KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1915-1916
- Issue
- Heft 7 (September 1915)
- Date
- 1915-09-01
- Page
- Seite 492 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268895-2268896--1548-3523163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
492 Deutschtum und Judentum sind durch die Geschichte miteinander einen Bund eingegangen, der im jetzigen Weltkrieg seine blutige Weihe empfängt. Paul de Lagarde sagte einmal „das Deutschtum liegt mehr im Gemüt als im Geblüt", und auch wir empfinden mit jeder Faser unsres Herzens die Richtigkeit und Wahrheit dieser Anschauung. Die Geschichte hat uns Juden zu ewigen Gläubigern des Deutschtums gemacht. Mögen andere Nationen, mögen die Engländer noch so sehr aus ihre Toleranz und Bürgersreiheit pochen, wir deutschen Juden wissen, daß ohne den Schutz, den uns die deutschen Stämme durch Jahrhunderte hin angedeihen ließen, wenn auch unter noch so schwerer Bedrückung, wenn auch nur allmählich und nach ständigen Käinpsen in einer uns mehr und mehr Rechte einräumenden Form, lvir werden uns allezeit dessen bewußt sein, daß wir unser Leben und Dasein Deutschland verdanken, indessen England noch bis vor 200 Jahren jedem Juden den Zutritt zu seinen Küsten gesetzlich verwehrt hat. Das Schicksal trennte die Juden in zwei große Gruppen, die spanisch-orientalische und die deutscheuropäische,' die erstere nahm an der Geschichte Spaniens durch 5 Jahrhunderte tätigen Anteil, bis ein grausames Gesetz, bis Verblendung und Neid die treuesten Söhne der pyrenäischen Halbinsel um ihres Glaubens willen erbarmungslos vertrieb. Seit diesem Gesetz beginnt der weltpolitische Niedergang eines Reiches, in dem die Sonne nicht unterging. Die spanischen Juden aber bewahrten die spanische Sprache als kostbares Kleinnod treu im Exil, und nun erleben wir es nach Jahrhunderten, daß der König von Spanien an die Spitze einer Bewegung tritt, um diese teueren Vertriebenen aus dem Exil in der spanischen Heimat wieder anzusiedeln. Die deutsch-europäische Gruppe der Juden hat in ihrer Minderzahl Deutschland nie verlassen. Durch die Schrecken des Mittelalters und die Aufklärung der Neuzeit stehen sie über ein Jahrtausend auf deutschem Boden, teilnehmend an allen Schicksalen und Fügungen, die über die deutsche Erde gekommen sind. Der größere Teil unserer Glaubensbrüder wurde zwar nach Osten abgedrängt, wo das polnische Reich ihnen eine neue Heimat bot; aber bis zum heutigen Tag hat die neue Umgebung nicht die anhängliche Liebe an deutsches Wesen erschüttern können. Als unveräußerliches Gut haben sie von Generation auf Generation die deutsche Sprache, wenn auch in einem ans mittelhochdeutsche anklingenden Dialekte vererbt, und Deutschempsinden heißt vor allem Deutschsprechen. Denn die Muttersprache ist das vornehmste Bindemittel jeder Gemeinschaftdie Töne, in denen das Kind seine Begriffe stammelt, in denen der heranreifende Mensch Wissenschaft und Kultur empfängt, sind entscheidend für die Form des völkischen Empfindens. Durch tausend Jahre gemeinschaftlich durchlebter Geschichte sind deutsche Juden und Christen auf Tod und Leben mit einander verbunden und kein Vorurteil und keine Macht der Welt wird uns mehr trennen. Wer möchte leugnen, daß beide Teile durch diese enge Gemeinschaft voneinander gelernt haben und durcheinander beeinflußt worden sind! Aber ich halte es keineswegs für einen Zufall, daß die Juden gerade Deutschland zu ihrer zweiten Heimat erkoren) eine innere Wesensgemeinschast hat den Boden für dieses Zusammenleben vorbereitet. Die vornehmsten Tugenden der Deutschen und Juden, die Anhänglichkeit an das Ueberkommene, die Treue gegenüber der Familie, der Heimat, dem Reich und dem Fürsten, und dabei doch eine gewisse Wanderlust und Wandertrieb, die Gemütstiefe der Gedanken, die Abneigung gegen Aberglaube, die Verinnerlichung der Religion und das Bewußtsein, eine Weltmission durch Durchsetzung des eignen Wesens zu erfüllen, läßt uns Deutsche und Juden als Teile derselben Weltenkraft erkennen. Aber wie gleichgerichtete Kräfte sich auch sonst abstoßen, so erleben wir es immer wieder, daß falsche Propheten erstehen, die die Nützlichkeit und Echtheit dieser inneren Gemeinschaft in Zweifel zu ziehen versuchen. Indessen kann nicht übersehen werden, daß gerade die Juden von jeher zu den verständnisvollsten und wärmsten Anhängern deutscher Geistesgröße gehört haben. Moses Mendelssohn war Lessings intimer Freund. Der lebende Goethe fand keinen aufrichtigeren Bewunderer als den jungen Heine. Wagner wurde zuerst von Meyerbeer in seiner ganzen Größe erkannt und der Münchener Kapellmeister Levi war unbestritten der vornehmste Interpret des Dichterkomponisten. Hermann Cohen ist der anerkannte Führer der neukantischen Schule, und Bismarck fand gar in dem Deutschjuden Stahl den Gründer der deutschkonservativen Partei. Aber auch Karl Marx stammte von Juden und Lasalle war ein Jude, höre ich einwenden. Gewiß! Und solche, deren sich das deutsche Judentum nicht zu schämen braucht. Allerdings, den zügellosen Kollektivismus verwirft das Judentum in der ethischen Pflicht der Selbstverantwortung, während zugleich dem egoistischen Individualismus Schranken durch die Rücksicht auf die Gesamtheit gezogen sind. Jedoch über allen Umwälzungen, die das Eingreifen der Sozialdemokratie in die innerdeutsche Entwicklung mit sich brachte, leuchtet als unvergängliches Vermächtnis ihrer Gründer der Kamps gegen die Allmacht des Kapitals und die Sorge mit den Aufstieg des vierten Standes! Und auch in diesen — zum Bestand des deutschen Volksempfindens gewordenen Bewegungen — begegnen sich Deutsch-