Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 19 (1922)
- Issue
- Heft 4 (April 1922)
- Date
- 1922-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
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45 will, gezwungen, zu prüfen, wie weit das Prinzip der Organisierung sich nicht nur auf einzelne Nationen und einzelne Wirtsehaftsbezirke, sondern auch auf die gesamte Menschheit anwenden läßt. Wir gehen hier nicht ein auf das Problem der Organisierung einer planetarischen Gemeinwirtschaft für alle Erdteile und alle Völker, sondern wollen nur untersuchen, wie dieses Prinzip angewendet werden muß, um eine Steigerung der kulturellen Produktion der Gesamtheit zu erzielen. Und wir sehen, daß wiederum dem Prinzip der Organisierung das Prinzip der individuellen Gestaltung entspricht. Der Sozialismus bedarf der einzelnen Nationen; ohne sie kann er sein Versprechen nicht einlösen, den kulturellen Verfall aufzuhalten. Kultur kann nie in Einförmigkeit wachsen. Es kann keine Kultur geben, wenn es nicht Kulturen giht, wenn nicht sverschiedenartige Menschengruppen verschiedenartige Formen hervorbringen, wenn nicht verschiedenartige Kulturen im Wettstreit einander befruchten. Da aber Kultur nur aus festen, in sich ge» schlossenen Menschengruppen wachsen kann, die eine gemeinsame Grundlage kultureller ,f Produktion besitzen in gemeinsamer Sitte und gemeinsamer Sprache, in gemeinsamem Geist und Wesen und gemeinsamer innerer Gesetzmäßigkeit, so müßte der Sozialismus versuchen, derartige Menschengruppen zu erzeugen, wenn sie nicht vorhanden wären: in Gestalt der Nationen. Deren individuelles geistiges Leben ist die notwendige Konsequenz aus der sozialistischen Organisierung. Um der menschlichen Kultur willen muß der Sozialismus die Individualität der Nationen sichern und er» halten. Und in diesem Sinne ist der Sozialismus national. Es ist unnötig, hinzuzufügen, daß er nichts zu tun hat mit Strömungen, die nationalistische und reaktionäre Verhetzungen bezwecken,, und die sich eigentlich zu Unrecht des Wortes „national" bemächtigt haben. Der sozialistische Nationalismus ist Voraussetzung für den Grundsatz der Internationalität. Er bezweckt nichts als die Erhaltung der nationalen Gruppen, der Träger und Entwickler der Kultur. Er will ihnen ermöglichen, ihr individuelles und kulturelles Leben zu führen, es nach ihrer eigenen Art zu formen und zu gestalten. Er ist darum im letzten Sinne der tiefste Gegensatz zu den nationalistischen Bestrebungen, die die politische, wirtschaftliche oder geistige Vergewaltigung eines Volkes durch ein anderes bezwecken.