Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 1 (20.4.1911)
- Date
- 1911-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 29 Zehn Jahre lang haben wir uns einer Ameisenarbeit hingegeben, ohne in die Zukunft zu blicken, ohne kommenden Ereignissen kühn ins Auge zu schauen, ohne unsere Nation auf den Tag des Unglücks und auf den Tag der Erlösung vorzubereiten. So kam es, daß die Erlässe der russischen Regierung wie ein Blitzstrahl auf unser Volk herabfielen und es zu einer Massenauswanderung zwangen, welche die Führer der Zionssache nicht im Sinne ihrer Ziele leiten konnten; ja, daß zu gleicher Zeit die Türkische Regierung die Pforten des heiligen Landes auch jenen wenigen von unseren Brüdern verschloß, welche mit unserer Unterstützung sich in Palästina ansiedeln wollten. Niedergedrückt und mutlos sehen nun die russischen Zionsfreunde Tausende und abermals Tausende übers Meer wandern und sich vielleicht auf immer von Palästina entfernen. Aber ferne sei es von Israel, zu verzweifeln! Höret auf uns, ihr Brüder, lasset Mut in eure Herzen treten; vernehmet die Stimme Jener, welche für die Zukunft arbeiten. Lasset ruhig jene ziehen, welche der grosse Menschenfreund nach Amerika führt: was ist ein Tropfen im Meere, und was sind Tausende gegen eine Nation? Je mehr unsere Brüder in Freiheit leben werden, je mehr Kolonien unser Volk auf der Erdkugel besitzen wird, desto größer und mächtiger werden wir in der Zukunft sein. Lasset sie ziehen, da ihr sie weder im Lande erhalten, noch nach Palästina führen könnet! Uns aber lasset mit frischen Kräften, belehrt durch Erfahrungen, ans Werk gehen; lasset uns vor allem jene Fehler beseitigen, die wir in dem ersten Dezennium unserer Tätigkeit begangen, alles das tun, was wir bis jetzt unterlassen! Hören wir auf, die Wiedergeburt unseres Volkes zum kleinlichen Kinder- und Puppenspiel herabzuwürdigen, und schreiten wir mit großen und wahren Mitteln an das große und wahre Werk! Unsere Sache ist nicht philantropisch, sie ist eine nationale Sache! Unser Mittel ist nicht die „Nedowo", es ist die Politik! Unser Werkzeug ist nicht die Sammelbüchse, es ist die Presse, die Agitationsschrift, das Wort des Wanderpredigers!