Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 3 (1842)
- Issue
- Heft 40 (27.9.1842)
- Date
- 1842-09-27
- Page
- Seite 316 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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316 werden, neologische Rabbiner waren dafür geworben, und' es fehlte zur Ausführung nur die höhere Genehmigung. Diese aber^ wenn sie nicht, überhaupt zu entbehren, war in zu ruhmrediger und vorlauter -Weise nachgesucht. Sie wäre aber dennoch wahrscheinlich erfolgt, wenn diese Verbesserung, deren Notwendigkeit Christen und Juden erkannten, dM' langsamen naturgemäßen Weg der fortschreitenden Entwickelung gegangen wäre. Die Genehmigung wurde jedoch — namentlich der Breslauer Gemeinde •—verweigert. Dem sonst so humanen, trefflichen König Friedrich Wilhelm Hl. war diese Neuerung als Feststellung eines neuen konsequentem Judenthums geschildert worden, die zu einer reinen Vernunftreligion und zu größerer Abgeschlossenheit und Abneigung gegen den Uebertrict zum Christenthum führen werde. Und allerdings spricht Einiges dafür, daß, wenn dem, gebildeten Juden. d. h. demjenigender sich, trotz aller Hindernisse, wahrhafte Schatze an Philosophie und klassi. schem Gedächtnißwissen errungen, alle Wege versperrt wurden, von seinerbessern Bildung als Staatsbürger, oder als religiöser Israelit in seinem Tempel und unter seinem Volke öffentlichen Gebrauch zu machen, der moralische Zwang eintreten mußte, entweder die Taufe des Christen anzunebmen, oder zu heucheln, — wovon vielleicht selbst Moses Mendelssohn nicht frei zu sprechen ist. Ein Drittes war eben so schlimm und noch unausführbarer, sich nämlich von aller positiven Religion loszusagen und Verdacht oder Ruf des Atheismus auf sich ' zu.laden. Ob dieses. Verfahren von Seiten der Regierung mit der Liebe und der christlichen Moral sich vereinbaren läßt, will ich hier nicht erörtern. . Die Fälle der ersten Art waren selten, und die Taufe wurde, theils nur von solchen Familienvätern gewählt, die, von der Reinheit der christlichen Moral durchdrungen, zu gleich die Leibliche oder geistige Wohlfahrt eiyec zahlreichen Nachkommenschaft bedachten-) theils aber von solchen, denen der zeitliche Vortheil durch Gleichstellung mit dem christlichen Staatsbürger in Aemtern und Gewerben, höher stand, als ihre innere Ueberzeugung, deren ihre Seele vielleicht ganz entbehrte. War nun wohl die Einverleibung dieser Letzteren der Christengemeinde ein wahrer Gewinns War die zunehmende Zahl der Gleichgültigen, Indifferent^ sten — vielleicht Atheisten — ein Gewinn für den Staat? Es dürfte sich , sogar-behaupten lassen, daß die Förderung des sogenannten Deismus unter den Juden durch. Reinigung ihres Gottesdienstes von einem , zum Theil ganz orientalischen Ritus *), zu einer richtigen Würdigung der, von allen Völkern unstreitig als die beste anerkannten, christlichen Moral führen müsse. Was hat der Verbreitung des Christenthums überhaupt'am meisten geschadet?-Daß man eher den Glauben forderte, bevor man überzeugt hatte; daß man eher taufen wollte, als lehren. Daß man früher das Entsagen aller Forderungen der Natur: unb der Sinne, alles Herkommens, aller angestammten Volkstümlichkeit forderte, ehe man versucht hatte, den Kern des Christenthums, der, wie aller Kern, doch überall mehr werth ist, als die Schale, mit Klima, Farbe, Volksabstammnng, Volksgewohnbeit in Übereinstimmung zu bringen, und den Ganz- oder *) Siehe Sendschreiben eines Familienvaters, zunächst an seinen Israelitiscdcn Brüder in Pommern. Athenäum in Berlin 1842. Seite 12 und 13. 5)albwilden die christliche Moral, so zu sagen, genießbar zu machen; dapsn liegt das Mißlingen der meisten Bekehrungsversuche, Sie gelangen, wo sie, wie großenteils von dem deutschen Orden, oder den weltklugen Jesuiten, auf die menschliche Natur berechnet waren. .Statt die Nichtchristen mit dem Fundament der christlichen Gebote: „Was ihr nicht wollt, das euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen auch nicht rc.," wofür das roheste Gemüt empfänglich sein muß, vertraut zu machen, wurden die armen Heiden und Nicht- Christen zuerst mit der Bedeutung des Kreuzes, mit den Wundern Christi und mit dem christlichen Himmel und der christlichen Hölle bekannt gemacht — nicht bekannt gemacht — sondern die Begriffe davon ihnen aufzu^ dringen versucht. , Der Nichtchrist, der es mir seiner innern Ueberzeugung schon zum Deismus gebracht hat, d. h. zu dem Glauben an ein allmächtiges, allweises, allgegenwärtiges, allwissendes Wesen, als Urheber und Regierer aller Dinge, an die Unsterblichkeit der Seele, oder deren Fortdauer nach dem Tode, der ist dem Wesen des Christentums doch unstreitig naher, als' der bloße Jude des Ceremonlal-Gesetzes, der, wenn er vollends Rabbin ist, den Talmud nicht aufgeben kann, ohne ein Ungläubiger zu werden. Gern wird der jüdische Deist sich von dem Gott der Strenge, des Zornes und der Rache zu dem Gott der Liebe wenden, wenn wirklich, wie unsere Theologen sagen, der jüdische Gott so ist. Lassen wir ihnen also immerhin ihre Neuerung im Gottesdienste, mag sie vielleicht auch zum Deismus oder wahrscheinlicher zu einer Reform und Läuterung des Judenchums führen. Sie kommen der christlichen Weltanschauung'dadurch näher. Je mehr Ausbildung der Vernunft, desto mehr Gehorsam gegen das bürgerliche und gegen das Sittengesetz; je mehr dieses Gehorsams, desto mehr Unrerrhanentreue und Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland und an der bestehenden Verfassung. Rechtgläubige Christen dürfen dagegen nicht fürchten, daß jüdische Deisten oder Pantheisten Proselyten unter ihnen machen, oder daß ihr Deismus oder Pantheismus auch nur zu christlichem Rationalismus sich versteigen werde. - Spinoza und Mendelssohn sind zu ihm weder hinauf noch hinab gestiegen, und ihre Philosophie ist von christlichen Philosophen vielfach beleuchtet worden, ohne daß sie, die in ihren Grundsätzen zu fest standen, ihre Jünger wurden. Ist in dem Vorstehenden vielleicht die Beantwortung der beiden ersten Fragen, oder der Beweis gelungen, daß Fortschritte in geistiger und bürgerlicher Ausbildung die Juden immer mehr zur bürgerlichen Gleichstellung mit den Christen befähigen, so bleiben nur noch folgende, mit jenen zusammenhängende Fragen zu besprechen: III. Was fehlt den Juden in Preußen noch zu ihrer bürgerlichen Gleichstellung mir den Christen? IV. Was können sie mit Recht wünschen, ja verlangen? V. Was kann der Staat dagegen von ihnen noch fordern, um sie des Verlangten würdig zu erklären? VI. Was kann, was wird er ihnen dann gewähren? Das erste Verlangen der Juden in Preußen muß in d e r G l e i ch st e l l u n g s a m m t l i ch e r I u d en der neuen und alte-r Provinzen besteben. . Das Gesetz vom 1. Juni 1533 trennt - die Rechte