Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 1 (April 1902)
- Date
- 1902-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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No. 1. 12. V.J.St. München. 4. Semester (Winter 1901/1902.) Der Münchner V.J.St. trat sub bonis auspiciis in sein 4. Semester ein. Wir hatten einen Geschichtskurs vorbereitet, dessen Abhaltung uns liebenswürdiger Weise Herr Rabbiner Dr. Werner zugesagt. Wir hatten auch von einer Anzahl Münchner Bürger das Versprechen erhalten, bei uns Vorträge zu halten, und so könnten wir denn hoffen, ein geistig angeregtes Semester vor uns zu haben. Doch unsere Erwartungen verwirklichten sich nicht, Herr Dr. Werner lehnte es ab, den versprochenen Geschichtskurs abzuhalten. Als Grund gab er die Vorgänge bei der Schlusskneipe des vergangenen Semesters an. Bbr. Rück hatte in einer Tendenzrede das Wesen und Wirken anderer jüdischer Korporationen gestreift und ein als Gast anwesender Herr, der einer dieser Korporationen angehörte, fühlte sich durch die Ausführungen verletzt. Dieser Vorfall war zwar im besten Sinne erledigt, aber Herr Dr.. Werner fühlte sich nicht befriedigt und fürchtete, eventl. auch von uns angegriffen zu werden. Die Besorgnis war zwar durchaus unbegründet, jedoch genug: Herr Dr. Werner hielt den Geschichtskurs nicht ab. Auch sonst glaubten wir in der jüdischen Münchner Bürgerschaft eine Strömung gegen uns zu finden, — eine Annahme, die sich erfreulicher Weise nicht bewahrheitete, — und wir fühlten uns so auf uns selbst angewiesen. Und das Bewusstsein isoliert zu sein und auf keine fremde Unterstützung rechnen zu dürfen, wurde uns zum Segen. Wir suchten unseren Tendenzen gerecht zu werden und arbeiteten im Sinne des B.J.C. — ausserhalb des Vereins. Wo eine jüdische Versammlung stattfand, ein das Judentum behandelnder Vortrag, eine Diskussion, — stets waren zahlreiche V.J.St.—er zugegen; wenn es die Gründung eines jüdischen Vereins galt oder sonst etwas Jüdisches im Gange war, wir V.J.St. —er fehlten nie. Und aus dieser regen Anteilnahme am jüdischen Leben zogen wir zweifachen Gewinn. Wir selbst bekamen Anregung, Liebe und Lust zur Bethätigung in jüdischen Fragen, in der Oeffentlichkeit wurden wir bekannt und erhielten vielfach Gelegenheit, die B.J.C.-Tendenzen zti entwickeln. Doch auch im Innern waren wir nicht müssig, wenn auch das eigentliche Vereinsleben dem Wirken ausserhalb des Vereins