Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1919-05-01 · Heft 3 (Mai 1919) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
16 (1919)
Issue
Heft 3 (Mai 1919)
Date
1919-05-01
Page
[Seite] (sequence 32)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3537599-3537737-3537740--4510-3542263
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

96 LACHMANN, Das Resultat den jämmerlichen Oedankengängen und Empfindungen entzogen wurde, die wir von Golusknospen her gewöhnt sind. Und in gleicher Weise mußte uns die Vorstellung beglücken, daß in die schmiegsame Kinderseele Vorstellungen einzogen, die die schwere Arbeit der Gewinnung unserer Jugend für unser Ideal erleichterten. Denn wir hatten vorher zu unserem Schmerz gesehen, daß die assimilierte Jugend unserer Arbeit eherne Gleichgültigkeit in steigendem Maße entgegenbrachte. Wer diese zweite Arbeit nicht sehr hoch schätzt, zeigt, daß ihm die Einsicht für politische Arbeit fehlt. Der Biau-Weiß hat uns enttäuscht und nicht gehalten, was er versprochen hat. Es ist nicht wahr, daß er auch nur einen irgendwie in Betracht kommenden Teil der jüdischen Jugend hinter sich gebracht hat, es ist nicht war, daß eine durchgreifende seelische Vertiefung der ihm angeschlossenen Jugend stattgefunden hat. Er bedarf der Kritik, um Wertvolles zu leisten. Die Zeit der staunenden Bewunderung muß in seinem Interesse vorüber sein. Wer die Blau-Weißblätter liest, und ich tue das seit Jahren, findet zu seiner Ueberraschung an positiven seelischen und sachlichen Erfolgen nach den eigenen Geständnissen der Leitung und der einzelnen Bünde wenig Befriedigendes, viel inneren Zank, viel Klagen über Unergiebigkeit der Innenarbeit, sehr geringe Fortschritte der einzelnen Bünde, abgesehen von dem Auftakt unmittelbar nach der Gründung entsetzlich viel Austritte, Mangel an Ausdauer und zahllose Anläufe. Diese Fehler hätten trotz allem nicht viel auf sich, wenn nicht ein anderer dazu käme. Sie sind untrennbar mit jeder beginnenden Jugendarbeit verknüpft und gewissermaßen ihre Kinderkrankheiten. Jugend, die sich.organisiert, muß Fehler der Jugend begehen. Aber der Blau-Weiß hat einen Fehler; er ist so selbstbewußt, daß er aus seinen Fehlern nichts lernt, nicht einmal aus seinen Mißerfolgen. Die Begründer des Blau-Weiß lehrten mit Fug und Recht ihre Jünger, daß das reine Ideal der Blau-Weißbewegung, Opfersinn, Natürlichkeit, Liebe zur Natur, Liebe zur jüdischen Arbeit, ein niemals zur Schau getragenes, inneres Selbstbewußtsein gibt, das erhaben macht über den Alltag. Wie immer, wenn große Empfindungen verallgemeinert werden, ist es auch hier geschehen. Das nach außen sehr deutlich betonte Ueberlegenheitsgefühl ist geblieben, die Grundlagen, die es bilden sollen, sind nicht so deutlich in Erscheinung getreten. Dafür wird sehr viel über das innere jüdische Erlebnis geredet, meiner Ueberzeugung nach nur ein Betäubungsmittel. Jugend, die ganz tiefe innere Erlebnisse hat, kann nicht so viel darüber reden, wie man es hier andauernd beobachtet. Das seelische Empfinden ist wie die Zugluft, die uns streift, wenn wir vorwärts fahren; es ist unfaß-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.