Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 24 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Ohne mich einer unzulässigen Oberflächlichkeit schuldig 2U machen, darf ich wohl an diesem Punkte unserer Ueberlcgungen mit der Feststellimg mich begnügen, daß die — von mir mit aller Eindringlichkeit bejahten -— Kräfte und Steigerungsmöglichkeiten der politischen Sphäre dem größten Teil unserer jüngeren und älteren Bundesbrüder relativ unganglich sein und bleiben werden. Aus dieser Erkenntnis ergibt sich für uns die zwingende Notwendigkeit, an die Erschließung auch anderer Kraftquellen heranzugehen, die uns menschlich und sachlich weiterbringen können. 6. Die von mir oben angedeutete Gegenüberstellung von Individual- und Gemeinschaftssphäre, als den beiden wesentlichsten Bezirken unserer Zielsetzungen, die vielleicht auf den ersten Blick etwas künstlich und unergiebig zu sein scheint, könnte wohl doch ein wenig Klarheit bringen in die Verschlungenheiten unserer Hoffnungen, Wünsche, Forderungen, Notwendigkeiten und Möglichkeiten. Die Realität Palästinas hat die zionistische Bewegung vor eine große Aufgabe gestellt, die in einem nüchternen und schwierigen Alltag sich vollzieht. Die Kräfte der Bewegung mußten daher seit dem Kriege in einem unerwarteten Ausmaß für die konkreten, ständig sich steigernden Erfordernisse des Aufbaus zur Verfügung gestellt * werden. Diese völlig neue Situation, in der das Ideologisch-Bekenntnismäßige immer mehr an Bedeutung verlor, hatte auch eine weitgehende Umgestaltung des zionistischen Persönlichkeits-Ideals zur Folge. Der Chaluz wrurde die zentrale Figur des zionistischen Lebens. Er wurde der Prototyp des zionistisch sich Bewährenden. Er realisierte die jetzt gegebene Möglichkeit, Zionismus im Leben und durch das Leben des Einzelnen zu verwirklichen. Sein Beispiel einer zionistischen Lebensform und der Auftrieb, der von den gestaltenden Kräften des Jischuw ausging, führten dazu: den Schwerpunkt zionistischer Zielsetzungen in die Individualsphäre zu verlegen. Ueber den großen Gedanken der Chaluziuth — im engeren und weiteren Sinne — hinaus brachten die den Notwendigkeiten entsprechend gesteigerten Ansprüche neue Maßstäbe, denen der Zionist gerecht zu werden versuchte und die die Zielsetzungen zionistischer Erziehungsgemeinschaften entscheidend bestimmten. Die materiellen Bedürfnisse des Kolonisationswerkes verlangten Erfüllung der Maasser-Pilicht. Der Wunsch und die Bedeutung einer geistigen Anteilnahme am Leben des Jischuw führten zur Forderung der Hebräisierung. Eine Beteiligung am Leben der Bewegung war nur möglich in der Form der politischen Arbeit mit ihren großen sachlichen und menschlichen Schwierigkeiten, mit ihrer zeitlichen Inanspruchnahme, mit der ganzen verwirrenden, kaum noch übersehbaren Fülle von objektiven Tatsachen und persönlichen Zusammenhängen, deren Beherrschung unerläßliche Voraussetzung politischer Aktivität ist. Die Mitarbeit an den Zellen der Organisation — Ortsgruppen, Bezirksverbänden — lockte wegen der menschlichen