Jüdisch-liberale Zeitung
- Journal
- Jüdisch-liberale Zeitung
- Volume
- 14 (1934)
- Issue
- 30 (13.4.1934)
- Date
- 1934-04-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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14. Jahrgang Nummer 30 3ftöif(ii'lUietale 3eifung Egon Jacobsohn: Ein interview Kurt Katsch schweigt Er will erst sprechen, wenn er redet „Ja, ich hah' geglaubt, ein großer Gast in Katsch, „nein, ich sage Ihnen keine Silbe. Kommen Sie . am Sonnabend abend in die Klcislstrallc in mej-- nen .Vorlrag. Das ist mein .Abschiedsabend in Berlin. Da lese ieh ans meinem mm endlich fertig gewordenen Buch.“ „Aber Sie können mir doch für ein Interview schon etwas andeuten . . .“ Katscbs Augen werden sin lock-hart. „Ich will bei meinem letzten Auftreten in Berlin ein ausverkauftes Haus, lieber Freund! Nachher kennen Ihre Leser, was ~ ich Ihnen und ihnen efzäh-' Der Schauspieler Kurt Katsch u.n vvill und icll ste|,> im Logenhaus solo. Nein!“ Also nichts zu machen. Wir sprechen über neutrale Dinge. Erst ist Katsch miUlrauisch auf der Lauer. Allmählich drängt sich sein Temperament nach oben, verrät er: „In den beiden letzten Seiten des Buches berichte ich nämlich, was phol. Irma Cuhn 1 Katsch schon i, lallt nicht e Bogen gucken. Katsch Aber gleich nach der l'ui wieder leid. Nein, er liilit sich mehr in seine Karten, vielmehr ii Dann: Man könne das alles auch nicht sttinmungsgemall so kurz erfassen. Das armselige Elternhaus mit der sorgenden Mutter, die-neben ihren Kindern im Zimmer ihre Lieblingsmiiuse füttert. „Icll entsinne mich,“ setzt Katsch fort uiid wird ganz traurig, „einmal haben wir nichts, aber rein, gar nichts zu essen. Da schafft. Vater ein paar Erbsen herbei. Sie wurden rasch gek.oeht und abgezählt. Jeder bekam glücklich seine vierzehn Stück . . .“ Katsch schwärmt von Berlin, erzählt von der Sehnsucht, . .die ihn jedesmal erfaßt, wenn er diese Stadt verlassen soll. „Berlin ist für mich der Inbegriff der Stadt, wo ich mich jederzeit besonders wohl gefühlt hahe . . . Was war es für mich eine Freude, wenn ich abends durch . diese Straßen wandeln konnte,. wobei ich meine Rollen memorierte. Ich bin eigentlich schon in aller Welt gewesen. Gewiß: Bukarest hat seine Reize,"London und Paris sind herrlich, Wien und Budapost liebe ich über alle Maßen, aber es versinkt vor meinen Augen, wenn ich nur an den Potsdamer, an den Auhaltcr Bahnhof denke. Ja, ja, ich sag’s Ihnen, der Abschied wird mir verteufelt schwer . . Nun sind wir bei seiner Berliner Zeit. Man sieht es ihm an, wie furchtbar gern er erzählen möchte, aber er wagt sich nicht, denkt an seinen Abschiedsabend, denkt an sein Buch, wohl auch schon an den Verleger, an den Film, an die Übersetzungen, nein, Katsch schweigt! Rosenstocks Erzählungen... Jacques Offenbach im Kulturbund Die letzte Berliner Aufführung eines Offenbachschen Werkes fand zu Silvester 1032 in jenem Hause statt, in dem Dr. Singer eine Zeitlang Intendant gewesen war. Inzwischen hat er es zum Präsidenten (des Kulturbundes deutscher Juden) gebracht und in seinem Regie-rungspalast in der Charlottenstraße „H oifiuanns Erzähl u n g e n“ inszeniert; nur wenige Minuten von E. T. A. Hoffmanns Stammlokal entfernt. Es wurde ein großer Erfolg. Ziererei, der eine Stimme mit glockenreinen Koloraturen eingesetzt ist. Vera Molen a als venezianische Verführerin zu bürgerlich, die Antonia von Hanna B r a n d, dereit Leben an der Flamme der Musik verbrennt, bei allen stimmlichen Vorzügen, zu wenig ätherisch, so daß das Anmutige, Ergreifende dieser Gestalt zum größten Teil .verloren geht. Sehr gelöst im Spiel Susanne Stein in der Rolle des treuen Begleiters Niklaus. ’ „Hm. So. Ach'. Stimmt es, Sie gehen für immer von der-Bühne??'“ „Her? Wie?“ Er gehl blitzschnell zu seinen Othello- Augen über." : " Die Keporlerfalle wird abermals gestellt. „Ich? Von der Bühne?? Wie?? Für immer?? Wer sagt das?? Wer?? Ich fahre jetzt erst mal in meine Heimat. ’’ Besuche meinen Bruder. Er ist drüben in Polen einer der berühmtesten Schriftsteller und Lehrer.des Hebräischen. Heißt: : Tobias Katsch. Ja, zu Tobias fahre ich. Wir wollen Wiedersehen leiern in Stanisiau. Tobias wird mein Buch in andere Sprachen übersetzen. Es soll sogar verfilmt werden!“ Der Vertrag für Hollywood „In Polen?", forsche ich vorsichtig. „Aher wo! In Hollywood! Ich fahre Mitte Juli selbst dorthin. Hier ist mein Vertrag. Lesen Sie. Ich spiele zunächst sechs Wocheu unter der Regie voll Herrmann im 2. Avenue- Theatermit deutsch-jüdischen Schauspielern den Shylock. Habe ihn erst jetzt in .Frankfurt vor 411 ausverkauften Häusern gespielt. Warum sage ich „gespielt"?!! Ich habe iluu gefühlt, gelebt, ich habe mit ihm gebangt, geweint, ich war am Schluß, wenn der Eiserne herünterging, kraftlos. Ich habe . . . kennen Sic diese Szene von mir? . . . icll spiele sie nicht am Rialto . . . ach, wo! Ich sitze vor meinem Hause . . . das Bill! hier . .'.so sitze ich Schiwoh ..." . i Katsch springt auf, geht in die Mitte des Zimmers,! senkt sich zum Boden, mimt den Shylock, kann, als er die Szene ■beendet, wie aus einem Trancezustand erwachend, nur schwer zu unserem. Gespräch zurückfinden. „Alles hängt drüben vom Erfolg ah. Man hat von mir als einem jungen Schildkraut gesprochen. Kennen Sie ihn?“ „Ja," erwidere ich, „ich bin im Hause Rudolf Scliildktauts an der Kantstraße in Charlottenburg als Gespiele seines Sohnes Josef aufgewachsen." Und nun.muß ich Katsch all die zahlloseil lieben Kleinigkeiten aus dem bewegten Dasein des genialen Rudolf berichten. „Ich will, drüben den Nathan spielen, ich habe eine jüdische Komödie, eine jüdische Uperette, aber das steht ” auch alles in meinem Buch. Darüber mücht’ ich, wie gesagt, nicht gern sprechen . . .“ Natürlich, ich verstelle. Eine kleine Kostprobe „Aber eine ganz kleine Kostprobe möchte icll Ihnen doch mitgeben. Das wardamals, als ich nach Jahren aus Deutschland wieder in die Heimat zuriiekkehrte. Wir gastieren in Lodz. Der’Vater häl mich zuvor noch nie auf der Bühne gesehen. Ich lade ihn ein. Ich spiele als „großer Gast“ in deT erstell Vorstellung den Shylock. Vater soll mich am zweiten Abend sehen. In „Kabale und Liebe“. In meiner LieblingsroIIe als Wurm. Ich spiele mit meiner ganzen Leidenschaft, weiß ich.doch, Vater sieht mich zum erstenmal. Also gleich nach Schluß der Vorstellung lasse ich Vater durch ineinen Garderobier aus der Loge hinter die Buhne holen. Mail führt den alten Manu an meinen Schminktisch. Ich schminke mich' grad’ -ab. . Vater bleibt stumm vor mir stehen, schaut wieder weg und dreht sich um. „Vater,“ rufe ich enttäuscht, „was ist denn?“ „Was??? Das bist Duu? „Natürlich.“ „Ich hab’ geglaubt, Du bist der Leutnant!“ Ob er mich mit dem Ferdinand verwechselt hat, denke Bevor sich zwischen Biilme und Publikum die latcrnamagische Ansicht von Luthers Keller schob, konnte man die Feststellung machen, daß es sich um einen grollen Abend handelte, auch wenn (glücklicherweise) keine prunkhafte Autoanfahrt vor dem Theater das Ereignis ankündigte. Uiiter der anonymen Masse der Kulturbundmitglieder eine ganze Reihe bekannter Persönlichkeiten des jüdischen Lebens. Hinter der Samtbrüstung des ersten Rangs repräsentiert Kammergerichtsrat Wolff die jüdische Gemeinde, ln seiner unmittelbaren Nähe der markante Kopf von Professor Elbogen. In einer Loge der C.V.-Vorsitzende Justizrat Brodnitz, während sein Sohn Friedrich vom Rang herab unter der Jugend Musterung hüjt. Man sieht den Helfer der Künstler Dr. Schildberger, ■den Direktor Dr. Borchardt vom Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau, zahlreiche Kollegen der Sänger von der Sprechfakultät. Der Leipziger Rabbiner Dr. Cohn mit den weißen Kiinstlerlackeii blättert interessiert in dem Programmheft und scheint sich an den Photos der Künstler "zu erfreuen, die die Herstellungsmarke seinerTochter Irma tragen. Irgendwo taucht der Hausdramaturg Julius Bah auf und zählt die Häupter Und dann läßt Rosenstock, Jjseph, Generalmusikdirektor a. D. atls der Musikstadt Mannheim, von den ersten heiter-festlichen Klängen des Vorspiels an bis zur musikalischen Steigerung des Antonia-Aktes, in dem die Wirkung der Musik triumphiert, die verschwenderisch-reichen Schätze des jüdischen Kantorensolines aus Köln, in ihrer derben Lustigkeit, in ihrer zart verhauchenden Liebesmelodik, im spukhaft Gespenstischen und dämmernd Träumerischen voll erblühen und kann so den größten Erfolg des Abends für sich buchen. Gesanglich seinen Intentionen am meisten entsprechend, der Hoffinann Paul Febers. In Erscheinung und Darstellung zwar nicht der besessene Fantasicmensch und Dichter, der zu einem gespenstischen Helden wird, aber mit einem wohltuenden, angenehmen hellen Tenor. Unter seinen vier Geliebten steift die Olympia Lilli Heinemanns nicht nur chronologisch an erster Stelle. Eine zierliche Puppe, ohne Als Max Reinhardt vor etwa zweieinhalb Jahren im Großen Schauspielhaus die textliche, musikalische und szenische Architektur dieses Schwanengesanges des „Heine der Musik“, der nach Niederschrift der letzten Note des Klavierauszugs sein Leben aushauchte, von Grund auf erneuerte, war ihm Offenbach nur ein Anlaß, die Erzählungen des vom Wein berauschten, in seinen Fantasien schwelgenden Hoff mann in einen kunstvollen Traum zu verwandeln. Hier sollen keine schiefen Vergleiche gezogen werden. Aber: der Regisseur Singer ist nüchterner als der Hexenmeister Reinhardt. Und nicht nur das. Er überträgt diese Nüchternheit auch auf die Studenten. In Luthers Keller fehlt der Alkohol, der die Gemüter in die nötige Stimmung versetzt. Es gibt Hoffmanns-Tröpfen statt Hoffmanns Erzählungen. Und wenn die Kellerbesücher ihren trinkseligen Schlußgesang anstimmen, darin gerät nur das. Publikum in Rausch (siehe Rosensfock). An der Stätte des Trinkgelages, von der aus die ganze Oper erst einen Sinn erhält, sieht es aus, wie an einem alkoholfreien Stammtisch. Ein hübscher Einfall Siiigers, die Gäste des Puppenmagiers Spalanzani (Walter Spiro) als automatische Figuren auftreten und sie im Takt zu Olympias mechanischen Bewegungen agieren zu lassen. Hübsch auch der Schlußeffekt, wenn der Diener (Julius Kuth an), der-sich in seinem ganzen Benehmen den Gepflogenheiten der Gäste des Autoniaten-Rcsfaurants angepaßt hat, die geköpfte Puppe als Opfer des Wundermannes Coppelius (ausgezeichnet Walter Olitzki in der vierfachen Spukgestalt; der er die Dämonie seiner Erscheinung und seiner Stimme leiht) herbeibringt. Dagegen scheint dieses Bild'mit seiner projizierten Zauberkulisse dem sonst so geschickten Heinz C o n d e 11, der dem Antonia-Zimmer die richtige Atmosphäre gegeben hat, nicht restlos geglückt zu sein. Noch eines: Warum geht es in Giuliettas venezianischem Palast bei himbeerrpter Beleuchtung so zu wie auf einer Maskerade? Die schwärmerische Schwüle des nächtlichen Venedig brauchte nicht gleich in einen'.Singe-' Reiinannball, aus schlechten alten Tagen, auszuarten'. Alles in allem: trotz mancher Einwendungen ein starker Erfolg. Endloser Beifall rief immer wieder Joseph Rosenstock auf die Bühne. Auch Dr. Singer erschien, und neben ihm die große Schar der mitwirkenden Künstler. . . . und Meinhart Maurs Erzählungen Offenbaeh — und Heine. Zwei Brüder im Geiste. Beide haben sie in der Stadt des Lichts schwer ringen müssen, um ihr Dasein, um Ruhm und sich . diese beiden deutschen Juilen auf fremder Erde kaum nahe gekommen'. Aber im Tode und in der Unsterblichkeit halten sie gute Nachbarschaft auf dein Montmartre in Paris. Dort ruhen sie ans von der gelieimen .Sehnsucht zu ihrem deutschen Vatcrlaude. Heinrich Heine stand im Mittelpunkt des Vortragsabends von Meinhart Maur, zu dem . der Liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde ins Logenhaus eingeladen hatte. Entsprechend der Devise „Pessachreligiösen Weihe und seiner, grausigen Atmosphäre unheimlich Ausklang“, hatte Maur die Schilderung des Sederabends aus lebendig werden ließ. Als heiteres Gegenstück dazu „Pessachdem „Rabbi von Bacherach“ ausgewählt, den er in seiner Spaziergang“ von I, L. Perez. In dieser Novelle wird .ein Meinhart Maur im Jüdisch-liberalen Verein phot. Arno Kikoler