Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 34 (20.8.1846)
- Date
- 1846-08-20
- Page
- Spalte 539-540 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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539 Kritiken. Schriften von Holdheim. 540 in den Protokollen der 2. R.-V. Von Dr. S. Holdr heim. Schwerin/1846, 8. Was Nr. 38, die Predigt anlangt, so hat.sie das polemische Gepräge, wie alle Schriften Holdheim's, und darin mag auch wohl der Grund der Veröffentlichung liegen. Der glühendste Haß gegen das gläubigeIudenthum, der brennendsteFanatismus und die Intoleranz gegen die talmudischen Institutionen Israels und gegen die Fcsthalter derselben, ist der Grundzug, der sich durch diese Rede zieht. Der Grundgedanke dieser Predigt ist, daß eine politische Gleichstellung, eine wirkliche Emanoipation der gläubigen Juden nicht möglich, nicht rathsam, ja sogar ein Fluch für den Staat selbst sei; und daß nur das Aufgeben der gesetzlichen Gebundenheit des Mosaismus, d. h. des Judenthums, zur äußern Freiheit berechtige, und zu diesem Ausgeben räth sie die Gemeinde, ganz Israel in begeisterten Worten, wie sie die Ueberzeugung, daß das mosaische Gesetz ein Grundübel sei, nur eingeben kann. Holdsieim ist der Einziges unter den jetzigen Rabbinen, der aufrichtig den starren Rabbinismus haßt, der aus Herzensgrund die jüd.rabb. Institutionen auf den Scheiterhaufen bringen möchte; er ist durchdrungen von der Schädlichkeit des Lalmudismus, von der lebensvergiftenden Eigenschaft mancher Satzungen, und in dieser glühenden Ueberzeugung könnte er, ein zweiter Lorquemada, für Verbrennung der Orthodoxen, für Sendung des. Talmuds auf den Scheiterhaufen stimmen. Dieses innere Durchdrungensein prägt sich auch in seinem Style aus. Die Sprache ist hinreißend, in die Falten des Herzens einschleichend; wie ein Wehschrei des Herzens dringt sein Wort in das innerste Mark und nur der Starkgerüstete oder Indifferente mag dafür taub sein. Es ist grauenhaft und schmerzlich, einen Rasenden gegen sein eigen Fleisch wüthen zu sehen! Ein ander' Bild! In Nr. 39. führt uns derselbe Fanatismus in eine mW, und sagt uns da einen halsbrecherischen ^N;der Haß ist eöenso mannigfaltig, wie die .Liebe, er kann in hinreißenden Dythiramben sich einherwälzen, wie in tändelnden, spitzigen Sophismen, in beiden Fällen ist er entfernt von der geraden Wahrheitslinie, in beiden ist er Extrem, in beiden waltet der Geist der Luge, der das Herz des Sprechenden gefangen genommen.' Der Gegenstand ist: „die religiöse Stellung des Weibes nach dem talmudischen Judenthume^, vorzüglich gerichtet gegen eine Abhandlung von S. Adler in den Protokollen der 2. R.-V. S. 334—347,- und über diesen Gegenstand wird nun das Netz.der Sophistik ausgebreitet. Was der große Adler ausgeboren und in den Protokollen niedergelegt, weiß ich nichtsda ich die Protokolle — welche die R.-V. auf eigene Kosten 'gedruckt und daher nur den Be-- günstigten zugesandt, zu welchen „der Orient" natürlich nicht, gehört, — nicht habe; indeß sehr großwird die Weisheit^ nicht gewesen sein, und nach den Ci täten bei Holdheim zu^ schließen, muß jene Abhandlung sogar eine überreiche Quantität von Albernheit besitzen. Doch dem sei wie ihm wolle, wir bleiben bei Holdheim, dem großen Ritter für das zarte Geschlecht gegen die morgentändische Barbarei des Talmuds, wir wollen das große Turnier anschauen, wo der'große talmudische Bachur, um mit dem Gor des 19. Jahrhunderts zu reden, zu Ehren des Iudenweibes talmudisch eine Lanze bricht.— „Die Stellung des weiblichen Geschlechts", welche eine ritterliche, schimmernde, das weibliche Geschlecht auf die Gallerten der R.-V. lockende Phrase! Fast möchte man einen verlornen, nachzüglerischen Ton des jungen Deutschland zu Horen vermeinen, oder das Stichwort einer neuromantischen Streifschaar, welche die Emcmcipation des Weibes zu proktamiren im Begriffe steht; aber nicht,- einmal dies ist wahr darin, sondern das Ganze ist nichts weiter als sophistische Schwatzerei. Die christlichen Rationalisten der vorigen Jahrzehnte haben, irregeleitet von der Stellung der Weiber im heutigen Morgenland, die falsche Ansicht ausgebrütet, daß bei den Hebräern, die doch ebenfalls aus dem Morgenlande, die Stellung des Weibes eben so sei, und diese Lüge wurde in ihren Lehrbüchern so oft und so kühn verbreitet, daß er stereotyp geworden. Unsere Neu-Rabbiner und Links-Prediger, die in Bezug auf wissenschaftliche Studien immer einige Jahrzehnte zurück sind, glauben in ihrer Einfalt dieses Mährchen, das die jetzigen Nationalisten schon selbst nicht glauben, und in diesem Irrglauben griffen sie diese Dumwheit auf, um zu reformiren, für das praktische Leben zu wirken, für die Stellung des Weibes neue Reformatoren zu werden. Als man zur Sache kam, da stellte es sich heraus, daß die sociale Stellung des jüdischen Weibes nicht anders als des christlichen sei, nämlich naturgemäß und wahr, und um die Reformatocenkrone nicht ganz zu verlieren erfand man das lügnerische Stichwort „die religiöse Stellung". Unsere Weiber, so sing man an zu argumentiren, leben bereits seit zwei Tausend I,a h r en ohne Religion, wie die wahren Heidinnen, der Talmud und seine Bannerträger, die Rabbiner, haben es ausdrücklich verboten, den Weibern die Religion zu lehren, und für sie gab es und giebt es noch jetzt keine religiöse Vorschriften, der ganze Pentateuch, womit die Männer sich schon Jahrtausende plagen, ist für sie gar nicht da, ergo muß ihre religiöse Stellung reformirt werden. Wie, fragt hier Esther und dort Rachel, wir hätten keine Religion? Unsere religiöse Stellung wäre so tief, daß Ihr erst reformiren müsset? Haben wir nicht seit Jahrtausenden das sittliche Leben in der Familie geschirmt, haben wir nicht mit Zucht und Sitte unser Familienglück so geziert, daß sogar euere und unsere Feinde uns darum beneiden, und das alles sollte ohne Religion möglich sein? Zählt die Leidensgeschichte Israels nicht auch unsere Thronenerzählen die Zeitbücher des Mittelalters von keiner "Heldin des Glaubens und die Flammen der Scheiterhaufen Hatten wirklich nie ein glaubensmuthiges Judenweib verzehrt? kMann war es Brauch und Sitte unter Israels Frauen, nicht an einen einig-einzigen Gott zu glauben, nicht auf die verheißene Erlösung zu harren, die Auferstehung, die Unsterblichkeit, die Offenbarung, die Göttlichkeit des Gesetzes u. s. w. zu bezweifeln? Oder haltet ihr als Rabbiner dies alles nicht