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KC-Blätter · 1927-08-05 · Heft 3 (5.8.1927) · p. Seite 111

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Journal
KC-Blätter
Volume
1927
Issue
Heft 3 (5.8.1927)
Date
1927-08-05
Page
Seite 111 (sequence 111)
Language
German
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(135) 111 Die landwirtschaftliche Vergangenheit und Zukunft des deutschen Judentums. Von Dr. Leo Löwen st ein (Licariae). Vorsitzender des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten. Seit den Kreuzzügen währt die Zurücksetzung des deutschen Judentums auf allen Gebieten, tobt der Kampf gegen uns von den mittelalterlichen Scheiterhaufen am Rheine bis zu den in diesen Wochen stattgefundenen nationalsozialistischen Gewalttätigkeiten in Berlin und anderen deutschen Städten. Vor den Kreuzzügen haben die deutschen Juden an der Wiege deutscher Kultur im Gebiete des Rheines und der Donau kräftig für die Entwicklung derselben mitgesorgt. Das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden war bis zu jener verhängnisvollen Zeit in den deutschen Landen das denkbar beste. Es war jene Zeit, in der sie von Kaisern und Fürsten geschätzt wurden, in der z. B. der Bischof von Speyer sie zur Ansiedlung in diese Stadt zog, um „den Ruhm von Speyer tausendfältig zu vermehren". Besonders charakteristisch für den Zustand vor und nach den Kreuzzügen war der Umstand, daß die Juden vorher unbehindert Grund und Boden besaßen und bebauten, während der mit den Kreuzzügen erwachte Fanatismus und Haß ihnen dieses Recht nahm und sie aus Jahrhunderte in das städtische Ghetto sperrte. Erst im Verlaus des 19. Jahrhunderts gelang es den deutschen Juden wieder in einigen Gebieten unseres Vaterlandes zu Landbesitz und Landbau zu kommen. Aber diese Entwicklung ist bisher sehr langsam und unvollkommen gewesen. Während das deutsche Volk in seiner Gesamtheit etwa zur Hälfte landwirtschaftliche Berufe betreibt, ist der jüdische Teil desselben erst zu einem Prozent in landwirtschaftlichen Berufen. Die Ursache dieser Entwicklung liegt eben lediglich in jenem jahrhundertelangen Zwange, nicht aber in irgend einer Unfähigkeit zu landwirtschaftlichem Berufe. Nach meinen sehr eingehenden Erfahrungen sind sogar die wenigen Juden, die in der Landwirtschaft als Großgrundbesitzer oder Bauern oder Gärtner hauptberuflich tätig sind, fast ohne Ausnahme erstklassige Landwirte, die in keiner Weise hinter ihren nichtjüdischen Berufsgenossen zurückstehen. Die gegenteiligen antisemitischen Behauptungen, daß die Juden zur produktiven Landarbeit nicht geeignet seien, haben sich in jeder Beziehung als unwahr erwiesen. Es sind nun in einer Reihe von Jahrzehnten in Deutschland von jüdischer Seite Anstrengungen gemacht worden, um die deutschen Juden mehr als bisher zur Landwirtschaft zu bringen. Aus mehreren Gründen ist der Erfolg dieser Bemühungen leider gering geblieben. Es ist nun die Frage, ob man auf diesem Gebiete, nachdem man die bisherigen Fehler erkannt hat, weiter und nachdrücklicher arbeiten solle oder nicht. Es ist mir bekannt, daß in manchen Kreisen unesrer Glaubensgenossen derartige Bemühungen nicht begrüßt werden. Ganz besonders findet sich dieser Widerstand in den Reihen der jüdischen großstädtischen Intelligenz. Das ist zwar begreiflich, aber, wie mir scheint, eine für die Zukunst des deutschen Judentums recht gefährliche Gedanken- und Gefühlsrichtung. Ich will hier gewiß nicht etwa einer Umschichtung des Judentums zur Landwirtschaft usw. das Wort reden. Es ist selbstverständlich ein Unding, zu verlangen, daß Juristen oder Mediziner nun auf einmal zur Landwirtschaft umsatteln sollen. Was aber unbedingt notwendig ist für den physischen, sittlichen und nicht zuletzt den staatsbürgerlichen Bestand des deutschen Judentums ist eine stärkere Verankerung desselben im deutschen Boden. Die physischen und sittlichen Vorteile, die eine solche stärkere Beteiligung des deutschen Judentums an der Landwirtschaft diesem bringen würde, braucht wohl nicht weiter erörtert zu werden. Walther Rathenau sagt einmal in der „Kritik der Zeit": „Man züchte nicht Serien von Großstadtgeschlechtern, sondern befördere den generationsweisen Austausch von Stadt und Land." Alle Rekrutierungsstatistiken haben seit jeher gezeigt, daß körperlich die Landbevölkerung der städtischen weit überlegen ist. Auch für das deutsche Judentum bringt auf die Dauer die Stadt Degeneration, vor der uns nur Regeneration durch ländlichen Einschlag retten kann. Es liegt aber hier auch noch ein sehr wichtiges, unsere staatsbürgerliche Stellung im deutschen Vaterlande betreffende Moment vor. Wir werden diese auf die Dauer nicht einmal im heutigen Umfange austecht erhalten können, wenn wir das deutsche Judentum nicht mehr als bisher im deutschen Boden verankern. Es ist nun einmal eine vielfache Erfahrung der Geschichte, daß nicht nur Völker, sondern auch die einzelnen Schichten und Teile derselben sich nur dann gleichberechtigt und

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