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Der Orient · 1849-05-12 · Heft 19 (12.5.1849) · p. Seite 94

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Journal
Der Orient
Volume
10 (1849)
Issue
Heft 19 (12.5.1849)
Date
1849-05-12
Page
Seite 94 (sequence 3)
Language
German
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- 94 zu und freut eö mich innig, daß dasselbe für Licht und Freiheit, für Leben und Wissenschaft kämpfend, noch immer fest und rüstig fortschrcitet auf den dornigen Wegen der Zeit, daß es fort und fort mit unermüdeter Jugendkraft sein ,,Vorwärts" in die Wirren der Gegenwart hineindottuert. Hier zu Lande war und ist wie überall Politik die immerwährende Parole der Zeit; sie absorbirt alle Kräfte, sie ist der Mittelpunkt aller Gespräche, sie ist gewissermaßen die Sonne, um die sich alle Sterne und Sternchen drehen; und die Freiheit ist das Ziel, wonach man strebt und ringt und erfüllt es Einen mit Wehmuth, wenn man gewahrt, wie dieses edle, den Himmelssphären entkeimte Reis von den ranhen eisigen Stürmen der Zeit, von den Fäusten der Gewalt angegriffen und geknickt, nur langsam emporkeüut, so daß die Knospen- und Blüthenzcit noch weit hinaus geschoben zu sein scheint. Auch^ in religiöser Beziehung herrscht Kirchhosöstklle, die nur hin und wieder durch einen Alarm über die Abschaffung eines Jekum purkan oder durch andere Lapalien unterbrochen wird; ein nur dem Materialismus huldigender Geist, ein beinahe unglaublicher Jndiffermtismus gegen alles Höhere hat das Blut, das sonst frisch, so lebenSwarm pulsirte, erstarrt, und scheinen die Sonnenstrahlen des Frühlings ihre Wirkung verloren zu haben. Hier und da kommt zwar ein Sproß, ein Zweiglcin, aber die. Flur im Ganzen und Großen ist noch mit dem Leichentuche des Winters bedeckt. O mögen bald die Sonnenstrahlen der Religion Licht und Wärme bringen, mögen alle nebelgrauen Wolken verschwinden und der Regenbogenfarbenschimmer des Glaubens den ewigen Bund erneuen, das Erstorbene beleben, das Gefundene erheben! Das Gemeindewesen ist ein — Unwesen; in manchen Gemeinden ist Alles aufgelöst und die Anarchie führt das Seepter; in manchen geht es noch den alten Schlendrian, wie ein Schiff ohne Steuer, ohne Kompaß; Alle befehlen, Niemand gehorcht; Statuten sind freilich vorhanden, aber die liegen hübsch beim Parneß, auch eine S y n a g og en o r dn u n g, die steht auf dem Papier, wahrend beim Gottesdienste keine Spur davon ist, und nur einige Gemeinden sind, von denen man sagen kann, sie bilden eine Oase in der Wüste. Sott ich Dich, lieber Leser, hineinführen in die Wirren vieler Gemeinden; soll ich hinwegziehen den Schleier und Dich hineinschauen lassen; ich befürchte Du folgst mir nicht und wenn Du mir folgest, wendest Du das Auge weg. — Drum erlaß es mir, näher darauf einzugehen, es würde Dich und mich nur zu wehmnthig stimmen. Doch willst Du Dir eine kleine Vorstellung machen von den Gemeinden unserer Provinz, so denke sie Dir in drei Klassen getheilt. Die erste Klasse (ob dazu die meisten gehören, will ich nicht entscheiden) hat zum Motto: n'toj» IV'N te L-'hr; tele zweit« (die auch ziemlich vertreten): MO *6 mp ')3-t, und das Mvttv der dritten Klaffe (die aber nur von geringe Anzahl) heißt: Ül*"l£n ]He Ich brauchte Dir nun blos die Namen der Gemeinden anzngeben und mit 1. 2 und 3 zu bezeichnen, um sie Dir iu aller Kürze zu beschreiben,- allein ich will sie nicht gern schamroth machen, mögen sie sich mit der Hand aufs Herz genau prüfen, zu welcher Klasse sie gehören und verbessern, was zu verbessern ist, und fortschaffen alle Unordnung, allen Unfrieden, alle Mttscstunden und Mängel, damit recht, bald alle zur dritten Klaffe gehören und die 1. und 2. Klaffe nicht mehr gefunden wird. Das Schulwesen liegt sehr darnieder, und zwar größtentheilö durch die. Schuld der G c m c i n fc c» , die w enig oder gar nichts dafür thun. Sage nicht, mein Leser, das sei voreilig oder vielleicht gar ungerecht vernrtheilt; dem ist nicht also; ich wiederhole es nochmals: Die Gern e i n d e n sind schuld, daß es mit dem jüdischen Schulwesen so traurig anssieht; die Gemeind en sind Schuld» wenn Israels Jugend hcranwächst, ohne Gott und ohne Religion; die Gemeinden i n Israel haben es zu verantworten, wenn einst die Gotteshäuser leer stehen, wenn der Sinn für das Heilige gewichen sein wird. Man sage nicht, daß ich heute zum Anklagen geneigt bin; ich kann nicht anders. Nicht nur daß Nichts zur Förderung geschieht — auch das schon B e st e h e n d e wird eingcrissen und der Gemeinden in Pommern, wo das Schulwesen blüht, ein halbes-Dutzend sucht man vergebens! Aber nicht nur in unserer Provinz, sondern auch in Wcstpreußeu und namentlich im Posen'scheu, wo sonst so viel geschehen, lösen sich die Schuten aus, als ob mit der neuen Zeit der Unterricht in Religion u. s. w. überflüssig wäre. Die Lehrer werden entlassen und denen, die noch im Amte sind, wird (ist es erhört!) kein Gehalt gezahlt! Also d a s, Ihr Gemeinden im Posen'schen, das. ist der Dank gegen Diejenigen, die Eure Kinder erzogen und gebildet, das ist Euer Dank, das ist der Dank jüdischer Gemeinden für die Mühen des Lehrerlebeus! Das sind die Früchte der gepriesenen Freiheit. Schande für Euch, Ihr großthuenden Gemeinden! Schmach über ein solches Beginnen! Ich würde hier näher auf diesen Gegenstand eingeheii, aber ich habe heute keine große Lust dazu, möge dies Ihr Korrespondent, Hr. W. thun, der eine gewandtere Feder hat und mit dem Gegenstände vertrauter ist, als ich; möge er ausdecken das Wespennest von Misbräuchen, so noch vorhanden ist im lichtvollen 19. Jahrhundert; möge er sie schildern die Ignoranz und Arroganz, die noch oft die Zügel führt, damit man es erfährt, was die Schwingen des Geistes lähmt und jedem Aufschwünge entgegen arbeitet! — O möge es bald besser werden, dann will ich gern anstimmcn daS Jnbellied der Freude, dann will ich Dir gern mit Erfreulicherem aufwarten lieber Leser! Für heute gehab' Dich wohl. W.

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