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Der Orient · 1851-04-25 · Heft 17 (25.4.1851) · p. Seite 259-260

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Journal
Der Orient
Volume
12 (1851)
Issue
Heft 17 (25.4.1851)
Date
1851-04-25
Page
Seite 259-260 (sequence 3)
Language
German
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259 260 Die profanen Wissenschaften unter den Süden. traut dastand, so stand kein Lehramt für ihn offen, kein Katheder durste er besteigen, verarmt, verketzert von seinen eigenen Brüdern, war sein ganzes Leben eine trübe Winternacht. Nur eine Wissenschaft wurde dem Juden von Pabst und Rabbi eingeräumt, die der Heilkunde Und wirklich hatten wir zu allen Zeiten (sogar unter den Lalmudlsten) große und weltberühmte Aerzte unter uns, denen sogar mächtige Regmten ihr Leben vertraueren. Aber sie waren nur glückliche Praktiker, deren herrliche Talente durch das Berufsgeschäft und aus Mangel an Unterstützung wirkungslos für die Wissenschaft untergingen. Als der berühmte Arzt und Naturforscher Markus Bloch in Berlin sein unsterbliches Werk von den Fischen schrieb, welches die damalige Kritik „eine Zierde der deutschen Literatur^ nannte, und'auf eigene Kosten herausgab, diese aber wegen der vielen dazu nölhigen Kupferplatten sein Vermögen überstiegen, da wurde er von fürstlichen Personen dabei unterstützt. Dafür findet man auch unter jeder Kupferplatte-den Namen des fürstlichen Gönners angegeben, auf dessen Kosten sie gestochen wurde! Gehörte ja eine solche Milde gegen einen jüdischen Gelehrten auch zur Seltenheit im Reiche der Natur! Merkwürdig genug traten in dieser vormendelssohnschen Zeit' eine sehr grobe Zahl Rabbknen auf, die bei ihrem Fachstudium, sich auch ohne alle Anleitung der profanen Wissenschaften befleißigten und sehr schätzbare Werke über Astronomie, Mathematik u. dergl. lieferten. Einen Theil dieser Koryphäen habe ich im Orient (1848. 27. 45. 122. 140. 165) besprochen. Sie gaben den Beweis, daß große Geister niemals von Zeit und Ort abhängen. Ganz auf sich allein angewiesen, bringen sie es oft weiter als mancher durch Schulen gebildete Professor der sieben freien Künste. Hat doch selbst unser Mendelssohn keine Schule gehabt! Mancher unter diesen Autodidakten konnte, wie Salomon Maimon, in ihrem dreißigsten Jahre nicht einmal deutsch lesen, und dennoch brachte dieser es soweit ln der Philosophie, daß Kant ihn seinen einzigen Gegner nannte, der beachtenswecth sei. So .gleicht die Weisheit der Sonne, die auch die im Schatten stehende Pflanze erwärmt; aber sie erwärmt sie auch nur, zu ganz frischem, wirksamen Leben und goldene Früchte hervorbringend, kann solche Pflanze me gedeihen. Ebenso diese ausgezeichneten Männer. Sie wandten ihren talmudischen Scharfsinn auf höhere abstrakte Forschungen an; sie wurden bewundert, aber sie trugen wenig zur Bildung ihres Volkes, zumal .des großen Haufens bei, dem diese subtile Wissenschaftlichkeit'böhmische Dörfer waren. So sah es denn in der jüdischen Welt wie in den ersten Tagen der Schöpfung aus. Alles To hu wa-wohu, und der Geist Gottes schwebte über dem Abgrunde des Judenthums. Seine Gelehrten wären einseitig gebildet und der gemeine Haufe gänzlich verwildert. Da erschien das Doppelgestirn Mendelssohn und Weffely am nächtlichen Himmel Jesurmns, und es ward Licht! — Die Umwandlung, die diese beiden wahrhaft Gott gefälligen Reformer hervorbrachten, war ebenso groß als neu für das Auge des schwachen Erdensohns, der die geheime Werkstätte der Natur, in der diese Erscheinungen vorbereitet wurden nicht sieht. Die Natur macht keine Sprünge. Sehr verschieden waren die geistigen Gaben, und daher auch die Leistungen dieser beiden .Koryphäen. Waren auch beide in der Talmudschule gebildet, so nahm jedoch bei Jedem von ihnen die Entwicklung eine besondere Richtung. Mendelssohn, ein sehr fleißiger und scharfsinniger Jünger des Talmuds, verließ diesen als Hauptstudium und ging zur Philosophie der Wölfischen Schule über; begründete kein neues System, sondern ist nur neu in der neuen klaren Anwendung dieser Schule. Wessely erhielt sich den Talmud als Exeget und konnte sich nie ganz von der Scholastik der Letzten Jahrhunderte trennen, obschon er den alten Pilpul-Schlendrian verwarf, und so gern die Tradition der Bibel anpaßte. Durch sein großes Dichtertalent, durch sein überaus frommes Gemüth, welches sich nur in geistlichen Dichtungen bekundetekann er als Wiederherfteller des reinen Neuhebräischen genannt werden. Denn dieses war durch die spitzfindigen Lehrer fast ganz korrumpirt. Zusammenstellen und Verdrehungen der schönsten Bibelstellen, Reimschmiedecer'en, das war die Manier der sogenannten Stylisten der vorwcsselysschen Zeit. Alle seine exegetischen und moralischen Werke, in einer wunderbar reinen, aber leider sehe ausschweifenden Sprache geschrieben, wurden mit einem wahren Heißhunger vom Volke ausgenommen, und bildeten die einzige Lektüre Vielen, denen wirklich Alles neu war was er Lehrte, weil sie — gar Nichts wußten, weil ihnen, der einfache Sinn der heiligen Schrift nie gelehrt wurde. Seine homiletischen Schriften sind zum Lheil die Vorläufer der in der Neuzeit auch unter uns in Gebrauch gekommenen Predigten. In seinem Werke über die hebräische Synonymik, wagte er manche Erklärung die nicht Stich halten, sehr oft macht er den Leisten nach dem Schuh. Aber dennoch hat er durch alle seine Schriften viel, sehr viel und unmittelbar zur Bildung und Aufklärung seines Volkes gethan, daher sie auch anfänglich von den Lichtscheuen als ketzerisch verschrien wurden. Für die Nachwelt bleiben sowohl von seinen gedruckten, als auch von den noch in Handschrift bei seiner Familie liegenden Schriften, nur ein TheLL seiner Sprachforschung und alle seine Gedichte von klassischem Werth., W.'s ganzes Leben war ein Kampf gegen die finstere Orthodoxie, der ihn in die kümmerlichste Lage brachte, die oft anArmuth streifte. Wohl wurden seine einflußreichen Schriften von Vielen gelesen, aber von Wenigen gekauft, er vertheilre - sie fast unentgeldlich und gerierh durch Selbstverlag in große Schulden. Beim Drucker Schab th in Janob standen sie mehrentheils in Versatz. — Den Umgang mit einigen Freunden ausgenommen, lebte er beinahe ganz isolirc und brodlos in Berlin. Dabei (heilte er sein kümmerliches Mahl mit allen armen Gelehrten, obschon diese rneistentheils seine Gegner waren. Nur seine letzten Tage, wo ihn eine Verheirathung seiner Tochter nach Hamburg führte, wurden

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