Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1847
- Issue
- 46 (12.11.1847)
- Date
- 1847-11-12
- Page
- Spalte 733-734 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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>733 Kritisch e Untersuchung ' über die Qrigittcrlitäiderim Talmud nndMidrÄschimvorkommettderr Parabeln und Sentenzen. Mit, B.ezng aus die Parabeln und Sentenzen in den Evangelien. I. Das Reich der Ideen, das als Gemeingut -er jedem Menschen zu Lheil gewordenen'Seelenkräfte und seinem, weder an Zeit noch an Raum gebundenen idealen Wesen nach, frei von allen beengenden Schranken ist, stehet auch in gewisser Hinsicht über den, im Gebiete der materiellen Welt, zwischen mein und-dein unterscheidenden Egoismus weit erhaben. Wie überhaupt wir Menschen, wenn auch durch angeborene Anlagen, und später hinzugekommene Entwicklung und Ausbildung, eine unabsehbare Mannigfaltigkeit bekundend , kein Eigenthumsrecht, noch ^weniger ein Kastensystem innerhalb unseres geistigen Wirkungskreises beanspruchen können, so lange wir nicht di-e Ueberzeugung gewonnen, was uns aber kaum je gelingen wird, daß der geistige Organismus Anderer nicht auch zur Erlangung derselben Resultate und Producirung ähnlicher Vernunft sch lüste befähigt'wäre als der unsrige. Es geschieht daher nicht selten , daß eine und dieselbe Idee oder ' sonst irgend ein geistiges Erzeug»iß von Mehreren, als ein ihnen zukommendes Eigenthum in Anspruch genommen wird, ohne daß ein Theil des Plagiates dabei zu beschuldigen wäre. Wären wir mit dem innern Zustande unserer Psyche inniger vertraut, könnten wir ihc>m geheimnißvollen Schleier lüften und einen tiefen Blick in ihre, bis jetzt unerforschlich gebliebenen Werkstatt werfen, sowürden wir wahrscheinlich verschiedene Berührungspunkte, oder eine völlige Seelenverwandschaft im ganzen Menschengeschlechte entdecken, wodurch uns dergleichen unerklarbare Erscheinungen leicht zu enträthseln sein mußten. Wie die Erzeugungskraft unserer Erde obwohl überall eine und dieselbe, nach der Verschiedenheit des Samens/den man ihrem Schooße anvertraut, eine unabsehbare Mannigfaltigkeit von Blüthen und Gewächsen produzirt, hingegen jede Scholle derselben bei gleicher Bearbeitung und Bebauung Aehnliches erzeugt, als ihre nachbarliche, — so erscheint auch die ursprüngliche Befähigung der Geister aller Menschen gleichen Kalibers zu fein ^unb nur durch die Kraft der äußern Einwirkungen sich v-erfchiedenartig zu gestalten. Freilich ist hier blos von Allgemeinem die Rede und lassen wir einzelne Ausnahmen, wie auch die physische Natur ihre seltsamen Erscheinungen hat, ganz bei Seite. Oft ist es aber blos eine Metamorphose, die eme geistige Idee im Laufe der Zeit durchgeht und die ihr bei jedem Anhaltspunkte auf dieser Reise mehre Eigenthümer und Herrn verschafft; sie kann nämlich durch mannigfaltige, in verschiedenen Zeitperio-. den an ihr geschehenen Bearbeitungen endlich in solche Form 734 und Gestalt gesetzt worden seindaß sie jetzt erst im höchsten Stadium ihres Altersals neugebor-mes Kind das Tageslicht zu -erblicken, und mit Verleugnung aller frühern Erzeuger in einen' ganz eignen Familienverband zu treten scheint. Wenn der Glaube der Alten an eine Seel-enwanderung eine Wahrheit enthält,- so sind die geistigen Erzeugnisse im Reiche der Ideen darunter gemeint. — Machen wir die Runde um die ganze literarische Laufbahn, von der ältesten, uns bekannten, schriftstellerischen Periode, von dem ersten Auftreten der Pro-- pheten angefangen, die zwar alle blos nach einem u. demselben höchsten Ziele gestrebt: die Gemüthcr der göttlichen Lehre zu unt erordnen, — bis auf die mannigfache literarische Strebsamkeit der Jetztzeit, die sich, wie der weite Ocean, über alle Erscheinungen des großen Universums erstrecket; so begegnen wir dieser Metemphychoses im Reiche der Ideen auf.jedem von uns unternommenen Schritte. Wir gewahren da nicht selten, wie Ideen und Vernunftschlüsse, Sentenzen und Sprüche, Parabeln u. Gleichnisse, die ihr Jahrhundert. schon überlebt und aus der Reihe der Existirenden schon geschwunden, abermals in ähnlicher, od. unähnlicher Hülle zum Vorscheine'kommen, sich neuerdings geltend machen, und ein neues Leben erringen. Man pflegt dies ein Plagiat zu nennen; doch sehr oft und in gewisser, weiter zu erklärenden, Rücksicht mit Unrecht. Es kann ein und dieselbe Idee zweien zugleich eigen sein. Die Alten suchten am wenigsten^ sich mit fremden Federn zu schmücken und doch finden wir die meisten derartigen Plagiate bei ihnen. Freilich entbehren sie der Verbreitung durch die Buchdruckerei und konnte ein Afrikaner nicht so leicht der Verdächtigung anheim fallen, daß er die geistigen Erzeugnisse seiner assiatischen Zeitgenossen vor Augen gehabt, was bei uns aber nach Erfindung dieser Kunst nicht mehr der Fall sein kann; allein gerade diese geringe Geistes-Kommunikation der Alten spricht zu Gunsten unserer Behauptung, daß die Möglichkeit, ein und dasselbe Geistesprodukt mehren zuzueignen, vorhanden und auch sehr oft eingetroffen hat. Die Erfindung der Buchdruckerei setzt ja nicht voraus, daß deshalb unser Geist weniger erfinderisch, beschrankter sein müsse; ,,nihil humani mihi alienum puto,“ hatte ein großer Römer zum Wahlspruche, „nichts Menschliches kann mir fremd bleib-n"; was einem Andern möglich, muß es auch mir sein. Und in der That warum soll ich, mit denselben Geisteskräften und Anlagen ausgerüstet, nicht auch zur Hervorbringung ähnlicher Erzeugnisse fähig sein, die doch nichts anderes als Resultate gleicher Prämissen, Schöpfungen aus einer und derselben Quelle, und Produkte unseres Denkvermögens sind? Unsere Weisen, die gewiß von jenem Römerspruche nichts gewußt, geben obbenannte großartige Idee in folgendem, der Anschaulichkeit mehr entnommenen Bilde iTIDttV) B'S’ü irib Vits» -ad? bm -friDi» n noN mann 1) Dem Thoren ist die Weisheit zu hoch <Spr. S. 24.) R. Juda sagt: gleich einem Laibe der hoch hängt; der Thor spricht wie kann ich dorthin langen, der Vernünftige aber sagt: hat ihn nicht jemand hlngehaugt? — x (Stubien. Parabeln und Sentenzen in der Hagada.