für diese sehr feinen Unterschiede empfänglich machen, heißt sichdarin üben, wie man<andere Dinge übt, nur Wertvolles betrachten nn.fi lyihSiea:: l^ll^^-^rh^-t^^n^|^mmor ■•wjfrigr aiis<Mii.-in<fe.r$gtzen. Selbstverständlich geht man bei der »etranttwig eines KU'iiMwgf— kes auf die dargestellten Details^ ein. Wie oft-wird man dabei erkenneTi. daß es nicht imitier' auf das Reichhaltige, die Quantität des Dargestellten ankommt, sondern auf seine innere Qualität. Es kann daher ein gut gemalter Krug oder ein paar Äpfel (eines französischen Impressionisten), eilte kühn auf die Leinwand gebannte Szene um Meere .Strand (Max Liebennann) ein viel größeres Kunstwerk sein, als ein überlebensgroßes, mit dutzenden ebensogroßen Figuren versehenes Historiengemälde. So'-jvie ein einfaches Lied ein bleibenderer tieferer Kunstwert, als ein schwerblütiges, konstruiertes Orchestcrwerk *sein kann. Und wie oft berühren sich diese irdischen Ausdrucksweiseii. Ist es nicht ergreifend, daß man oft beim Betrachton eines großen Kunstwerkes sich von ihm fast angeredet fühlt, oder pakkende Bilder sieht, wenn man eben solche Worte, hört oder liest. Dieses künstlerische Bilden in seiner Fantasie. da£ oft (einfühlen- . der, tiefschürfender sein kamt, als ein konkretes Werk selbst, diesp»: huntiMn» jIak. yfcBeWH BCf R*HgHto> imtf- Iltis prli*ht wenn r' er von dem unvergänglichen Geist und Gold unserer alten und -ewig nenten-Schriften und Überlieferungen erfüllt ist. da«; mag vielleicht ein Grund sein, warum sein Bedürfnis sich ein greifbares Bild zu machen, gering ist. Dieses Nicht-inehr-siimlicli-wahrnehmeii-wollen, erleben wir es nicht oft, bei ganz Grollen, die sich , ^arrr-Bndie Ihres- SehaffenR-Uhre Werke direkt abgerungen haben. weil sie vielleicht in einer tiefen Erkenntnis menschlicher Unzu- . länglichkeit ihr Werk am liebsten in ihrer Brust bewahrt hätten. Und hat es nicht jeder von uns erlebt, daß man wahrhaft großen Geschehnissen — seien sie freud- oder leidvoll -- mit wahrnehmbaren Gebilden nicht betkommen kann? ■ (Fortsetzung folgt.) Lehrerfortbildungstagung in Herrlingen vom 26. Dezember 1937 bis 2. Januar 1938. Der Fortbildungskurs, war von der Reichsvertretung der Juden V in Deutschland veranstaltet. An der Vorbereitung, Finanzierung und Ausgestaltung beteiligten sich auch die drei süddeutschen ' Landesverbände Baden. Bayern und Württemberg. Insbesondere hatte der für Herrlingen zuständige Israelitische Oberrat in Stuttgart die äußere Organisation, die vorbildlich funktionierte, übernommen. Die Zahl der Teilnehmer betrüg etwa 20. Diese recht geringe Beteiligung ist durch den ungünstigen Kurstermin erklärlich und verständlich. Unsere bayerischen Ferien ähnlich war es auch in Württemberg und Baden begannen am 24. Dezember und endigten am '2. Januar. Diese wenigen Ferientage Imt jeder Lehrer zu seiner Erholung dringend notwendig. Eine so arbeitsreiche Portbltdungstagtmg daff-daher nicht—iii iiiue so kurze Feflenzeit hineinverlegt werden. Wir waren daher auch nicht überrascht, daß aus Bayern nur 3 Kollegen teilnahmen. Die geistige Vorbereitung und Leitung des Kurses war der bewährten Obhut auch imvon Stndienrat i. R. Scliafter übertragen. In iIpii Arhi'iK;......i-iii<i'lin(li'«i wimlen fnf,;cnili- Arbeitsgebiete behandelt:' Gescliichts-Arbeitsgemeiuschatt: Dr. Ludwig Feuchtwahger. Behandlung der indischen Geschichte des Mittelalters und dc-r Neuzeit. ' Bibel-Arbeitsgeureinscliaft: Dr. Abraham lleschel. Kapitel'II des 4. Buch Moses. Pädagogik-Arbeitsgemeinschaft: Studienrat LR. Rudolf Schiffer. Stand der pädagogischen Bewegung in der (legenwart Palästinakunde-Arbeitsgenieinschaft: Stud.-Ässessor Hans Gärtner. Palästinakunde im Unterricht der jüdischen Schule. Referat Uber die einklassige Schule:.Hauptlehrer S. Brückhcimcr. ■ Probleme der cinklassigen Schule. \ Referat über Charaktererz.iehung: Studienrat Schäffer und Stud.- Assessor Gärtner. Fragen der Charaktererziehuug. Musik-Arbeitsgemeinschaft: Direktor Karl Adler. Schulmusikpflegc (Lautkunde. Gehörbildung, Improvisation. Rhythmik, chorische Stimm- und Sprechpflege; Methodik. Turn-Arheitsgemeinschatt: Sportlehrer Edwin Halle. Praktische Turnübungen und methodische Fragen des Turnunterrichtes mit besonderer Berücksichtigung des Ttfrn^ns unter einfachen Verhältnissen. Referat über Berufsausbildung: Frau Lucie Levy-Zobel. Fragen der Berufsausbildung der (ugcntTlichcn. Neben der recht umfangreichen „Tagcsarbcit" funden allaband^—- lieh freie Dislwissionen über alle in den Arbeitsgemeinschaften behandelte Fragen Jilalt. Besonders eingehend wurde wiederhojjr* der Stand der jüdischen Jugendbewegung-besprochen. Diese^-sCnr ' L___---

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.