Der junge Jude
- Journal
- Der junge Jude
- Volume
- 3 (1930)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1930)
- Date
- 1930-02-01
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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ist jetzt in Benschemen, dank der Arbeit Dr. Lehmanns und seiner jugendlichen Mitarbeiter, vollste Wirklichkeit geworden. Noch ein zweites Moment führte nach Palästina: Im Laufe der Jahre waren die Gemeinschaften so fest gefügt worden, daß es fast undenkbar schien, nun wieder als einzelner weiter zu leben. Das Kinderhaus hatte die Jugend viel zu stark erfaßt, als daß es möglich gewesen wäre, sich so einfach zu trennen. Palästina bietet die Möglichkeit, in einer der Jugend gemäßen Form sich weiter zu entwickeln. Die Gemeinschaften, die nach Palästina gingen, konnten drüben weiter so leben, wie man in Kowno begonnen hatte. Und Palästina hat eine Arbeiterschaft, die als Vorbild an Hingabe und Opferbereitschaft dienen konnte. Daß 'die mächtige Palästinabewegung in Litauen auch ihren Anteil an dieser Entwicklung hatte und daß damit auch die Gedanken der Chaluziuth und 'des nationalen Wiederaufbaus aufkamen, ist selbstverständlich. So teilte sich unsere Jugend in diejenigen, die die Stadt und das arme Volk liebten und ihm dienen wollten und die, die zur Mutter Erde wollten und die Gemeinschaft und den Neuaufbau des jüdischen Volkes in Palästina wollten. Die dauernde Beschäftigung mit den sozialen Problemen, die Erfahrungen der Not am eigenen Leibe machten unsere „Volksarbeiter" zu Sozialisten und Klassenkämpfern. Unsere Zionisten wollten einen Aufbau in einem gerechten Geist, aber ohne den entschiedenen Klassenkampf. Beide Gruppen waren sozialistisch. Beide wollten dem Volke dienen. Beiden Gruppen war gemeinsam ein hohes, menschliches Wollen, der Wunsch nach sofortiger Realisierung aller Hoffnungen und ein ganzes Sicheinsetzen für diese Idee. Beiden war gemeinsam die Achtung vor der Meinung des anderen und der Wunsch, das ganze Kinderhaus mit den politisch differenten Gruppen als eine Einheit zur möglichsten Hochentwicklung zu bringen. Dieser Weg, allen Teilen des jüdischen Volkes einen Zugang zu unseren Kindern zu lassen und im Kinderhaus einen Ort zu schaffen, in dem alles ernste Jugend wollen, ganz gleich welcher Richtung, wenn es nur ernist und überzeugend war, seine Stätte fand, bedarf einer Erklärung. Das Kinderhaus war eine Gemeinschaft von in Not befindlichen Kindern und Jugendlichen, also kein freiwilliger Zusammenschluß. Die politische Ausgestaltung kam nachher, wuchs aus dem Gemeinschaftsleben selbst und wurde nicht bewußt an die Jugend herangetragen. Wir konnten es nur für unsere Aufgabe halten, unwahre, demagogische Einflüsse von der Jugend fernzuhalten, nicht aber den politischen Willen der Gemeinschaft zu beeinflussen. * Damit ist in kurzen Strichen der Weg des Kinderhauses gezeichnet: Als Einzelner, Vereinsamter, Enttäuschter kam das Kind oder der Jugendliche zu uns. Die Gruppe gleicher Jungen und Mädchen, die ihm offen stand und die ihr Gemeinschaftsleben in vollster Freiheit gestaltete, gaben ihm sofort und ohne jeden Vorbehalt die Möglichkeit des Mittuns. Dieses Mittunkönnen, Beteiligtsein an der Gemeinschaft gab das Gefühl von Ruhe und Geborgenheit, machte froh, entspannte und öffnete den jungen Menschen. 1$