Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 17 (6.11.1832)
- Date
- 1832-11-06
- Page
- Seite 133 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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133 Bei allen diesen Hindernissen und Hemmungen dürste es uns wohl nicht allzusehr befremden, wenn die Fortschritte zu einer vielseitigeren bürgerlichen Thätigkeit nur sehr langsam und unmerklich vor sich gingen. Man setze einen tragen, untüchtigen, von angeerbten Gewohnheiten durchaus beherrschten Menschenschlag in die Lage, in welcher die Masse der ärmeren Juden vor zwanzig Jahren sich befand, sie würden sich nie und nimmer aus dem Schlamme, in welchen man sie — in socialer, nicht in moralischer Beziehung — hinabzudrücken vermocht hatte, erhoben, sie würden allesammt in alle Ewigkeit fortgefahren haben, mit alten Kleidern zu trödeln. Aber dem ist keinesweges so. Jene Schwierigkeiten sind glücklich überwunden worden, theils durch eben jene unermüdliche Thätigkeit, die allein 'unter unerhörter, unnatürlicher Beschränkung eine kümmerliche Existenz zu fristen vermochte, und die jetzt auch in. freierer Sphäre ihre Tüchtigkeit bewährt; theils durch die kräftige, zweckmäßige Unterstützung der Bemittelteren in den Gemeinden, durch die Theilnahme, die besonders in dem ersten, dem schwierigsten Moment des Fortschritts jeder einzelne Jüdische Handwerker bei seinen Glaubensgenossen findet: ohne diese Unterstützung, ohne diese Theilnahme mußte der beste Wille der Aermeren an den angeführten Hinderniffen scheitern. Die trefflichen Vereine für Verbreitung der Gewerbthätigkeit unter den Juden, wie sie, in größerer oder geringerer Ausdehnung, fast in allen einigermaßen bedeutenden Jüdischen Gemeinden Deutschlands in stiller, aber fortwährender Wirksamkeit sind, haben bereits gute Früchte getragen. Die Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaus entspricht in den meisten derjenigen Staaten, die den Juden die Gewerbefceiheit eingeräumt, namentlich in Preußen, Baiern, Würtemberg, Kurhessen, nach den lautesten, bestimmtesten Zeugnissen allen billigen Erwartungen. Es könnte zu nichts führen, Denen zu Gefallen, die nicht sehen und nicht hören wollen, die tausendmal angeführten einzelnen Belege hier nochmals abzudrucken; sie finden sich beinahe vollständig in den Zusätzen zu dem mehrfach angeführten Gesuch der Braunschweigischen Juden. Wenn nun in dieser Beziehung in Baden weniger, als anderwärts, geleistet worden — die Behauptung, daß gar kein Fortschritt Statt gefunden, hat in der Badischen Kammer selbst entschiedenen Widerspruch gefunden — so muß nach aller logischen Konsequenz die Ursache davon nicht in den Juden als solchen, — denn sonst müßte eine gleiche Ursache allenthalben eine gleiche Wirkung Hervorbringen, — sondern in besonderen lokalen, nachtheilig einwirkenden, Umständen zu suchen sein. Von welcher Art diese Umstände sind, darüber ist man an Ort und Stelle so ziemlich einverstanden. Ohne thätige Theilnahme und' Unterstützung , ohne Rath und Aufsicht ist, wie gesagt, der erste Fortschritt zum Besseren hier rein unmöglich. Laßt in der socialen, wie in der physischen Welt den Kräften ihren freien Spielraum, bewahrt sie vor jedem schädlichen Element, vor jeder Stockung, vor jeder Erschlaffung, so werden sie sich von selbst auf ihre Weise gehörig entwickeln; die durch naturwidrige Versperrung und Einengung erkrankten Kräfte aber bedürfen der Pflege, der Heilung, sie bedürfen des ernsten, aber freundlichen Arztes, der dem Leidenden wohl wegen der verschwächten Mittel, aber nicht der Krankheit selber wegen zürnt, an der er unschuldig leidet. Daß nun die nöthigen Mittel auf die rechte'Weise angewandt, daß die nöthige Hülfe auf die rechte Weise geleistet werde, darauf kommt in dem vorliegenden Vörhältnisse Alles an. Diese Hülfe -kann aber nicht nach einem regen, allgemeinen Maßstabe, sondern sie muß nach der Lage, nach den Bedürfnissen des Einzelnen geleistet, es müssen die Hindernisse, die sich dem Einzelnen entgegenstellen, beseitigt, es muß eine Aufsicht über den Einzelnen geführt werden, die ihn abhalte, sich durch die Schwierigkeiten, die ihm aufstoßen, oder durch leichte Kollisionen mit angeerbten Gewohnheiten von der begonnenen Laufbahn ablenken zu lassen. Eine Thätigkeit dieser Art aber ist nur von den vereinten Bemühungen solcher Privatpersonen, denen die Sache recht innig am Herzen liegt, auf keine Weise aber von dem oberflächlichen fabrikmäßigen Betreiben der administrativen Behörden zu erwarten, welche die Sache bei dem besten Willen doch immer nur als eine sehr geringfügige Nebensache behandeln können. Es war der größte Fehler, den man nur begehen konnte, und den man, so viel mir bekanntauch nur in Baden begangen hat, die Sache der Verbreitung einer besseren bürgerlichen Thatigkeit unter den Juden ausschließlich zur Regierungssache zu machen, indem man die