Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3497353-3497361-3497366--448-3526058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
bejaht Ethos und Pathos, Darstellung und Sprache, muß aber eines, das Wesentliche, scharf .kritisieren: Man stelle sich eine Filmreportage vor, derart gedreht, daß die Kamera nicht von der Stelle bewegt wurde. Die Sache wird einseitig, unvollkommen und bald langweilig. Dieser Vorwurf trifft (leider «auch S/s BOSTON. Das Buch will Reportage sein, Tatsachen und nur Tat- Sachen bringen. 796 Seiten Tatsachen, eine so haarsträubend wie die andere und keine wirklichkeitsfremd, aber alle nur von einem Standpunkt aus gesehen. Doch der Endeffekt —? Man ist abgestumpft. Man sagt, die Wirklichkeit mache dasselbe mit dem Menschen, wie diese 796 Seiten; sie stumpft auch ab. Also entweder Tatsachen einseitig in ihrer Entwicklung kurz und bündig erhellt oder 796 Seiten, dann aber bitte die ganze Welt izeigen, und dann hat auch wiederum keiner Recht. So ist die Welt. Wie dem auch sei. Die Neue Sachlichkeit hat der alten Sache, dem Ringen um die Menschheit einen schlechten Dienst geleistet. Hätte uns Sinclair 796 Seiten beschrieben, wie auf diesen oder jenen das Schicksal Saccos und Vanzettis gewirkt, hätte er uns dies Schicksal als das Erleben in der Seele eines anderen gezeigt, alles wäre gut gewesen. Denn es kommt darauf an, jedes Geschehen in die große graue weite Welt einzuordnen. Tausend Sünden einer Gesellschaft auf den Klassenkampf zurückzuführen ist Sache der Wissenschaft, die die Welt zu erkennen sucht. Der Dichter aber soll sie neu gestalten. —d. —g. G. Bjelych, L. Pantelejew: „SCHKID, REPUBLIK DER STROLCHE". Verlag der Jugend-Internationale Berlin. 503 Seiten. Nachdem wir durch Ognews »Kostja« das Leben des russischen Schülers kennengelernt haben, führt uns »Schkid« in das Leben der »ver wahrlosten Jugendlichen«. »Schkid«, die Republik der Strolche, schildert das Leben eines sowjet-russisehen Instituts für schwer erziehbare Jungens. Die Verfasser G. Bjelych >und L. Pantelejew, selbst einmal Schüler dieser Anstalt, führen uns in fesselnder Art das Leben des Heimes vor. Wir sehen die Neuen ankommen, Jungens aus allen Kreisen, äußerlich und innerlich verwahrlost, wir sehen sie, wie sie sich raufen, wie sie stehlen; manchmal hat man den Eindruck, es sei die reinste Räuberhöhle, es könne so nicht weitergehen. Und doch, mitten im Chaos gibt es wieder einen Lichtblick. Der Leiter Viktor Nikolajewitsch, von seinen Strolchen kurz mit Vikniksor bezeichnet, steht -umsichtig, gütig und mit großem Verständnis und doch mit der notwendigen erzieherischen Strenge zwischen seinen Jungens und bringt sie lautlos zu Forderungen, zu Urteilen, gibt ihnen Anregungen und lenkt sie damit zu nützlichem Tun. Besonders beachtenswert ist seine Haltung, wenn seine Jungens einen Lehrer bejahen oder ablehnen. Er kommt ihnen sehr weit entgegen, um trotzdem im richtigen Augenblick seine sich erkämpfte Meinung durchzudrücken. Ueberhaupt spielen die Lehrer, die sogenannten »Chaldäer«, eine große Rolle. Im Anfang, da die Schkid entsteht, ist es besonders schwer, die richtigen Erzieher zu finden. Wir sehen eine Unmenge von Lehrern durch die »Republik der Strolche« wandern, die merkwürdigsten Typen, die Landstreichern ähnlich gelegentlich eine Stelle annehmen, um einmal für kurze Zeit die schwersten äußeren Sorgen los zu sein. Dauernd gibt es Lehrerwechsel; der eine geht noch am selben Tage aus Angst vor den Jungens, der andere wird von den Jungeos solange verspottet, bis er geht, und dem dritten wird von Vikniksor selbst gekündigt. Einige Male hat es auch Lehrerinnen in der Anstalt gegeben, und es ist eigentümlich, die Frauen bringen bei den Strolchen manches fertig, was ihren männlichen Kollegen nicht gelingt, ja sie genießen sogar eine große Verehrung. Das weibliche Geschlecht erweist auch sonst eine gewisse Anziehungskraft für die Jungens. In den Größeren regt sich die Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht. Zuerst liehen sie aus der 41