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Der Orient · 1846-02-19 · Heft 8 (19.2.1846) · p. Seite 55

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Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 8 (19.2.1846)
Date
1846-02-19
Page
Seite 55 (sequence 5)
Language
German
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55 um bie Traditionen >. in unzähligen Schriften für die Emancipation der Juden , d. y. für die Vernichtung des orientalischen Elements im socialen Leben, gekämpft wurde, und als diesem Kampfe, mannigfache Siege. folgten, so ist für eine Reformation des Judenthums mehr, geschehen, als'wenn' die Rabbiner-Versammlung die Caprice hat, Hülsenfrüchte zum Osterfeste als aus dem Talmud herausgedeutet zu gestatten, was doch der Gesetzesunkundige ohnehin belächelt, und der Gesetzeskundige bei aller Scholastik der Rabbiner nicht glaubt. — Nach dieser Vorerinnerung wird man leicht begreifen, nach welchem Maaßstabe und nach welchem Principe die reformatorischen Bewegungen im Judenthume seit 1780, also seit .65 Jahren, wie sie, von Deutschland ausgehend, auch mächtig auf die Juden anderer Staaten, in Holland, Belgien, Dänemark, Frankreich, England, Amerika, Italien, Rußland und. Polen, ja selbst in der Türkei, einwirkten , zu betrachten und zu beurtheilen sind. Nur diejenigen Bewegungen, welche, abgesehen von dem starren Gesetze, dahin zielen, die Spuren des orientalischen Elements aus der jüdischen Genossenschaft zu tilgen,' den. gesellschaftlichen Zustand der Israeliten auf die gleiche Stufe der Bekenner des Christenthums zu bringen, die Wissenschaft der jüdischen Vergangenheit in -Literatur und Geschichte so zu bearbeiten, daß das Kämpfen und Ringen der Gegenwart nicht als Willkühv oder Ausfluß der Bequemlichkeit, sondern als historische Consequenz sich ergiebt, kann als. eine wahre principielle und reformatorische angesehen werden, und in diesem Betrachte sind die Bewegungen' der .letzten. 65 Jahre in zwei Perioden zu theilen; nämlich die Eine umfaßt die Jahre von 1780 bis 1813, die Andere von da bis auf unsere Zeit,' welche Eintheilung sich, bei einer höhern Auffassung der jüdischen Reformationsgeschichte in jedem Betrachte rechtfertigenlaßt. Erste Periode (1780—1813). Moses' Mendelssohn (geb. im Dec. 1729), der stille, geräuschlose israelitische Philosoph des vorigen Jahrhunderts, ist der Reformator und Luther der Juden, ja noch mehr der Umgestalter des jüdischen socialen Lebens geworden, so wenig er auch nur im Entferntesten. an. eine Umgestaltung dieser zähen Volksklasse, an eine Roform dieser strenggläubigen, am Herkömmlichen festhaltenden Religionspartei gedacht.' Er wurde, der Fackelträger der Neuzeit für die Juden blos durch sein Beispiel, ohne Ueberredung, ohne reformatorische Manifeste, ohne hochmüthige .Beschlüsse und Protokolle.; er wurde den Juden ein zweiter Moses, der sie von der Knechtschaft des Aberglaubens und der Unwissenheit befreiete, blos durch sein Erempel, da in ihm die düstere Lage der Juden des 18. Jahrhunderts und die segensreiche Zukunft des 19. sich abspiegelten. Die Bildung seiner Kindheit und seiner Jugend wurzelte in dem öden Boden... der verkrüppelten Bildungsstufe der Juden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts,, die, bei der Stagnation,. die für sieaseit dem 16. Jahrhunderte eingetreten war, bei der Absperrung -derselben in engen, unreinlichen Ghetti's, bei der Beschränkung aller Thätigkeit auf die niedrigsten Gewerbe, bei dem ungeheuren Abgabendruck, der die Juden zu List, Gaunerei und Wucher hindrängte, die unglücklichste war, die je die Juden' eingenommen, und aus dieser elenden Atmosphäre riß sich ' dieser Philosophals Mann los, gab sich dem germanischen Leben mit aller Innigkeit hin, und gab dadurch das Zeichen und das Beispiel für die zurückgebliebenen Glaubensgenossen, die er selbst bei seinem Fortschritte nie verleugnete. Und die Reformation, die er bewirkte, war eigentlich nicht eine religiöse, da diese, wie wir erwähnt, bei dem nationalen Ehrrakter der Gesetze und Gebräuche nicht genügt, sondern eine sociale im umfassendsten Sinne, in Bezug aus Tracht und Sprache, Schule und Haus, in Bezug auf die Stellung der jüdischen Masse zur Regierung und unter einander , und 'diese umfassende Reformation ist es, wohin bis auf den heutigen Tag alle Reformbewegungen im Judenthume hinzielen, mehr oder weniger von den Stimmführern bewußt. Um die Juden mit der Vergangenheit in geschichtliche Flüssigkeit und in eine organische Gestattung* zu bringen, förderte er eine gute Kenntmß des Hebräischen, die seit einigen Jahrhunderten aus der Mitte der deutschen Juden verschwunden war, und darin unterstützte ihn der im diesem Fache mehr begabte Naftali Wessely (geb. 1725 zu Hamburg und gest. daselbst in einem Alter von 80 Jahren im Februar 1805), der als. gewandter hebräischer Dichter, als trefflicher Prosaiker, als guter Exeget sich auszeichnete, dessen zahlreiche und geschmackvolle Schriften bald allgemein Eingang fanden, und die geschmacklose Ausartung der jüdischen Literatur feit dem 16. Jahrhundert bald verdrängten. In diesem Sinne arbeiteten später Isaak Euchel, Joel- Löwe, Isaak Satanow, Salomo Pappenheim, Baruch Lindau, Franco Mendez, Löw Ben-Seeb u. A. für ihre Zeit und für die damaligen jüdischen Zustände mit großem Glücke- und die alle sich erst durch Mendelssohn und Wessely gebildet haben und auch im Sinne ihrer Meister weiter wirkten. Mendelssohn selbst suchte um 1753 eine hebräische Zeitschrift, genannt Kohelet Mussar, herauszugeben, um auf seine Glaubensgenossen durch einfache Belehrung einzuwirken; allein der orthodoxe Widerstand in Berlin verleidete ihm bald nach einigen Nummern diesen Versuch, zu welchtm er in der That - nicht gewachsen war, und er mußte dieses Geschäft bessern Kräften überlassen. Besser ist aber eine andere Arbeit gelungen, nämlich die Herausgabe des Pentateuchs (1780) mit einem für jene Zeit ausgezeichneten und unübertrefflichen hebräischen Kommentar , der, in'Gemeinschaft mit den in diesem Fache ihn überragenden Männern Salomo Dubno, Wessely u. A. übernommen und trefflich aüsgeführt, wie ein zündender Blitz die jüdischen Gemeinden in Deutschland, Holland, Frankreich , England , Italien u. s. w. traf und aus dev Starrheit aufrüttelte. - Unbeschreiblich ist der Einfluß , den dieses Werk aus Erhebung der Juden aus ihrem Schlum- " mer 'der Unwissenheit geübt! Viele fanatische Rabbiner haben es zwar zum Feuertode verurtheilt, aber es wurde 8 *

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