Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 6 (September 1902)
- Date
- 1902-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 6. ausgehen und darnach den Begriff Volk aufstellen, die Gegner aber diesen Begriff nur aus der Betrachtung der übrigen Völker konstruieren, indem sie von vornherein die Juden als Volk nicht mitrechnen, und noch dazu von dem heimlichen Wunsche beseelt sind, zu einem Volksbegriffe zu gelangen, in den die Juden nicht hineinpassen; „Gefühl ist alles.4' — Dass das jüdische Volk lebt, beweist der Wille zu einem kräftigen nationalen Eigenleben, der in unsern Tagen sich äussert, das beweist die Sehnsucht nach einer eigenen Kultur. Besitz — eigene Kultur ist der Besitz eines Volkes — kann sich nur wünschen, wer existiert: ich wünsche, also bin ich. Man spricht heutzutage bereits von den ersten Anfängen einer jung-jüdischen Kultur; es ist das ein Irrtum, eine Verwechselung des Wunsches mit der Erfüllung. Was heute als der Beginn einer jüdischen Kultur erscheint, ist die Sehnsucht, das Tappen nach ihr. Ideale Volksgemeinschaft genügt nicht, um eine Eigenkultur zu ermöglichen, territoriale und staatliche Einheit darf nicht fehlen. Zum Nachweise dieses Satzes werde ich am Schlüsse der folgenden Gedankengänge über Volkstum und Volkskultur gelangen. * # # An die Spitze meiner Auseinandersetzungen muss ich meine Definition des Wortes Kultur stellen: Kultur ist für mich der Sammelbegriff für die von Jen Menschen erzeugten ideellen und materiellen Güter; der geringste über den Bach geschlagene Steg fällt unter diesen Begriff ebenso wie die gewaltigste Brückenkonstruktion unserer polytechnischen Zeit, die geringste im Volkssprichwort enthaltene Wahrheit ebenso wie der Gedankenflug des grossen Philosophen. Die Erzeugnisse des Gewerb efleisses, die Ergebnisse der Wissenschaft, die Schöpfungen der Kunst, die Errungenschaften der Technik, die Hegeln und Grundsätze der Moral, >pr^ che und Sehrifr, alle helfen zusammen den Begriff der menschlichen Kultur zu erfüllen. — Man sieht, dass nach dieser Definition die Kultur in zwei Teile zerfällt; ich wjII dafür die Begr.ffe „ideelle u und „materielle Kultur'4 setzen. Die erste umfasst die Erzeugnisse auf dem Gebiete der Wissenschaft, der Kunst, der ethischen Ideen, sie liefert dem Menschen die Nahrung seines Geistes, die Befriedigung seiner seelischen Bedüifnisse. In der materiellen Kultur sind die Produkte der Industrie, die Errungenschaften