Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 27 (1930)
- Issue
- Heft 6 (Juli 1930)
- Date
- 1930-07-01
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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X, Wie die Z. V. f. D. hat auch das K.J.V, unter der Anwendung unangebrachter, weil auf unvollkommener Erkenntnis beruhender Schlagworte als Maximen der Erziehung gelitten. Die ewige Betonung einer „revolutionären Erziehung" hat jenen unfertigen, ewig scheinjugendlichen, wankenden und durchaus unmännlichen Typ geschaffen, der mit Recht wenig beliebt ist. Zionistische Erziehung muß auf die zionistische Idee Rücksicht nehmen und bestrebt sein, ihr gerecht zu werden. Das konservative Element muß in ihr ebenso berücksichtigt werden, wie das revolutionäre. Soll sie sich darauf richten, nach dem einmaligen Umsturz ein nie wankendes Festhalten an der einmal als gut und richtig erkannten Idee als Erfolg zu haben, so haben wir es, wie bei jeder Erziehung, mit einem Problem der Charakterbildung zu tun. Aber das ist nicht alles: halten wir Zionismus im Hinblick auf Erziehung (im weitesten Sinne) für nichts anderes als ein: „Werde, der du bist!", dann erheben wir damit implizite den Anspruch auf Erfüllung einer anderen pädagogischen Forderung, nämlich der Erfüllung der moralischen Persönlichkeit, Zionistische Erziehung heißt Charakterbildung und Erfüllung der Persönlichkeit; es gibt keine Erziehung, die weitergehende Forderungen stellen kann; es ist: Erziehung schlechthin! Ringen um die Ganzheit des Menschen!*) Ohne weiteres ergibt sich an dieser Stelle die Frage nach dem Erzieher. An welche Eigenschaften ist die Möglichkeit gebunden, erzieherisch zu wirken? Erziehen heißt Unterweisen durch Vormachen; aber der Erfolg ist bedingt durch die Ueberzeugung des Zöglings, daß der Erzieher es ernst meint mit seinen Forderungen, daß auch er selbst sie verwirklicht. Das bedeutet Vorleben dessen, was wir als Ziel der Erziehung hingestellt haben. Und kann das Ziel in den meisten Fällen nicht bereits vollkommen erreicht sein, so muß mindestens ein heißes Bemühen um seine möglichste Verwirklichung zu Tage treten. Höchste erzieherische Wirkung wird der entfalten können, der sich um die Erfüllung seiner ganzen Persönlichkeit bemüht. Die Geschlossenheit ist das Kennzeichen dieses Endzieles — und Geschlossenheit wird immer auch heißen müssen: Ausgleich. Auf das oben Gesagte angewandt: Wer den Ausgleich zwischen Revolutionärem und Konservativem, zwischen schnellem Fortschritt und zäher Beharrlichkeit vollzogen hat oder doch ständig nach ihm ringt, nur der kann und darf Erzieher bei uns sein. Letzten Ende® fallen die Begriffe Erzieher und Ziel in einer Tätigkeit zusammen: in der ausgeglichenen Persönlichkeit, die ruhig vorwärts gerichteten Blickes und mit ungebeugtem Willen am Wiederaufbau des jüdischen Volkes arbeitet. *) Es ist im Kartell Gewohnheit, in diesem Sinne von der „Totalität der Lebensbeziehungen'* zu sprechen, die in das Leben unserer Verbindungen einzubeziehen sei. Nichts anderes meine ich, Macht man aber Ernst mit dieser Forderung, so ist es ein Unding, etwa die Berufsfragen eine Nebensache zu nennen und sie dilatorisch zu behandeln. 36