Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 15 (1918-1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Juni 1918)
- Date
- 1918-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Deütsdtmann, Ernst Doctör Ernst Doctor Viele von uns mögen ihm begegnet sein, aber wenige nur kannten ihn, so schrieb mir ein Bundesbruder zugleich mit der Nachricht seines Todes. Von denen, die ihn kannten, bin ich wohl der letzte, nachdem ihm sein Leibbursch Ludwig Franz Meyer und sein Vetter Karl Anders im Tode vorangingen, und so muß ich die traurige Pflicht erfüllen, die ich nie hätte erfüllen mögen, ihn Euch so zu schildern, wie er vor meinem Gedächtnis steht. In Untersekunda saßen wir, drei jüdische Großstadtpennäler, als er zu uns kam. Kaum daß jemand in irgendein -näheres Verhältnis zu ihm trat: ein ruhiger, fast stiller Mensch, fiel er uns erst in der Turnstunde durch seine Körperkräfte auf, die er auch ständig zu Hause durch Turnen und Hanteln stärkte. Miteinander bekannt wurden wir erst später, als wir in der damaligen Schülervereinigung „Junig- Juda" zusammentrafen. Hier entwickelte er sich bald — viel eher als wir andern — zum Zionisten. Als wir Primaner wurden, gründete Marcus in Breslau den ersten jüdischen Wanderbund, dem wir von seinen ersten Tagen an angehörten. Hier hatte er ein Ziel und eine Arbeit gefunden, die ihm würdig erschien, seine ganze kraftvolle Jugendlichkeit drängte sich! nach Betätigung, seine kerngesunde Veranlagung brachte ihn zum Wandern und zur Natur. In weitschweifigen Diskussionen große Worte schwingen hat er nie gemocht, obwohl er geistig durchaus denen ebenbürtig war, die es taten, und seine größte Sorge für den Bläu-Weiß nqdhi in seinen letzten Tagen war die, daß derselbe vor lauter Problemen und Theorien seine wahre Arbeit vergessen könnte. Hier im Blau-Weiß bildete sich auch unsere Freundschaft. Freund sein hieß für ihn sich bis zum Aeußersten für den Freund hingeben. Noch1 bei seinen Lebzeiten sagte ich zu einem Bundesbruder: Ich bin überzeugt, daß ich mich, wenn es mir einmal ganz schlecht ginge, auf Ernst Doctor voll und ganz verlassen könnte. Wie hoch seine Auffassung von dem Begriff „Freundschaft" war, möge die Tatsache beweisen, daß er, als ich im vorigen Jahre ein vierwöchentliches Kommando in . Belgien hatte, eine anderthalbtägige Reise teilweise auf offener Lokomotive im Winter — zu mir machte, um etwas über eine Stunde mit mir Zusammensein zu können. Im März 1914 hatten wir zusammen unser Abitur gemacht und wurden im B. J. C. aktiv, er in Freiburg, ich in Breslau. Lautere Fröhlichkeit ist es, die in dieser Zeit aus seinen Briefen klfrigt. Unsere Wiedersiehensfreude nach dem ersten Semester sollte nur kurz sein — der Krieg riß uns auseinander, aber nur äußerlich. Gerade im Krieg entwickelte er sich' wie die meisten von uns in intensiver ernster Weise. Immer mehr ringt er sich zur Klarheit und Bestimmtheit, immer mehr zum Judentum durch. Sein Hauptprinzip ist Arbeit und Betätigung, das Wort haßt er beinahe. Das ist der Grund, weshalb der stille, reine Mensch oft verkannt und nur wenigen Freund wurde.