Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 8 (1911-1912)
- Issue
- Heft 1 (20.4.1911)
- Date
- 1911-04-20
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Der jüdische Student. Biram (Bln. A. H.). 1. Ja, keineswegs nur eine Religionsgemeinschaft, wenn ich auch nicht leugnen kann, was meiner Meinung nach zu viel getan wird, daß sie das auch sind. Sie sind ein Volk, wenn auch nicht das stolze, schöpferische Volk, das sie einst waren, wenn sie auch unter den abnormen Verhältnissen, unter denen sie 18 Jahrhunderte leben, verkrüppelt sind und ärmer geworden sind an Institutionen des Volkes, als je ein anderes Volk; sie haben kein Land, keine Sprache, keine Kultur, keine Journalistik, keine Kunst etc.; manchmal sieht es mir selbst so aus, als ob das Judentum nur eine Religionsgemeinschaft sei, denn in manchen Perioden seiner Geschichte tritt das religiöse Element ganz einseitig hervor, aber ich bin mir wohl bewußt, a) daß man darum einer Gemeinschaft noch nicht die Nationalität absprechen kann, weil periodenweise der religiöse Gesichtspunkt in den Vordergrund gerückt worden ist; ich erinnere nur an den dreißigjährigen Krieg und das Reformationszeitalter überhaupt, wo die Gruppierung Europas nicht nach Nationalitäten, sondern nach religiösen Bekenntnissen vor sich ging, wo nur um Dogmen gekämpft wurde, und dennoch wird niemand behaupten wollen, die Deutschen oder etwa die Schweden wären nun keine Nation. Der Nationalgedanke steht im Völkerleben nicht immer im Vordergrunde. b) daß die Religion, ebenso wie sie oft international, ja kosmopolitisch ist, ebenso ein nationales Element sein kann. (Los-von-Rom-Bewegung; der Kampf gegen den Klerikalismus in Deutschland wird als nationale Sache betrachtet.) c) daß das Judentum ja über die Religionsgesellschaft hinausgehoben immer dadurch wurde, daß der Kreis seiner Bekenner über den Kreis seiner Stammesgenossen nicht hinausging, daß es stets an die nationale Vergangenheit anknüpfte und daß es stets die Hoffnung auf nationale Wiedergeburt in sich trug. Durch physische, psychische, religiöse und historische Eigenart sind wir ein Volk; dessen sind wir uns nicht immer bewußt gewesen,