Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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jedem jungen Menschen eigene Gesellschaftskritik ist innerhalb der Lehre des Sozialismus zu einem umfaßenden System ausgebaut worden. Der Sozialimus entspricht daher der Tendeinz zur Gesellschaftskritik. Aus der Kritik folgt der kämpferische Elan, der der Wesenszug der sozialistischen Bewegung ist. Dieser kämpferische Elan befriedigt daher auch in sehr starkem Maße das seelische Bedürfnis gerade des jungen Menschen. Der Sozialismus vermittelt endlich dem jungen Menschen das Gefühl gegenseitiger menschlicher Bestätigung, das seinen höchsten Ausdruck in der proletarischen Tugend der Solidarität findet, der Kampf Verbundenheit für das gemeinsame Ziel, des Einsatzes Aller für Einen und Eines für Alle. Damit hängt eng zusammen das Gefühl der Geborgenheit und der Einordnung in den größeren Zusammenhang der proletarischen Massen, das die notwendige Folge der Solidarität ist. Für die jüdische Jugend kommen diese erzieherischen Werte des Sozialismus nicht voll zur Auswirkung, weil die jüdische Jugend zum größten Teil dem Bürgertum entstammt. Hier tritt eine neue seelische Schwierigkeit auf, die von de Maan als Minderwertigkeitsgefühl des Intellektuellen in der proletarischen Bewegung bezeichnet worden ist. Parallel mit dem Minderwertigkeitsgefühl des Intelektuellen oder vielleicht noch vor ihm steht das Minderwertigkeitsgefühl des Bürgers in der sozialistischen Bewegung. Jeder ehrliche Bürger zuckt innerlich zusammen, wenn er „wir Proletarier" sagt. Hier gibt es nur einen Ausweg: letzte Ehrlichkeit, die weiß, daß der Bürger in der proletarischen Bewegung sich mit dem Proletarier nicht identifizieren, sondern nur für seinen Kampf solidarisch erklären kann. II. Deutsch-Judentum als Erziehungsideal wurde von dem Vertreter der deutsch-jüdischen Jugend abgelehnt. Deutsch-Judentum ist eine Tatsache and kein Erziehungsideal. Die Aufgabe des deutschjüdischen Menschen ist die Erfüllung der sittlich religiösen Idee des Judentums in Deutschland und mit den Juden der Welt. Dieses Ziel, das kaum einen spezifischen Eigenwert hat, kann junge Menschen nur schwer begeistern. III. Die erzieherische Bedeutung des Religiösen wurde in dem Bewußtmachen der Grenzen des menschlichen Lebens gesehen. Der junge Mensch soll in eine kritische Rechenschaftsbeziehung zu den Menschen und zu den Dingen gebracht werden. Das Verharren in dieser Grenzposiiion wurde als das Eigentümliche der Religiosität unserer Zeit ausgesprochen. Die Dinge der Welt sind dem jungen Menschen fragwürdig zu machen. Man könnte in unserer Zeit „Gottes nicht gewiß sein", Gott nicht in der unmittelbaren Begegnung zwischen Ich und Du erleben, wie es Martin Buber ausgesprochen hat. Die Aufgabe der Religiosität in unserer Zeit sei gerade für den jungen Menschen die Erkenntnis der Bedingtheit all unseres Strebens. Dem wurde entgegengehalten, daß die kritische Rechenschaftsbeziehung nur eine Voraussetzung der Religiosität sei, nicht die Religiosität selber. Diese beruhe immer auf einer Sinngebung unseres Lebens, auf dem Glauben, daß allem, was lebt, ein solcher Sinn innewohne, den gerade die Erziehung und das Verhalten der Menschen zueinander zu entwickeln habe. Jedes Leben bekommt von 25