Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1903)
- Date
- 1903-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162. Nr. 10. Abrechnung. Nach Ablauf der Wahlen zur Lesehalle wollen wir noch eine Abrechnung halten mit den Parteien, die für uns in unserem Kampfe in Betracht kommen. Dazu rechnen wir nicht die antisemitischen Gruppen, die das Wort „deutschnational" für ihre Zwecke herabwürdigen. Mit diesen Gegnern haben wir nicht nach, sondern im Kampfe zu reden, und da haben wir schon mit genügender Deutlichkeit ihnen klargemacht, was wir von ihnen denken und er7 warten. Auseinanderzusetzen haben wir uns nur mit denjenigen Gruppen, die genug Juden in ihrer Mitte zählen, um für uns ein Gegenstand der Aufmerksamkeit und ein Feld unserer Tätigkeit zu sein. Das sind augenblicklich die Finkenschaft und die Freie Wissenschaftliche Vereinigung mit ihrem Anhang. Die Generalversammlung der Finkenschaft hatte auf Anregung ihres Vorsitzenden Hase Wahlenthaltung beschlossen. Zwar meinten grundboshafte Gemüter — wie ich es bin —, dass weniger der sittliche Abscheu der Finkenschaft vor dem „gehässigen politischen Gezänk'4 diesen Entschluss beeinflusst hätte, als vielmehr die Furcht, durch einen ähnlichen internen Skandal wie im Vorjahre die Existenz der Finkenschaft zu gefährden; immerhin aber musste, falls wirklich die empfohlene Wahlenthaltung der Finken durchgeführt wurde, sich das Wahlergebnis erheblich verschieben, die „Linke" musste in eine deprimierende Minderheit kommen. — Wir kamen in die Wahlversammlungen. Da ist ja viel zu erzählen, aber ich will nur ganz bestimmte Dinge herausheben. Herr Hase, der 1. Vorsitzende des Finkenschaftspräsidiums, legte in der Jüdischen Akademikerversammlung des V. J. St. die Prinzipien dar, aus denen heraus die Finkenschaft die Wahlbeteiligung perhorresziere. Er sprach mit so warmem Pathos, dass wir überzeugt waren, seine Stellungnahme entspringe nicht der Furcht, sondern einem Prinzip, das wir allerdings durchaus nicht billigten und mit dessen Widerlegung wir auch durchaus nicht zurückhielten. — Nächstes Bild: Die F. W. V. rühmt durch den beredten Mund des Herrn Weiss, dass sie die einzige Stelle ist, wo Arier und Juden einträchtig zusammenwirken. Nach wenigen Tagen steht in der über jeden Verdacht des Antisemitismus erhabenen „Berliner Morgenpost": „Kandidaten werden aufgestellt .... und von der jüdischen Freien Wissenschaftlichen Vereinigung." Das ist bitter, so im Kern seiner Tendenzen nach jahrelanger Arbeit von den besten Freunden verkannt zu werden! — Unmittelbar vor der Wahl kamen mir noch zwei gedruckte Dokumente in die Hand, die ich mir sorgfältig aufbewahrt habe: Eine Nummer jier Hochschulzeitung und der Wahlaufruf der F. W. V.