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Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main · 1890-01-01 · 1890 · page 37

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Journal
Bericht über das Schuljahr ... der Stiftischen Realschule mit Lyzeum der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt am Main
Volume
1890
Date
1890-01-01
Page
– (sequence 37)
Language
German
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IRI
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spiels."1) Kurz und bündig drückt sich Vischel*) über die-Bedeutung des französischen Dramas aus: „Es nannte sich in der Blütezeit selbst das klassische. Seinem iimern Geiste nach, denv Geiste der Hofetikette, der kalten rhetorischen Antithesen war es dem klassischen so fremd wie möglich, und doch durch seine negativen Eigenschaften dem formlosen Geiste des Nordens eine Schule der Zucht, ein Muster, worin das wahre Muster zwar frostig entstellt war, aber ein notwendiges Mittleres, dessen unfreie Nachahmung der freien Aneignung des echten Klassischen, das man noch nicht verstand, vorangehen sollte." Stücke wie der Cid, Horace, Cinna, Britanniens und andere weisen unvergängliche Schönheiten auf; ihre mächtigen Charaktere, ihre erhabenen Verse verbieten es uns sie gering zu achten, oder sie gar mit Stillschweigen zu übergehen. — Es ist wahr, ihre Verfasser haben in vielfacher Hinsicht gefehlt; die französische Tragödie ist steif, gezwungen, oft ohne Handlung und Bewegung, und man nimmt gewöhnlich an, dass diese Eigenschaften mit dem französischen Nationalcharakter zusammenhängen; dies ist teilweise richtig. Jedoch war sie nicht immer so beschaffen, nicht zur Zeit ihrer Entstehung, wo sie im Gegenteil grosse Lebhaftigkeit und Mannigfaltigkeit aufweist. Infolge welcher Umstände nahm sie jene Eorm an, welche sie heute der grossen Zahl der deutschen Leser so unverdaulich macht, dass sie nicht einmal im stände sind ihre wirklichen Schönheiten zu schätzen? Das französische Theater — ich meine die Tragödie, und zwar die klassische — ist mit allen seinen Vorzügen und Mängeln ein durchaus nationales. Über die Umstände und Personen, welche dies bewirkt haben, gehen die Ansichten auseinander. Die einen behaupten, dass Richelieu, jener allmächtige Minister, nachdem er sein Vaterland zu dem mächtigsten der europäischen Staaten erhoben hatte, es auch mit einer Nationalbühne zieren wollte, — und thatsächlich fällt die Blüte des französischen Staates mit der seines Dramas zusammen. Die anderen schreiben jene Erscheinung weder einer einzelnen Person, noch einem einzelnen Ereignis zu, sondern glauben, dass die französische Tragödie sich nicht anders hat entwickeln können, als sie es wirklich gethan hat, und dass sie schliesslich eine Gestalt angenommen hat, welche den vorhergehenden Phasen entspricht. — Während jene Ricbelieu's Einfluss aufs Theater überschätzen, sind diese geneigt ihn zu sehr herabzusetzen. Einen richtigen Massstab können wir nur gewinnen, wenn wir kurz auf das französische Theater vor seiner klassischen Periode zurückgehen und es bis zum* Zeitpunkt verfolgen, wo Richelieu anfängt, der dramatischen Poesie seine Aufmerksamkeit zu widmen. Da es hauptsächlich aufs 16. Jahrhundert ankommt, übergehe ich hier das französische Theater im Mittelalter. — Es war ein Glück für Frankreich, dass es zur Zeit der Renaissance von einem Fürsten beherrscht wurde, welcher den lebhaftesten Anteil an der *) Treffend charakterisiert Schiller den Alexandriner: „Die Eigenschaft des Alexandriners sich in zwei gleiche Hälften zu trennen, und die Natur des Reims, ans zwei Alexandrinern ein Couplet zu machen, bestimmen nicht bloss die ganze Sprache, sie bestimmen auch den ganzen innern Geist dieser Stücke, die Charaktere, die Gesinnungen, das Betragen der Personen. Alles stellt sich dadurch unter die Kegel des Gegensatzes, und wie die Geige des Musikanten die Bewegungen der Tänzer leitet, so auch die zweischenklichte Natur des Alexandriners die Bewegungen des Gemüts und die Gedanken. Der Verstand wird ununterbrochen aufgefordert, und jedes Gefühl, jeder Gedanke in diese Form, wie in das Bette des Procrustes gezwängt/ (Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller, Stuttgart 1881; II, 206. Brief 654). *) Ästhetik IV, 1418.

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