Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 24 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Zur Kartellarbeit derung die Mobilisierung und Erhaltung der zionistischen Energien des einzelnen erwarteten. Wir sahen, daß hierdurch die Möglichkeiten der Individualsphäre in den Vordergrund des Interesses traten und die Zielsetzungen zionistischer Erziehungsgemeinschaften ausschlaggebend bestimmten. Ziel auch unserer Arbeit wird es sein müssen, unseren Bundesbrüdern diese Möglichkeiten, von denen ich die wesentlichsten angedeutet habe, zu erschließen. Wir werden dabei an die Bemühungen und Ergebnisse früherer Jahre anzuknüpfen und sie weiter zu entwickeln haben. Die augenblickliche Situation des Kartells und der Bewegung zeigt aber die Gefahren, die in der allzu einseitig auf die Individualsphäre gerichteten Vorstellungen liegen. Die große Forderung der Eingliederung in den Jischuw beherrscht das Leben der Jüngeren noch so sehr, daß sie bei den heute gegebenen Schwierigkeiten stumpf geworden sind gegenüber den Möglichkeiten der zionistischen Einzelpersönlichkeit, daß es keinerlei Auseinandersetzungen darüber gibt, welches die konkreten, überseh- und durchsetzbaren Ziele unserer Arbeit sein sollen. Man sieht kein Vorbild, dem man nacheifern möchte; zu den Ansprüchen, die der Zionismus heute an den Einzelnen stellen muß, hat man noch keine direkten oder unmittelbaren Beziehungen, man kennt keine Aufgaben, zu deren Erfüllung man sich bereit machen möchte, die mit dem Schwergewicht ihrer zionistischen Bedeutung gesteigertes Bemühen und letzte Bereitschaft auslösen könnten. Selbst den wenigen Forderungen, die wir schon in das Kartell hineingetragen haben, und die formell durchgesetzt worden sind, wie die des Hebräischen, kommt man nur höchst mangelhaft und unlustig nach, ohne jeden Plan der für die Ueberwindung natürlich gegebener Schwierigkeiten eingesetzt werden könnte. Man weiß, daß weite Kreise der Altherrenschaft, wrie der älteren Zionisten, überhaupt den Ansprüchen der zionistischen Gegenwart nicht gerecht werden, und daß die Bewegung Not leidet durch den Mangel an Menschen und Mitteln, nirgendwo gibt es aber in den Kreisen der Jüngeren den Versuch, jetzt schon dafür Sorge zu tragen, daß die heranwachsende Generation sich einmal mehr bewähren solle. Die älteren Bundesbrüder sind den Bedingungen eines bürgerlichen Alltags als Isolierte unterworfen. Jeder versucht für sich, den Anforderungen, die der Zionismus heute stellen muß, und die für ihn meist die einzigen Berührungen mit der zionistischen Welt darstellen, mehr oder weniger nachzukommen, bei vielen siegt das Eigeninteresse über das Gemeinschaftsgefühl und das Verantwortungsbewußtsein, und nur wenigen erwachsen gerade aus der Ueberwindung der Schwierigkeiten, die jeder zionistischen Leistung entgegenstehen, die Kräfte, die es ihnen ermöglichen, der Idee treu zu bleiben und durch die Idee wesentlichsten Bezirken ihres Menschentums Sinn und Inhalt zu geben.