Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1902)
- Date
- 1902-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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50. No. 4. lassen zu tun, was wir für recht halten; aber wie steht es denn damit? Man kann begreifen, wie dieser Vorwurf entstehen konnte. Als vor wenigen Jahren der bewusst jüdische Teil der jungen Generation sich an die Arbeit begab, da betonte die antisemitische Presse bei jeder Gelegenheit, wie sympathisch ihr die neue Bewegung und ihre Träger seien, die doch im Grunde dieselben Ziele verfolge wie sie selbst. Sie brachte wiederholt zum Ausdruck, dass sie Hochachtung vor unserem ehrlichen und mannhaften Eintreten für jüdisches Volkstum empfinde. Das musste allerdings viele Juden stutzig machen; von Antisemiten gelobt zu werden, macht verdächtig. Aber auch wir waren misstrauiseh genug, um uns zu sagen: Was kann Gutes aus Bruhnloch und Stöckerburg kommen? Wir haben uns antisemitische Anbiederung wiederholt und energisch verbeten, weil wir wussten, dass bei der Unversöhnlichkeit und Tücke unserer Feinde nur ein Noll me tangere das Richtige ist. Seitdem hat sich die antisemitische Taktik uns gegenüber verändert. Wir werden kräftig verleumdet. Alles was jüdisch arbeitet, wissenschaftlich, sozial oder politisch, wird in einen Topf geworfen und als der reinste Typus der gegen das Deutschtum arbeitenden Nachkommen Sems hingestellt. Dabei kommt es auch auf eine kleine Fälschung von Versammlungsresolutionen, auf eine Verwechslung der Begriffe „arisch" und „agrarisch" und ähnliche Harmlosigkeiten nicht an. Triumphierend schreibt die Post: ,,Das ist wenigstens eine offene und ungeschminkte Sprache, die hoffentlich auch deutschen Ideologen die Augen öffnen wird, dass nationale Selbstverleugnung gegenüber jüdischem Hochmute schlecht am Platz ist." Ich stehe nicht an zu erklären, dass dies bewusste Heuchelei ist. Nicht erst wir haben ja die Haltung der Antisemiten veranlasst; selbst den eifrigsten und ernstgemeintesten Erklärungen der Juden, dass sie gewillt seien im Deutschtum rückhaltslos und ohne Rest aufzugehen, haben sie Hohn und Verdächtigung entgegengesetzt. Wir haben nur eine Tatsache konstatiert, als wir die Sonderstellung der Juden zur Grundlage unserer politischen Anschauung machten. Heuchelei ist die Behauptung, dass unsere Bestrebungen endlich die gewünschten Belege für die antisemitischen Voraussetzungen gebracht haben. Immerhin fehlt auch jetzt nicht das verschämte Zugeständnis, dass wir noch die besseren unter den Juden sind.