Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen der Gesellschaft für Jüdische Volkskunde
- Volume
- 1899
- Issue
- 2 (1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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95 Unwissenheit und deren Zwillingsschwester Gleichgültigkeit noch unter unseren Augen am hellen Tage der Gesittung zu Grunde gerichtet worden ist, ganz darf die Hoffnung, ein immerhin noch beredtes und aufschlussreiches Material für diesen Theil unserer Volkskunde aufzubringen, denn doch noch nicht aufgegeben werden. Wie jeder neue Gesichtspunkt in der Wissenschaft zu seinem eigenen Staunen ungeahnt reichen Stoff zusammenführt, auf den man vorher eben nur nicht geachtet hat, so wirkt der Entschluss zu einer neuen, bisher vernachlässigten oder völlig verabsäumten Richtung der Forscher- und Sammelthätigkeit wie ein Weckruf, der Verborgenes aus seinem Verstecke, Verlorengegebenes wieder ans Licht zieht. Gemeindebücher und Privaturkunden, unter denen allerdings besonders der Verfall der hebräischen Wissens und der Kenntniss der hebräischen Sprache, dieser Seele aller unserer Geschichte und Ueberlieferung, gar grausam aufgeräumt hat, enthalten noch gar Vieles, was dem Erforscher der Sittengeschichte unserer Vergangenheit werthvolle Züge in Fülle an die Hand geben wird. In dürren Aufzählungen, in vergilbten, scheinbar seelenlosen Denkmälern privatrechtlicher Natur, in Urkunden, die als werthioses Gerümpel der Vernichtung anheimfallen, weil diejenigen, die sie einst interessirt haben, selber zu Staube geworden sind, liegt für den Culturgeschichts- Schreiber Stoff bereit, den es erst noch zu heben und zu beleben gilt. Was einst nur Einen oder Wenige, die Familie oder die Gemeinde anging, hat durch die Weihe der Zeit, die darüber hingerauscht ist, eine allgemeine, eine höhere Bedeutung angenommen; Privaturkunden können unter diesem Gesichtspunkt zu öffentlichen, scheinbar gleichgültige Scripturen zu Documenten der Entwickelungs- und Sittengeschichte für die Allgemeinheit werden. In der Wissenschaft geht der Rahmen dem Bilde voran, er zieht es gleichsam nach sich und giebt die Gewähr dafür, dass da, wo ein leerer Ausschnitt uns entgegenstarrt, belebende Züge zu einem immer sprechenderen, immer ausgefiihrteren Bilde sich vereinigen und zusammenfinden werden. In dieser Erwartung mögen hier als Proben und Ansätze einige Beispiele von den verschiedensten Seiten her gesammelten culturgeschichtlichen Stoffes folgen, die mehr als Typen denn als selbständige Stücke angesehen und benutzt sein wollen. I. Die Ehepakten Samuel und Sorel Wertheimers aus Wien vom 25. Januar 1730. Die Mittwoch den 25. Januar 1730 in Wien ausgestellten Ehepakten des Samuel Wertheim und der Sorel Oppenheim erinnern an die Verbindung der zwei angesehensten Familien der seit der Vertreibung von 1670 allgemach und fast unmerklich wieder zur