Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 11 (1914-1915)
- Issue
- Heft 5 (1.11.1914)
- Date
- 1914-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Jüdische Student 145 ein eifriges Kastentraining im Ruderbassin des Groß-Lichterfelder Realgymnasiums ein, an dem sich schon sechs neue Bundesbruder beteiligten. Daneben turnten wir mit den Berliner Kartellvereinen allwöchentlich und nahmen die Gelegenheit wahr, uns auf den uns vom Sommer her wohlbekannten Wasserwegen auf schnellem Schlittschuh zu tummeln, sogar mehrmals die Müggel zu überqueren. Die Freudigkeit, die uns der Sommer gegeben hatte, drückte auch den Veranstaltungen der rudersportlich toten Saison ihr Gepräge auf. Schon der 11. Februar sah den ersten Vierer wieder auf dem Wasser; im Fahrtenbuch steht dabei der Vermerk: Sturm, Hagel, Schnee. Ein steifer Grogk richtete uns wieder auf. Nachdem der Betrieb im März durch die Ferien und Feiertage etwas an Intensität gelitten hatte, wurde er Anfang April wieder aufgenommen. Das neue Semester brachte uns vier Füxe, die sich bald in den Ruder- und Korporationsbetrieb fanden. Der Betrieb dieses Semesters hat seinesgleichen in unserer nunmehr 12-semestrigen Geschichte nicht gehabt. Der Zusammenhang zwischen den Bundesbrüdern war besonders intensiv und herilich. Wir sind in ein neues Stadium unserer Entwickelung getreten. Es ist uns gelungen, ein eigenes Heim zu erlangen. In Oberschöneweide haben wir ein geradezu herrliches Grundstuck erworben, auf dem uns zwei Häuser zur Verfügung stehen, umgeben von einem parkartigen Garten mit mannigfaltigen Obstbäumen.*) Der Betrieb ist unvergleichlich reger denn je. Während bisher die Bundesbrüder spät in der Nacht in dumpfen und überfüllten Stadtbahnzügen nach Berlin zurückfahren mußten, so übernachten jetzt fast regelmäßig 15 und mehr Ruderer im Vereinshaus und sind am frühen Morgen nach erquickender Brause zum Training oder zur Tour bereit. Die Bundesbruder hatten Gelegenheit genug, ihren Geschmack bei der Errichtung des Hauses zu zeigen. Nach einem Uebergangsstadium von drei Wochen war unser Heim gemütlich und zweckmäßig eingerichtet. Besonders haben mehrere Alte Herren sich dabei unsern Dank verdient. Es ist bezeichnend für den Reiz unserer Ruderei, daß gerade Alte Herren besonders oft und gern, auch von auswärts, mitten aus der Berufsarbeit und Examensarbeit zu uns gekommen sind. Auch sonst konnten wir viele Gäste bei uns begrüßen, die immer einer gastlichen Aufnahme sicher waren, da drei Bundesbrüder den ganzen Sommer hindurch draußen wohnten und nur ungern ins Kolleg fuhren. Trotzdem ist festzustellen, daß niemand das Studium über die Maßen vernachlässigt hat; denn der Sport bringt in den ganzen Menschen einen frischen Zug und gibt ihm jedenfalls mehr Arbekslust als die Kaffehausluft. Im Anschluß an die Ruderei veranstalteten wir Vorträge, besonders von Alten Herren, und regelmäßige Zeitungsreferate; so daß auch unsere jüdische Ausbildung nicht stillstand. Den Konnex mit den Berliner Kartellverbindungen erhielten wir durch gemeinsame Veranstaltungen, wie Trefffahrten und Bowlenkneipen, aufrecht. Manche lernten unsern «Jäetricb näher kennen, wenn sie als „Kielschwein" an unsern Touren teilnahmen. Es ist wohl erklärlich, wenn unter diesen Umständen unsere Aktivitas einen bisher unerreichten Umfang angenommen hat. Unsere Corona setarte sich aus *) S, die Abbildung.