Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 9 (1912-1913)
- Issue
- Heft 5 (20.8.1912)
- Date
- 1912-08-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Der Jüdische Student Monatsschrift des Bundes Jüdischer Corporationen 9. Jahrg. Berlin, 20. August 1912 No. 5 Die Jüdische Korporation Von Erwin G o 1 d e m a n n (V. J. St. Maccabaea A. H.), Berlin Der primitivste Trieb der Lebewesen ist der der Selbsterhaltung. Er ist die gemeinsame Grundlage aller Lebenden und bedarf keiner weiteren Rechtfertigung. Fragen wie diese: Macht die Betonung oder die Ueberwindung des Tieres im Menschen uns glücklicher? haben einigen Sinn nur, wenn sie jene Grundlage unberührt lassen. Eine wirkliche „Ueberwindung des Tieres" würde das Ende des Menschengeschlechtes bedeuten. Diesem elementaren Instinkt entspricht im Bereiche des menschlichen Bewußtseins das Leben-Wollen, die ausdrückliche Bejahung. Und hier trennen sich sehr scharf die bewußten und die unbewußten Wesen. Diese, in eine fremde Umgebung versetzt, ohne das Bewußtsein ihrer Eigenart, assimilieren sich. Ihr Selbsterhaltungstrieb geht über die animalische Funktion der individuellen Fortpflanzung nicht hinaus. Ein niederer Organismus, der unter wesentlich anderen Bedingungen als früher lebt, verändert seine Gewohnheiten, ähnelt sich allmählich der herrschenden Art an, unterscheidet sich in wenigem oder nichts mehr von ihr und verschwindet im Laufe der Zeit, obschon einst ein Geschöpf von eigner Prägung. Das Leben-Wollen des bewußten Menschen dagegen findet gerade seinen vornehmsten Ausdruck in dem stürmischen Verlangen, seine Eigenart zu bewahren, nicht zu verschwinden. Er ist sich seines besonders gearteten Seins bewußt, und das Bewußtsein verhindert ihn, haltlos in ein fremdes Sein hineinzugießen und läßt ihn die unendliche biologische Minderwertigkeit jeder Assimilation empfinden. Sie läßt ihn erkennen, daß in seiner Eigenart all seine Glücksmöglichkeiten liegen, daß hier für ihn die Wurzel der Persönlichkeit, des Stolzes, der Kraft zu suchen ist; seine Eigenart ist sein Leben. Diese Er-