Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1832-1833)
- Issue
- Heft 5 (25.5.1832)
- Date
- 1832-05-25
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 wo man den Glauben an diese beiden Vorstellungen in eine Kategorie setzen wird. Wie ist es aber zu erklären, daß Manche, Ln deren Gemüthern der Fanatismus, der die Anerkennung menschlicher Würde und reiner Sittlichkeit bei den Bekennern eines anderen Glaubens unmöglich macht, erloschen, sich noch nicht von allen Vorurtheilen losgesagt, die er erzeugt? Die Antwort ist leicht gegeben. Das eben ist ja das Wesen der Vorurtheile, wodurch sie sich von wahrhasten Urtheilen der menschlichen Vernunft unterscheiden, daß sich die Seele der Quelle ihrer Erkenntniß dabei nicht bewußt ist, und, wie ein krankhaftes Sinnesorgan, das Erzeugniß des eigenen abnormen Zustandes auf die Außenwelt übertragt. Der vom Wahnsinn Geheilte erinnert sich nicht der Zeit, da er gerast, nicht der wilden Thaten, die er ohne Bewußtsein verübt; seine Umgebungen aber scheuen sich, sie ihm in's Gedachtniß zu rufen, aus Furcht, vor dem Rückfalle. So wird er die Zerstörungen, die er Ln her Unbändigkeit der Raserei angerichtet, anderen außer ihm liegenden verderblichen Kräften, vielleicht wird er sie dem friedlichen Genoffen seiner Zelle zuschreiben, der ihn in der Krankheit gewartet. Hat er diesen mißhandelt und blutrünstig geschlagen, so wird er feine Narben einer natürlichen Mißgestalt Schuld geben, und sich beklagen über den häßlichen Anblick. Die wenigen dunkeln Erinnerungen aber, die ihm aus der- Zeit des Wahnsinns geblieben, wird er aus die Wirklichkeit übertragen, und sie mit dieser zu seltsamen abentheuerlichen Bildern vermischen. Nicht anders ergeht es einer Gesammtheit von Menschen, wenn sie allmälig geheilt werden von dem Fanatismus, der Jahrhunderte lang die Freiheit ihres Urtheils gefangen genommen. Sie finden in ihrem Gemüthe Meinungen vor, deren Quelle sie-nicht kennen, die sie als Wahrheiten festhalten, weil sie nicht begreifen können, wie solche Jrrthümer La ihrer Seele Eingang gefunden. Sie sehen in dem moralischen Verhältnis zu den Bekennern eines anderen Glaubens eine traurige Zerrissenheit, eine beklagenswerthe Lieblosigkeit und, uneingedenk der eigenen ungeheuren Schuld, wälzen sie die ganze Schuld der Trennung ihren ohnmächtigen Gegnern zu. Sie finden in den Staatsgesetzen Ausschließungen auf die Religion gegründet, die nach ihren Ansichten freilich keinen Unterschied in den Rechten begründen sollte; aber sie sind einmal an jene Beschränkungen Anderer gewöhnt; sie finden sie vielleicht in einer oder der anderen "Beziehung bequem; sie mühen sich daher vergebens ab, für jene Gesetze eine andere Grundlage, als die religiöse Unduldsamkeit, die sie erzeugt, zu gewinnen, und ihre Meinungen von Recht und Freiheit selbst verwirren sich am Ende in diesem sinnlosen Streben. Wenn der hier bezeichnet Charakter der heutigen Vorurtheile mancher Christen gegen die Juden nicht der wahre wäre, wenn die Fortdauer jener Vorurtheile nicht auf einem Verkennen ihres Ursprungs, auf einem Vergessen der Gesinnung, in der sie entsprossen, beruhte, würde man mit den Argumenten gegen uns aufzutreten wagen, die noch immer voranstehen in der Schlachtordnung, in welcher man gegen uns zu Felde zieht? Der Talmud, und immer wieder der Talmud! Diese vor anderthalb Jahrtausenden geschlossene Sammlung soll in einzelnen Stellen Lehren enthalten, die Haß und Verachtung Andersglaubender lehren. Ist denn der Talmud allein übrig geblieben in der großen Sündfluth, die in Eurem Gedächtniß alle übrigen Erinnerungen aus der Geschichte der Religionen weggeschwemmt? Oder schließet Ihr ihn allein aus von der allgemeinen Amnestie, da Ihr allen anderen Erzeugnissen des Fanatismus bewilligt habt? Wenn Ihr Eure Religion, deren Haß Geschlechter erwürgt, und Jahrhunderte mit Blut überschwemmt hat, eine Religion der Liebe nennt, und leicht hinweggeht über jene Gräuel, als über unbedeutende Auswüchse, über das Erzeugniß menschlicher Zusätze zu der himmlischen Lehre, erröthet Ihr nicht, einem anderen Glauben, dessen Bekenner Jahrhunderte hindurch die hülflosen Opfer jener Wuth waren, vorzuwerfen, daß er einst andere Lehren, als die der allgemeinen Menschenliebe, gelehrt? Wenn in einzelnen Gebeten, die viel später als der Talmud, die eben in den Zeiten der gräßlichsten Verfolgungen entstanden sind, die göttliche Gerechtigkeit um Erlösung aus den Händen der Feinde, um die Bestrafung der Peiniger angefleht wird, wer mag sich darüber wundern? (Die Fortsetzung folgt.) Gedruckt bei Hammerich und Lesser in Altona.