Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-05-10 · Heft 19 (10.5.1846) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 19 (10.5.1846)
Date
1846-05-10
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2567017-2567037--2030-3522029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

149 hier nicht, nnd Alles, was man hier nicht kennt, das findet man lächerlich. Der gemeine Jude Ln Paris meint, die Mitglieder der Rabbinerversammlung seien Atheisten. Wenn Sie aber glauben, das sei die Minderzahl, so find Sie im Irrthum. Es gibt nur sehr wenige gebildete Juden hier, und das find meistens Deutsche. Der wesentlichste Unterschied zwischen deutschen und franzöfischen Juden in religiöser Beziehung, ist derselbe, welcher die Deutschen und Franzosen überhaupt auszeichnet. Was jenem Nebensache ist, das ist eben diesem die Hauptsache. Der Franzose kennt in der Religion blos das Ceremonielle, alles Uebrige mag heißen, wie es will, nur Religion heißt es ihm nicht. Wie in Allem, so auch hier, kennt der Franzose nur das Aeußere; ein Inneres hat er gar nicht. In allem Höher», Tiefern, hat der Franzose keinen Fortschritt gemacht und das ganze voltairische Jahrhundert sammt seiner Revolution, das bei uns einen ewigen Nachhall im geistigen Leben gelassen, ist für ihn so gut wie nicht vorhanden gewesen. In der Religion steht er, wie in der Philosophie, noch in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Ueber Bossuet und Des« cartes kann er nicht hinaus. Bei den Juden ist es verhältnißmäßig ebenso. Da sie keinen Bossuet und keinen Descartes aufzuweisen haben, so halten sie sich an Raschi und Tosephoth, und wenn die französischen Rabbiner diesen auch in Gelehrsamkeit bedeutend nachstehen, so wetteifern sie doch glücklich mit ihnen in denjenigen Vorzügen, die Maimonides in seiner Epistel an seinen Sohn Abraham als den französ. Rabbinen charakteristisch hervorhebt. Ja, ich bin moralisch überzeugt, daß sie in der Kochkunst die Zeitgenossen des berühmten Spaniers weit überflügelt haben. Von dem Mosche Dessau haben die hiesigen Juden wohl schon einmal sprechen hören, aber der Moses Mendelssohn ist ihnen ftemd. Frumm find die hiesigen Juden zum Ekel, aber Fromm ist identisch mit Atheist. Die aufgeklärten Männer des Confistoriums haben seither viel im Sinne des Fortschrittes gehandelt. Einen neuen Chasan haben sie ausgenommen und eines jüdischen Fleischers Waare für trepha erklären lassen. Eigentliche Gelehrte gibt es unter den französ. Juden hier nur 2: Terquem (Tsarphati), Bibliothekar am Depot d'Artillerie, und Adolph Frank, Prof, der Philosophie am College Charlemagne, der durch die Herausgabe seiner Kabbala, Mitglied des Instituts für die Section der Philosoph, und moralischen Wissenschaften geworden ist, und jetzt im Verein mit mehrern Professoren ein Philosoph. Lericon herausgibt. Ein dritter, eigentlich deutscher Gelehrter, ist Munk, Attache bei der königl. Bibliothek, Section der Manuscripte, besonders für das orientalische Fach, Hebräisch, Arabisch, Sanskrit. Sein „Palestine" im UniverS Pittoresque von Firmin Divot ist eine ausgezeichnete Arbeit, sowohl wegen seiner Erudition als kritischen Genauigkeit. Es ersetzt ganz Iosss Geschichte der Israeliten bis zur Zerstörung des Tempels für die Franzosen, da es im klassischsten französischen Styl geschrieben ist. Beinahe hätte ich Salvador vergessen, den Verf. der Institutionen Mosis, die von Esse na (Rathen) in Hamburg in's Deutsche über« setzt ist. und der Geschichte Jesu. Salvador ist eigentlich Mediziner und weder hebräisch noch deutsch. Er arbeitet an einer Geschichte der Juden unter den Römern. Dabei kömmt er mit seinen Glaubensgenossen in fast gar keine Berührung. Sie sehen, die hiesigen jüdischen Gelehrten, kann, wie der Prophet sagt, ein Knabe aufzeichnen. Ist ihre Zahl gering, so ist ihr Einfluß noch geringer. An und für sich freisinnig, find sie doch nur für wenig Neuerungen im Iudenthum. Nur Tsarphati ist radical, die andern mißbilligen alle die Rabbinerversammlung, die Nichtbeschneidung u. s. w. Ueberhaupt ist es für einen Deutschen sehr schwierig, unter den französ. Israeliten irgend ein Prinzip, das für religiöses Thun und Lassen als Norm diene, zu entdecken. Einen Cremieur, dem, weil er seine Kinder katholisch hatte taufen lassen, die Marseiller Juden ihre Wahl zum Mitglieds des Central- Confistoriums entzogen, wählten die Pariser von Neuem in diesen Rath. Hr. Cremieur, der sich sehr verletzt glaubte, hat nicht acceptirt. Als schönen Contrast zur Wiedererwählung des Abgeordneten für Chinois in's Central - Confistorium nehme man den erzwungenen Austritt des frühern Präsidenten Worms de Romilly, wegen ähnlicher Ursachen. — Die eigentlichen Aufgeklärten wissen gar nichts vom Iudenthum. Von allen andern, die ein reineres Iudenthum wünschen, sein Sie versichert, daß sie sehr wenig wsssen, was sie eigentlich wollen. Höchstens laufen ihre liberalsten Wünsche etwa auf eine Orgel, oder einen Chor hinaus, über- Haupt auf lauter kleinliche Einzelnheiten, auf nichts Systematisches, auf nichts Prinzipielles, Ganzes; blos auf einige Formausglättungen, den Fond halten sie für sehr gut, denn sie kennen ihn nicht. Das frühere «nd jetzige Berlin. (p (Berlin, im April.)-War schon das ganze Jahr hindurch die frühere religiöse Lethargie in Folge der confessionellen Bewegungen aus der Mitte unserer hiesigen Judenheit so gut wie geschwunden, so belebt sich das erwachte Interesse derselben in jüdisch-religiösen Dingen in diesem Monate (April) bis zu einem Grade, den derjenige, welcher die hiesigen Juden noch. vor einem Jahre gekannt, nur vermittelst und in der Phantasie ahnen konnte. Wenn ich Ihnen den salto mortale angeben will.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.