Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 17 (1920)
- Issue
- Heft 4 (August 1920)
- Date
- 1920-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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M^i»^ 1 l||P;:Jt^^ Lande selbst erworben werden kann. Gerade zur Erwerbung tieferer Kenntnis unserer ostjüdischen Brüder haben wir schon hier Möglichkeit. Da& diese Möglichkeit auch Notwendigkeit, ist, davon später. Wie wenige von uns K. J. V.ern kennen denn wirklich Ostjuden? Wer Perez und Scholem Aleichem gelesen hat, kennt sie noch lange nicht ausreichend genug; das ist Literatur, wenn auch lebendige Literatur, aber kein Leben. Ein kurzer Gang durch die Grenadierstraße in Berlin, und eine Fülle von ungewohnten Bildern und neuen — und doch schon so lange versäumten — Aufgaben tut sich uns auf. In der Nachbarstraße, Dragonerstraße 22, ist das Jüdische Volksheim. Dort kommen täglich eine größere Anzahl von ostjüdischen Kindern und jungen Menschen zusammen. Vorträge, Kurse, hebräischer Unterricht, Kindergarten, Wanderungen, die leider in. nur zu geringem Maße von Bundesbrüdern geleitet werden, führen diese Menschen zusammen. Auch hier ist eine kleine Möglichkeit, Ostjuden kennen zu lernen. Die einzige, umfassende und eingehende Möglichkeit ist im Osten selbst. Augenblicklich ist es aus bekannten politischen Gründen kaum möglich. Aber wer hat sich denn schon ernstlich bemüht? Und wer wird daran denken, wenn, vielleicht schon in ein oder zwei Jahren, diese Möglichkeit vorhanden ist? Jedem von uns sind Fälle bekannt, wo ältere Bundesbrüder tagelang auf einen Patienten warten. Im Osten ist's eher umgekehrt. Wer auch nur einigermaßen mit den Lebensverhältnissen im Osten vertraut ist, weiß, daß es Notwendigkeit, bittere Notwendigkeit ist, daß junge, freudige Arzte ihr Arbeitsfeld für einige Zeit in die engen Judenviertel Wilnas, Kownos, Warsehaus, Lubiins verlegen. Auch das ist Arbeit am Aufbau. Wer das tut, dient unserem Volke direkt durch die Gewähr seiner ärztlichen Hilfe und Kraft an einer Stelle» wo beides wirklich gebraucht wird, und macht, daß das Bewußtsein von der Einheit unseres Volkes in Ost und West nicht mehr eine mehr oder weniger akademische Frage, sondern lebendiges Erlebnis wird, ein Grundstein für den Aufbau unserer Heimstätte. Ein Volk! Zu dem nun, was Olifzki und Jaruslavsky im vorletzten Heft des J. St über die Berufsvorbereitung des Mediziners sagten. Auch mir erscheint es notwendig, daß bei der Oberzahl an Ärzten in Palästina ein Ausweg gefunden wird. Ein Ausweg, der nicht nur negatives abstellt, sondern gleichzeitig die Möglichkeit eines Wertes in sich hat. Vorhin streifte ich schon die volkserzieherische Aufgabe, die dem Arzte drüben zufällt. Ein palästinensischer Bundesbruder, Kolonistensoha, der in Palästina längere Zeit einem größeren Lehrbetriebe vorstand, bestätigte mirt <$aß schon heute vielfach die Stellung des Arztes in der Kolonie geradezu zentral sei. Um wieviel mehr wird das der Fall sein, wenn wir in der Zeit neuen Aufbaues sind, wenn wir mit den Kenntnissen hinüber kommen, die uns das Bewußtsein unserer Aufgabe zu erwerben veranlaßt! Ich meine nicht, daß wir hinübergehen wollen in dem Bewußtsein, schon ein solches „Zentrum" zu;>ein, aber wir wollen die Aufgabe festhalten. In beiden genannten Aufsätzen wird als Ausweg angegeben: ein Nebenberuf, der einer palästinensischen Notwendigkeit entgegenkommt. Von vornherein fallen gewisse Arten des Handwerks fort denn ein Arzt, der sechs Stunden am Tage den Schmiedehammer oder die Zimmermannsaxt schwingt, wird in der übrigen Zeit nicht fähig sein, Kranke zu untersuchen, ihnen zu helfen» sich medizinisch fortzubilden, ja nur wissenschaftlich auf dem Laufenden zu bleiben, von aüer anderen geistigen Arbeit abgesehen. So ist die Zahl der Berufe, die zur Wahl stehen, beschränkt. Jedes Handwerk setzt eine gründliche Lehrzeit voraus, denn spielerische Flickarbeit und Stümperei kann nicht m einem Berufe ausreichen, der Werte hervorbringen soll Vielleicht kommt auch mancher Arzt in die Lage, daß sein Nebenberuf zum Hauptberuf wird. So ist irgendeine beliebige Lehrstelle, in der der Tischlerlehrling zunächst ein Vierteljahr Leim kocht und die Werkstatt fegt, Zeitverschwendung und unmöglich. Was geschaffen werden muß, das