Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 10 (1913-1914)
- Issue
- Heft 10 (21.3.1914)
- Date
- 1914-03-21
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student schlafften Zeitalters wegfegen wird, um einer neuen, fruchtbaren Ordnung der Dinge Platz zu schaffen. In allen Gliedern kündet sieh das Nahen einer neuen Zeit: viele erwarten eine religiöse Erneuerung — alle aber spüren, daß es die Kräfte der Seele, und nicht die des Verstandes» sein werden, welche der neuen Zeit den Odern geben, daß der Rationalismus tot ist und die Zukunft den edleren, (Jen seelischen Kräften im menschlichen Wesen gehört Und als eine schöne Fracht dieser idealen Strömung der Zeit scheint auch der Zionismus verwandte Saiten in manchen europäischen Herzen zu berühren. Im Dezernherhcft der „Neuen Rundschau" ist eine gründliche, umfangreiche Studie eines jungen, deutschen Dichters über den Zionismuserschienen, die ihren Urrprung offenbar einem solchen Gefühl der Sympathie und Verwandtschaft verdankt. Die „Neue Rundschau", die schon seit vierzig jähren an der Spitze der deutschen Zeitschriftenliteratur steht und durch ihr Urleil das gesamte geistige Schaffen Deutschlands, ja auch anderer Länder, geleitet und beherrscht hat, tat schon häufig ein lebhaftes Interesse an jüdischen Dingen kund. Ais unparteiische Dichterin über die Erscheinungen europäischer Kultur konnte sie an ihrem stärksten Faktor, dem jüdischen, nicht vorübergehen. Noch unhingst beschäftigte sie sich in einer Abhandhing über jakob Wassermann in sehr fruchtbarer und tiefgründiger Weise mit dem Wesen des jüdischen Geistes. Dann begann sie - wie früher Schnitzfers Judenroman veröffentlicht hätte —- den neuen judenroman Äage Madelungs „Die Gezeichneten" zu veröffentlichen. Hier schildert ein Dichter skandinavischer Herkunft mit einer erstaunlichen Kraft der Einfühlung die stelische Verfassung des Meschumed, des abtrünnigen Juden, in dtm die ererbte Substanz, der natürliche Ursprung, und die durch Assimilation erworbenen Mächte europäisch-russischer Kultur miteinander ringen; den Sieg erkennt der Dichter aber dem angestanwittn Volkstum zu: aufgerieben und zerqtiJt durch den Wid* isne , der** wesensfremden Mächte kehrt der Meschurfied aus seiner glanzvollen Stellung in der j> rotten Welt demütig zurück zu den verleugneten Verwandten in die Enge des Ghetto, um hier den Frieden zu suchen. „Ja, wenn man Erde aus Palästina auf den geschlossenen Augenlidern hat, kann man ruhig schlafen;' Er findet die Erlösung ais ein tragischer Held im Tode, den er als Jude unter Juden bei einem Pogrom erleidet. Die höllischen Scheußlichkeiten dieses Pogroms werden von Madelung im DezemberheU der „Neuen Rundschau" mitfürchterlicher Lebendigkeit' geschildert. Dann entläßt der Dichter seine l^eser — entläßt* seine jüdischen Leser schweratmend, erschüttert und von Schani und Wut zerwühlt, daß ihren Brüdern im Goius so etwas geschehen muß. . >'