Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1842-11-29 · 49 (29.11.1842) · p. Spalte 771-772

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
1842
Issue
49 (29.11.1842)
Date
1842-11-29
Page
Spalte 771-772 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/8555529-9894039-9894116--2392-3529870
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

T71 Jüd. Philosophie. Mendelssohn und seine Schule. Von Dr. Steinheim. 772 getheilt worden sei, das der menschliche Geist aus freien Stücken üicht ermitteln konnte, und daß er dies durch sich selbst Unerreichbare als wahr anerkenne. Denn könnte der menschliche Geist im Lause der Zeit es von selbst ermitteln, so bedürfe er dieses großartigen Aktes nicht, um vor der Zeit zu wissen, was er doch erfahren würde; und da der Inhalt der Offenbarung Menschen nnLgetheilt wurde, so müssen diese auch von dem Werthe desselben sich überzeugen können, und die Wahrheit einsehen. — Nun bemühet sich der Verfasser nachzuweisen, daß die Erkenntniß des Menschen von Gott, Welt, Freiheit rc., sofern ihm nicht eine richtige Anleitung von außen suppeditirt wird, eine irrige und falsche sei, und daß ihm erst durch die Offenbarung die Weisung gegeben wurde, das Richtige einzusehen; was er dann auch begreife. Jetzt wird also, nach dem Verfasser, was von den Moses, den dreien, bis auf ihn nicht erkannt wurde, erst die Nothwendigkeit und die Richtigkeit der Offenbarung eingesehen, und er beurtheilt den Werth jeder fortschreitenden Bewegung und jede Ansicht nach der Annäherung oder Entfernung von dieser seiner Ansicht. In diesem Sinne beurtheilt er nun auch Moses Mendelssohn und seine Zeit, und schlägt auf der einen Seite das Streben sehr hoch an, auf der andern bricht er dm Stab darüber. Wir, die wir uns nun Vorbehalten haben, ein ander Mal die extreme Ansicht und den Fortschritt des Vers, gegen die frühem Ansichten zu erwägen und zu prüfen, haben hier nur sein Urtheil nach der Basis, die'er einnimmt, anzugeben, und zu sehen, ob von diesem Standpunkte aus die Beurtheilung nach Gebühr geschehen. Wir wollen indessen mit den Worten des Verfassers den Standpunkt auch im Speciellen bezeichnen, und führen aus dieser Broschüre 87 folgende Stelle an. „Wir haben mithin den Begriff eines „„jenseitigen"" Gottes, wenn uns das Heidenthum mit seinem „„diesseitigen"" entgegenkommt, wir glauben an einen Gott, der mit der Materie, dem Wettstoffe nichts Gemeinsames hat, nicht in zwei Modisicationen, Geist und Körper, sich differenzirt (um nach einer altern, etwas nwdificirten Lehre es zu bezeichnen); dagegen haben wir den vollendeten Begriff eines „„diesseitigen"", sobald von seiner Weltregierung gesprochen wird. Wir haben nämlich die ganz besondere Ueberzeugung, daß Gott nicht blos Ordner der Welt, sondern ihr wirklicher Schöpfer sei, daß er sie auf eine dem Menschen nicht faßliche Weise aus Nichts geschaffen, daß er zu seinem Schöpfungswerke, auch den Stoff gemacht. Diese allen Heiden und Philosophen so seltsam klingende Ueberzeugung ist der Mittelpunkt unserer ganzen Offenbarungslehre." Mit diesem Inhalte der Offenbarungslehre, so einfach er auch klingt, stimmen nach dem Vers, nicht die Ansichten der Gottesgelehrten überein; freilich oft nur nach der Begriffsbestimmung, die er angiebt. So rügt der Vers, die in der Philosophie verbreiteten Begriffe von „Nothwcndigkeit", „nothwendiger Entwickelung", die in- Widerspruch stehen sollen mit der Annahme von einer „Weltordnung" und einem „Plan der Vorsehung", von „Freiheit", „Schöpfung" und „Offenbarung" in dem Sinne einer stetigenorganischen Entwickelung. Wir müssen allerdings vollkommen dem Vers, beistimmen, wenn man die Begriffe so scharf, aber auch so einseitig wie er, auffaßt; allein die Dialektik dieser Begriffe har der Verfasser nicht beachtet, und wenn man diese daher von allen Selten besuchtet, so dürfte mancher Vorwurf ungerecht sein. So nur sei an einem Beispiele, an dem Begriffe „werden" dies nachgewiesen. Der Vers, dürfte nur diesen Begriff etwas schärfer und vielseitiger ins Auge fassen, und es werden ihm die vielen scheinbaren Widersprüche der modernen Philosophen klar werden, so daß „aller Streit zwischen ihm und jenen aufhört; , denn Alles, was er sagt" rc. „Wordene m seiner absoluten Gegenwart, als das Entstehen aus Nichts ist ein Begriff des Widerspruchs , weil zwei entgegengesetzte Begriffe als „Sein" und „Nichts" zu einer Begriffseinheit zusammengethan werden. Es werden diese beiden Begriffe darin gesetzt und vereint,, und wieder beide verleugnet und ausgestoßen. Ein solcher Begriff des Widerspruchs kann nur als der Akt einer absoluten Nothwendigkeit gedacht werden, der selbst der Geist untergeordnet wird, wenn er.trotz seiner negativen Natur vom Geiste begriffen und als wesenhaft gedacht werden soll.. Es kann nur eine absolute Nothwendigkeit sein, daß aus dem abstrakten Sein ein concretes hervortrete; die Weltschöpsung nach menschlicher Denkweise, setzt vor dem concreten, schon ein concretes als bestimmendes Element voraus. Dagegen bietet das überwundene Werden, oder das Gewordne, eine positive Seite dar; es kann oder kann auch nicht, indem ein Anderes gegenüber gestellt wird, als schlecht,, dieses als das Bessere gefunden werden. Und ebenso kann und kann auch nicht bei dem noch nicht begonnenen Werden, bei dem Nichts (nach menschlicher Auffassung) oder bei dem abstrakten An- und für sich Sein zugestanden werden, daß das absolute Werden als dem „Plan" angemessen gefunden, und darum zur Ausführung gebracht wurde. Denn in dem Nichts, oder dem abstracten Sein kann eben so gut die Möglichkeit eines Nichrwerdens oder Anderswerdens gedacht, als dem Gewordnen ein Anderes gegenüber zum Vergleich vorgeführt werden. Nur dem Werden inhärirt die Nothwendigkeit, die dem Nichts das v^diciren muß, was es zum bestimmten Sein umwandelt, 'weil sonst dieser Akt nicht gedacht werden kann. Und in der Offenbarung ist ganz dasselbe Verhältnis;. Wer nur den menschlichen Geist und seinen Fortschritt im Auge, wer die stetige Entwickelung desselben erfaßt, und in ihr'sich befindet, wer dem Offenbarungsakt die weitere geschichtliche Procedur gegenüber hält, der muß, um die Entwickelung zu begreifen, um diese stete Evolution aus dem Nichts zu erfassen, eine nothwendige Manifestation substituiren, und jeder frühern Epoche das vindiciren, was sie für die folgende Evolution befähigt. Ohne eine inhärente Befähigung kann das neue Moment sich nicht entwickeln. Wer dagegen die Offenbarung als etwas Gewordenes betrachtet, und den Inhalt derselben vergleichend dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.