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Der Orient · 1849-07-14 · Heft 28 (14.7.1849) · p. Seite 132

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 28 (14.7.1849)
Date
1849-07-14
Page
Seite 132 (sequence 7)
Language
German
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132 mehr haben; es gehen Ihrem Blatte hiedurch schöne Geschichten verloren. — Dem Wunsche Ihres vorpomrncrischen'Korrespondenten in Nr. 19 d. Bl. — über Schlll-Zllstände im Großhcrzogthum zu referircn — werde ich nächstens willfahren.* ' —W—?) Für heute grüße ich diesen Herrn und danke ihm für seine gefällige Zusendung vom 24. April c. D. R. Der Dorfgcher. Von Leopold Kompert. (Fortsetzung.) . Jetzt erst.trat Channa vor, die als eine gute Mutter ihrem Kinde die ersten Blüthen des Empfangs überlasten hatte. „S'Gott willkumm Schimme," rief sie mit einem leisen Anflug von Grgll, „mich kriegst du gar nicht zu sehen. Was heißt das?" Lächelnd-reichte ihr der Dorfgeher die Hand; sie war versöhnt; „Was hast Du für eine Woche gehabt, Schimme", fragte sie dann» ' „Wie ich noch keine Hab' gehabt, Channa Leben, Geld Hab' ich auch gelöst, aber das Beste war doch meine schöne Bäuerin, ja, die schöne Bäuerin." —- Hierbei lächelte der ' Dorfgeher auf ganz geheimnißvolle Weise. v „Was ist das mit der Bäuerin? " fuhr Channa auf und eine schöne Röthe lag auf'dem. sonst blassen, lieben Antlitze der Mutter, dann setzte.sie./aberMachend dazu: „Vielleicht bist du gar verliebt, Rebb SchjmM? Dasfehlt mir noch> „Vielleicht, vielleicht" lgcheltder Dorfgeher noch geheimnißvoller. ' „Die Zeiten sind vorüber," mein lieber.Rebb Schimme," meinte Channe achselzuckend, „du bist-ja schon ein alt Aepfele und schmeckst sauer." „Soll ich so leben und glücklich sein," rief dagegen laut lachend der Vater, „die eifert mit mir, aber die Bäuerin — meine schöne Bäuerin, die will mir doch nicht aus dem Kopf." Zwei Äugen hatten auf dieser so eigenthümlichen Scene zwischen den Eheleuten geruht, die schon längst nicht wußten, wohin sie. sich wenden sollten. Erst jetzt, wo Rebb Schimme mit seiner geheimnißvollcn „Bäuerin" sich von der Mutter wegwandte, wurde der noch immer an der. Lhüre stehende Bettler von ihm bemerkt. „Salem Alechem" hieß es sogleich, indem er die Hand ihm hinbot. „Alechem Salem" gab der Bettler zurück. „Wo kommt Ihr her?" ging es sodann an's Verhör. „Ich — ich komm aus Ungarn." „Was seid Ihr eigentlich? ganz wie 'ein Bettler seht Ihr mir nicht aus, Ihr müßt noch was Anderes verstellen." . * Verlag von C. L. Fritzschc. , „Ich! — ich bin ein Lehrer." „Und da geht Ihr betteln? Habt ihr noch Vater und Mutter?" „Ja, bis zu hundert Jahr!" „Ich werd' Euch um eine Narrheit fragen: Wie heißt' Euer Vater?" „Mein Vater heißt — Rebb Schimme, meine Mutter Charme!"' Die beiden Eheleute sahen sich verwundert an und es stand vielleicht von Seite der Multer eine neue Reihe Fragen bevor, als von draußen zu gelegener Zeit der heisere Ruf des Schuldieners, daß der Sabbat im Anzuge sei, schrekkensvoll ertönte. Denn Channa besann sich, daß es in Küche und Haus noch Manches zu thun gab; die Lampe war noch nicht gefüllt, nicht einmal die Dochle waren noch von Benjamin gedreht; auch lag noch nirgends ein weißes Tuch ausgebreitel. Und Rebb Schimme gar! der stak noch ganz in der „ÄZoch'" und hätte sich nicht einmal, noch barbiert. Der Bettler empfahl sich. Gewaltsam mußte er sich von dem Boden losreißen, auf dem er wie Moses mit bloßen Füßen hätte stehen sollen. Als er draußen in der Küche an der schaffenden Mutter vorüderkam, rief sie ihm nach: „Er möge ja nicht vergessen, heute zu kommen, und ihr nichts für ungut zu nehmen." Er war itw lieb geworden, dieser fremde, seltsame Gast: Mit schnellen Schritten verließ er das Haus und ging auf die „Schlafstube" zu. Aus einem. Briefe Emanuels an Clara. Die Lektionen Deines .Lehrers, haben gar wenig gefruchtet, theure Clara! Zwei Stunden im Ghetto haben mich davon überzeugt: Du kennst das Judcnlhum noch gar nicht! Wie auch das? Worauf es besonders ankam, den unergreifbaren, unantastbaren Duft des Weines, ich meine das Gemülh — das habe''ich Dir doch nicht gegeben. Aber bevenke nur Eines Clara! Das Weltgemürh', das mit.dem blonden Rabbi von Nazareth am Holze starb, ging aus einem solchen Ghetto ‘ hervor; ich sage Dir, Funken und Blüthen leben noch heute unter seinen Bewohnern! Zwei Stunden haben mich davon überzeugt. Meine Eltern habe ich bereits gesehen; Keines hat mich erkannt. , Mein Brüderchen Benjamin, eines jener Spa'tröelein ehelicher Liebe, wie es Gott den Leuten schickt, wenn er sie' noch lange will einander zulächeln machen, mein Brüderchen Benjamin habe ich auf offener Straße getroffen! Eine wunderbare Schönheit liegf über dem geistig regen Antlitz dieses Knaben. Dann kam ich zur Mutter und stand ihr gegenüber! Ich spielte mit der Gefahr des Erkanntwerdens, wie mit einem spitzigen Instrumente, das'wider Versehen Einem in das Blut fährt. Aber erkannt hat mich Keines. Es ging an mir ein Schauspieler verloren. ‘ (Forts, folgt.) Druck von I. H. Nagel. i

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