Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 2 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- – (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Unempfänglichen". Die Gefahr der Vergewaltigung, der Hinführung zu Zielen, die dem Jugendlichen nicht gemäß sind, ist dabei nicht sehr groß: In dem Jugendlichen selbst wächst ein Widerstand, der sich gegen jedes Ziel auflehnt, das seiner Wesensart fremd ist. „Das Eingreifen spaltet die ihm ausgelieferte Seele in einen gehorchenden und einen sich empörenden Teil; aber das verborgene Einwirken aus der Ganzheit des Wesens hat die ergänzende Kraft." Dieses verborgene Einwirken aus der Ganzheit ist die pädagogisch wirksame Form der Tendenzerziehung, wobei Tendenz eben als Ausdruck der Ganzheit des Wesens gefaßt wird. Tendenzerziehung bedeutet nicht, daß die Festlegung auf das Ziel ein einmaliger Akt ist. Die Festlegung wird vielmehr, je tiefer sie angelegt wird, ein umso länger sich ausdehnender und desto stärker wirkender Prozeß sein. Diese Ueberlegungen über die Tendenzerziehung waren der Ausgangspunkt für die in der Schule der Jüdischen Jugend Berlin vorgenommene Analyse der Erziehungsziele der einzelnen Sichtungen innerhalb der jüdischen Jugendbewegung. Es kam bei dieser Analyse nicht so sehr auf die soziologische Eichtigkeit, die praktische Erreichbarkeit der Zielsetzungen an, sondern vielmehr darauf, zu prüfen inwieweit die Zielsetzungen der seelischen Situation unserer jungen jüdischen Menschen entsprechen, inwieweit sie ihn hemmen und wodurch sie ihn weiterführen. Die verschiedenen Ziele der Tendenzerziehung innerhalb der jüdischen Jugend wurden dabei von Vertretern der einzelnen, entsprechend gerichteten Jugendbünde, dargestellt und analysiert. Das Ergebnis dieser Analyse und der daran anschließenden Aussprachen war im wesentlichen das folgende: I. Der Sozialismus. Für den Proletarier hat der Sozialismus die Bedeutung, daß er den Minderwertigkeitskomplex des proletarischen Kindes und Jugendlichen zur Aufhebung bringt. Das proletarische Kind und der proletarische Jugendliche erfahren schon früh, wieviel mehr Aufmerksamkeit und Liebe die Außenwelt etwa einem gut angezogenen, gepflegten „reichen'4 Kinde zuwendet, als etwa einem „armen", das entweder ausgesprochen zurückgewiesen wird oder im günstigeren Falle unbeachtet bleibt. Auch die Rolle des Kindes in der Familie ist dazu angetan, den Minderwertigkeitskomplex zu verstärken. Wird dem Kinde immer wieder vorgeworfen, daß seine bloße Existenz eine Last für die Eltern darstellt, so hat es keine Veranlassung, sich als besonders wertvoll oder wichtig zu fühlen. Die sozialistische Bewegung, und zwar sowohl die Kinderfreundeals auch die Arbeiterjugendbewegung, heben dieses Minderwertigkeitsgefühl auf. Die Zusammenführung einer großen Zahl von Menschen, die dasselbe Schicksal erleiden, läßt den einzelnen seine Lage nicht mehr als bedrückendes Sonderschicksal empfinden. Darüber hinaus gibt gerade der Sozialismus den so zur Masse zusammengeführten Menschen eine besondere Aufgabe: Sie sollen die neue Gesellschaft herbeiführen, hierin liegt der „Heilscharakter" des Marxismus: Er wählt die „Mühseligen und Beladenen" aus, um das „Eeich Gottes", die sozialistische Gesellschaft auf der Erde zu verwirklichen. Der Sozialismus erzieht aber auch gleichzeitig zur schärfsten Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft. In jedem jungen Menschen ist diese Kritik wach, weil er in eine Gesellschaft hineingesetzt ist, die im wesentlichen von Erwachsenen bestimmt ist. Die 24