Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 8 (20.2.1925)
- Date
- 1925-02-20
- Page
- Seite 148 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2277379-2277569-2277577--01918-3536827- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
148 Heinrich Heines Stellung Zum Irröentum. Don Tr. Hrrgo Lachmarrsti« . L - Freund und Feind haben bei der Beurteilung Heinrich Heines gern die jüdischen Stammeseigentümlrchkeiten des Dichters hervorgehoben, die sich in seinem menschlichen Charalterbilde ebenso wie in seinen TkiUn widerspiegeln sollten. Um nur die Leiden bedeutendsten Antipoden der Heinetritil namhaft zu machen: so hat Heinrich von Lreitschke von der „Unersättlichkeit jüdischen Hasses" gespronzen, mit der Heine seine Gegner verfolgte, und auf der anderen Seite hat ein so verdienstvoller Heincforschcr wie Gustav Karpeles in einer seiner srühesten Heineschristen den Weltschmerz und den ironischdissonierenden Witz als spezifisch jüdische Eigenschaften für den Dichter in Anspruch genommen. Ten berühmten Verfasser der „Deutschen Geschichte" braucht man für seine tendenziöse Behauptung nur mit seinen eigenen Waffen zu schlagen: wer hat je so leidenschaftlich gehaßt wie Heinrich v. Treitschke? Karpeles aber hat verkannt, daß der Weltschmerz - kein Unterscheidungsmerkmal, sondern eine Zciterscheinung wardie sich dem leicht empfänglichen Dichter des „Buches der Lieder" in dem mächtigsten Repräsentanten dieser Eesühtsrichtnng, Lord Byron, offenbarte, und daß auch die bclanuteu Heineschen Dissonanzen nicht aus der Eigenart des Juden herstammteu, sondern in Dichtern der deutschen Romantik, wie Clemens Brentano und E. Th'. A. Hoffmann, ihre literarischen Vorbilder hatten. Einer der feinsten Analytiker Heinescher Dichtkunst, Wilhelm Bölsche, hat denn auch davor gewarnt, in das Bild Heines die „Abstammung" als .Grundfarbe einzuführen. Und er konnte dabei mit Recht auf den unnüttelbaren Stammbaum des Dichters verweisen, der in den Eltern, vor allem in dem ganz epikurisch gesinnten, rhein- und weinfrohen Vater, durchaus unjüdische Anlagen erkennen läßt. Aber, von dieser Vesonderheit der Deszendenz abgesehen: auch als künstlerische Gesamterscheinung wird Heinrich Heine nicht ausschließ- 5ud spccie judaica zu betrachten sein. Vieles, was er in Poesie und Prosa uns hinterlasten hat, gehört ins Bereich des Unbedingten, des frei schaltenden Ingeniums, einer weder orientalischnoch okzidentalisch gefärbten Dichterphantaste: so sind die meisten seiner Liebes- und Natürlicher, so sind die grandiosen Nordscegedichte und viele Romanzen — man denke nur an das in die schlichteste Symbolik gehüllte, wundervolle Fragment „Bimini" — nicht zuletzt aber auch ganze Partien aus seinen „Reisebildern" lediglich Emanationen der subjektivsten dichterischen Persönlichkeit, die zwar gewisten zeitgeschichtlichen, aber keinen stammesartigen Bindungen unterworfen ist. H. Gin verständiger Dualismus, wie ihn einst der Wortführer der literarischen Kritik in Deutschland, August Wilhelm Schlegel/vertrat, wird gerade bei der Betrachtung einer so widerspruchsvollen und zwiespältigen Natur, wie Heinrich Heine es war, den Künstler mit dem Menscher,, den Dichter mit dein Juden nicht identifizieren dürfen, llnd es ist das eigentümlich Tragische in dieser Natur, daß sie sich selbst eines solchen Zwiespaltes bewußt blieb und nach einem Ausgleich, einer Synthese, einer moralischen Einheit des inneren Menschen strebte. Kein Unbefangener wird verkennen, daß diesem Streben ost Erfüllung wurde, daß also das Judentum nicht nur Herne^ L^bensgesühl und Heines Intellekt beeinflußte, sondern auchseine dichterischen Stoffe und Gestaltungen durchdrungen hat. Wer anders als der Jude Heine hätte eine in ihrer Mischung von rührenden und komischen Zügen so reiche Figur wie den Hirsch Hyazinthns schaffen können? Wer anders als der Jude Heine konnte in dem prachtvollen Roman-Torso des „Rabbi von Dacherach" den tausendzahrrgen Schmerz des Judentums so gewaltig herausbeschwörcn? Und wer anders als der Jude Heine vermochte zum Preise llclluurr bcn llalevi's die „Hebräischen Melodien" zn dichten und an ihren Anfang die psalmodierenden Worte zu setzen: „Lechzend klebe mir die Zunge An dem Gaumen, und es welke Meine rechte Hand, vergaß' ich Jemals dein, Jerusalem?" Und um die Reihe der Beispiele zu beschließen: Wem sonst als dem Juden Heine hätte am Ende seiner Lebenstausbahn Moses in seiner michelangelesken Größe wie eine urgewaltige Vision erscheinen können? Wem sonst als dem Juden Heine wäre die Verherrlichung Israels, dieses „großen, ewigen, heiligen Volles, das den Jahrhunderten trotzen ^sollte", zu einem so ergreifenden Bekenntnis gc> worden, das sich der tolkranke Körper mit bewundernswerter Seelenstärke abrang? IH. Heines Judentum wurzelte weniger in der Ueberzengung als in der U e b e r l i e f e r u n g, weniger in der Religion als im Stanunesbewußtsein. Von der j üd i sch en Glauben s gerne i n sch a s t konnte er sich, wie bitter er es auch bald bereute, schon frühzeitig trennen, und der Reform ihres Kultus, wie sie sich in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts anbahnte, stand er mit ironischer Skepsis gegenüber. Was ihn sesselte, war, — ab gesehen von den Kümpfen um die politische, soziale und wirtschaftliche Emanzipation der Juden — das Ilrtürnliche, der spezifische Charakter, die jahrtausendalte Geschichte des Judentums, und wenn er in seiner noch heute lesenswerten Jugendsehrftt „lieber Polen" bemerkt hat, daß er den polnischen Inden weit hoher schätze als so manchen deutschen Juden, so war dies Bekenntnis die unverhüllte Aenßerung eines Stammesgefühls, das, beschwingt von der intuitiven Phantasie des Künstlermenschen, zum Wesentlichen zum Typischen zurückdrang. Es kam die Zeit, in der Herne, als Vermittler deutscher Geisteskultur in Frankreich, den Pantheismus, im Sinne Goethes und Spinozas, verkündete und den jüdisch-aszetischen Deismus als eine „Religion für Knechte, für Kinder, sür Genfer, für Uhrmacher" mit grimmigem Spott ablehnte — trotzdem aber, auch in fremdem Lande, für die Juden als Anwalt und Beschützer aus den Kampfplatz trat, als dieBlntgreuel vonTamaskus alle sinsterenMächte eines mittelalterlichen Fanatismus entsesielten. Eitrige Jahre später brach dann mit dem geschwächten Körper auch die hellenisch-heitere und glaubenslose Wett seiner Ideen zusammen, und mm vollzog sich in ihm, gefördert durch das eifrige Studium der Bibel, jener große und bedeutsame religiöse WandlungsProzeß, über den niemand sich freimütiger geäußert hat, als der Dichter selbst. Ter Renegat des Judentums hatte den Weg in das Land seiner Väter zurückgefundcn. und in seinem Testament konnte er das reuige Bekenntnis ablegen: „Ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt." IV. Zn vorstehenden Betrachtungen hat ein Buch Anlaß gegeben, das Vor kurzem unter dem Titel „Heinrich Heine Confessio Judaica" im Welt-Verlage, Berlin, erschienen ist. Ter Herausgeber, der feinsinnige Literarhistoriker Tr. Hugo Bieber, hat aus Heines Dichtungen, Prosaschriften und Briefen ein chronologisch geordnetes Kompendium zusammengeftcllt, das sür jeden, der über Heines Vcrhältrns zum Judentum nicht aus indirekten Quellen, sondern durch den Dichter selbst unterrichtet sein will, dokumentarischen Wert besitzt. Selbstverständlich lag es in dem subjektiven Ermesien des Herausgebers, die Grenzen seines Werkes so eng oder so lvcrt wie möglich zu ziehen; da er aber, wie er in dem knapp und souverän gefaßten Vorwort bemerkt, eine zurzeit Überhaupt erreichbare Vollständigkeit angestrcbt hat, so mag der Hunveis gestattet sein, daß Slifc v>c>uchin:gnn6 der Frankfurter Der7üesausta?t A.-G. aus den eräugen."' von rvlvritz Oppenheims (Forttetmng dn Textes auf Seite ISO) Heinrich Heine im Jahre 1831 mNach dem Gemälde von Moritz Oppenheim*)