Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 1 (1904) (Fortsetzung)
- Issue
- Heft 3 (September 1904)
- Date
- 1904-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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-----83 "Wenn also auch in den Jahren 1891—1900 99455 London, als Reiseziel angaben, so betrug die Zunahme der russischen und polnischen Bevölkerung in London in diesem Zeiträume nur 26 795 (von 26 742 im Jahre 1891 auf 53537 im Jahre 1900). Die Zahl der jüdischen Einwohner Londons! überhaupt wird für 1901 auf 104 550 unter 6 581327 Einwohnern (1,58 o/0) angegeben. Fast alle diese Massen haben sich seit 20 Jahren im East End (Ostviertel) und den angrenzenden Bezirken, an der Stelle des alten Londoner Ghettos, zusammengestaut zu einer Stadt für sich, die in einzelnen Bezirken (so z. B. Whitechapel) an eine Stadt im russischen Ansiedlungsraiyon erinnern soll. Hier, wo 90 o/o aller in London wohnenden Russen und Polen leben, herrscht das Jüdisch-Deutsche als Verkehrssprache.3) Drei Zeitungen erscheinen in ihr, die Geschäftsschilder, Strassenanschläge und Reklamezettel sind in beiden Sprachen, Jargon und Englisch, abgefasst; der Handel ist zum grössten Teil auf die Strasse verlegt. Zangwill beschreibt uns dieses Leben so anschaulich in seinem „Kinder des Ghetto". Die Gemütsverfassung, in der die Einwanderer landen, ist meist deprimiert; die beschwerliche Fahrt im überfüllten Zwischendeck hat sie körperlich hart mitgenommen; durch schlechte Behandlung gedemütigt, mit geringen Geldmitteln versehen, eine ungewisse Zukunft vor Augen, durch das Verhör vor der Einwanderungsbehörde geängstigt und eingeschüchtert, sind sie froh, wenn sie gleich nach ihrer Landung Beschäftigung finden, gleichviel welche und gegen welche Bezahlung; dann sind sie wenigstensl für die erste Zeit der drückendsten Nahrungssorgen enthoben und haben meist auch ein Unterkommen für die Nacht. Beschäftigung zu finden, fällt nicht schwer; der Unternehmer, der Arbeiter 3) Interessant ist folgende Bemerkung Eduard Bernsteins (Jüdische Statistik 1903, S. 337): „Allerdings ist der Jargon der osteuropäischen Juden für die Engländer etwas ganz anderes wie z. B. für die Deutschen. Er ist ihm von vorneherein so gut wie eine fremde Mundart, wie irgend eine andere Sprache und verletzt daher sein Sprachgefühl nicht im geringsten... Wenn also z.B. bei den grossen Maidemonstrationen des Arbeiters im Hyde- Park der für das „Jiddish" bestimmte Bedner in seinem Jargon sprach, so war das für das englische Publikum eine durchaus ernste Sache, während ein Jargon sprechender Redner in einer Versammlung von Deutschen auf den grössten Teil dieser komisch oder abstossend wirken würde."