Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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AUS DER BEWEGUNG BRIEF AUS RECHOWOTH. Liebe Chawerim: Wir Chawerim in Rechowoth haben in der letzten Zeit einen Briefwechsel mit Euch, insbesondere mit der Bundesleitung geführt, der, so notwendig die Auseinandersetzung auch ist, doch im wesentlichen Negatives zum Inhalt hatte. Dieser Brief hat gar keinen direkten Zusammenhang mit diesen Dingen. Der Kampf um die Grundlagen des Bundes und das Wie der Weiterführung der Arbeit geht weiter, muß weitergehen, aber ich will Euch heute einen kurzen Ausschnitt aus unserem tagtäglichen Leben geben. Diese wenigen Worte sollen Euch nicht nur Information sein von Euren Chawerim in Rechowoth, sondern gleichzeitig ein Bild des Gesamtlebens in seiner tagtäglichen Erscheinung hier, im ganzen Lande! Vor nun einem Jahr sind wir ins Land gekommen, die erste organisierte, durch jahrelanges Zusammenleben gebundene Gruppe des Bundes. Heute zählen wir deutsche Olim an die 60 Chawerim. Die von uns gewollte Konzentration und die gleichzeitige Verbindung mit Menschen aus dem Osten, einer schon in Erez Israel bestehenden Kwuzah, ist heute schon über die Anfangsform hinaus. Nichts von der Problematik, aber auch von der Schönheit und Stärke dieses Versuches ist uns bisher erspart geblieben. Unsere Briefe geben deutlich Zeugnis davon. Aber das Leben hier ist so ungeheuer voll an Inhalten, so intensiv, es dampft nur so von Arbeit und Plänen, daß es unmöglich ist, dieses Leben in Briefe zu fassen. Wir kamen im Winter, zur Zeit, wo wenig Arbeit war, im Regen, zu einer Gruppe, die sehnsüchtig auf die ersten Olim wartete, die nahe am »Verdursten« war — vor Durst nach neuen, frischen Menschen. Eine Plugah, die maßlos schwere Jahre der Krise hinter sich hatte, zu Chawerim, die bis zum äußersten standgehalten hatten, in einer Zeit, wo vor Mangel an neuen Kräften auch die Kraft zahlloser Menschen besonders in den Kwuzoth erlahmte. Unsere Alijah — wie der ganze Beginn der fünften Alij ah — wirkte wie eine mächtige Auffrischung des Blutes im Körper der Gesamtheit in Erez Israel trotz ihrer kleinen Zahl. Unsere erste Freude, neben unserem Lager, unserem kleinen Stück Boden, unseren Pferden, unserer Lohnarbeit, die bald begann, war die befreiende Freude von Menschen, die aus langem Provisorium zu echtem Leben kommen. Ihr /kennt unsere ersten Berichte. Wir zum Teil halhvergojten Westjuden verbanden uns mit Chawerim, denen Jude-sein selbstverständlichste Sache war. Unsere kleine Gruppe-Plugah des Verbandes „Kibbuz hameuch-ad" stürzte sich vom ersten Augenblick an in Pläne, ging mit einer Kühnheit an die größten Fragen einer Kommune heran, die gar nicht ihrer Kleinheit entsprach. Als noch nicht für .alle Matratzen für die Betten da waren, liefen schon heftige Debatten über die Errichtung einer Bäckerei, über den Kampf mit der zionistischen Exekutive wegen Erwerbung von tausend Dunam Boden — wegen Bau eines Brunnens (für 30.000 Mark), wegen Aufnahme neuer Olim bis zu hundert und mehr! Ein Jahr lang rangen und kämpften wir mit allen möglichen Bürokraten und Institutionen und sonstigen Hindernissen auf dem Wege zum Bau einer Wirtschaft — ein Jahr standen wir deutsche Olim und gemeinsam mit uns alle in die Plugah aufgenommenen Olim im Kampf mit allen Anfangs- und Einlebungsschwierigkeiten jedes »Grünen«, mußten wir die erste Prüfung bestehen. — Ich glaube, wir haben sie nicht schlecht bestanden — wenn man nach einem Jahr urteilen kann, so haben wir immerhin den Beweis erbracht, daß die wie wir geartete Jugend aus Deutschland in selbstgewählter Form der landwirtschaftlichen Kommune, in fruchtbarer Verschmelzung mit Chawerim aus dem Osten leben kann und fähig ist, tätig am Aufbau mu helfen. Manch 28