Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 29 (3.10.1918)
- Date
- 1918-10-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 29 sondern durch die allen im Gotteshanse Versammelten gemeinsame Innigkeit der Lobpreisung des Ewigen. Dasselbe, was von der Auffassung Doktor Tschiaßnys über den Gottesdienst gilt, muß auch von seiner Behandlung des Unterrichtes, der Stellung des Rabbiners, der Abfallsbewegung gesagt werden. Für den orthodoxen Juden beginnt der Religionsunterricht nicht in der Schule und er dosiert ihn nicht mit ein, zwei Stunden wöchentlich. Für das Kind eines orthodoxen Juden ist jede Stunde seines Lebens in Hans und Familie erlebter Religionsunterricht, Betätigung der Religion. Das Kind orthodoxer Eltern empfindet die Rcligionsstnnde in der Schule vielleicht auch als Last, aber nur weil ihm die Art, wie und von wem dort Religion gelehrt wird, wenn auch ans entgegengesetzten Gründen, ebenso fremd ist, wie seinen Mitschülern, die in der Religionsstnnde zum ersten Male von der Existenz einer jüdischen Religion und ihren Gesetzen irgend etwas hören. Was die Stellung des Rabbiners betrifft, so sind die orthodoxen Gemeinden gewiß nicht ans die Unterweisungen des Herrn Schulrates angewiesen. Der orthodoxe Jude empfindet es als eine Beleidigung der Thora, als eine Selbsterniedrigung, wenn der Rabbiner, der für ihn das Musterbild der Frömmigkeit, der Gelehrsamkeit, Rechtschaffenheit und sittlichen Reinheit ist, auf dem die ganze Verantwortlichkeit für die religiöse, moralische Führung lastet, von dem Gemeindevorstand wie ein Diener behandelt wird, der nicht nach eigenem Wissen und Gewissen, sondern nach dem Wunsche, oft auch nach dem Diktat des Brotgebers zu handeln und zu entscheiden, oder seine Meinung, seine Ueberzeugung zu unterdrücken hat. Den Auseinandersetzungen Dr. Tschiaßnys über all diese Fragen haftet ein und derselbe Fehler an: sie berühren bloß Aeußerlichkeiten, gehen nicht in die Tiefe, dringen nicht bis zur Quelle des Uebels vor. Sie fassen den Inden nur in Synagoge und Schule, suchen ihn aber nicht auch im Hause aus. Das ist auch begreiflich, denn Dr. Tschiaßny formuliert sein Problem etwa so: durch welche Lockmittel soll der Jude, den es innerlich schon längst aus der jüdischen Gemeinschaft hinauszicht, tvenigslens äußerlich in derselben zurückgehalten werden? Weil er dies so tut, ist sein Beginnen, dem wir edle Motive durchaus nicht absprechen wollen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Seine Vorschläge tperden die Sprungbereiten nicht vom Abfall zurückhalten, denn wie leicht könnte es passieren, daß — einmal die Orgel mit dem Präludium nicht rechtzeitig cinsetzt oder daß ein Chorjunge gickst. . .! W. P. Die Entente und Palästina. Für die heuchlerische Stellung der Entente zu Palästina ist folgende Erscheinung charakteristisch : „Le Figaro" bringt in Nr. 241 vom 29. August 1918 einen Artikel, der zum Aufsehen mahnt. Der Verfasser dieses Artikels, Julien de Narfon, widmet in der Einleitung dem Begründer des „politischen Zionismus", Theodor Herzl, unter Beziehung auf ein vor einigen Jahren von Baruch Hugani erschienenes Werk „Der politische Zionismus und sein Gründer Theodor Herzl" einige anerkennende Worte, behauptet aber, „daß dieser moderne Messias in Moses Mendelssohn einen Vorläufer gehabt habe". Dieser beanspruchte schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts (?) von der Gerechtigkeit der Staaten ein Territorium für seine Glaubensgenossen in ihrem ursprünglichen Heimatlande. Er betrachtete dies als Lösung der Jndenfrage, und das war seine Antwort auf den Antisemitismus. Doch hat er damit anscheinend den Anklagen des Antisemitismus Berechtigung gegeben, weil man daraus das Bekenntnis lesen kann, daß die jüdische Rasse unassimilierbar sei, und dadurch stimmt der Wunsch der Eliminierung des jüdischen Elementes mit der Forderung des radikalsten Antisemitismus überein. Darin sieht die ungeheure Majorität der Juden die Gefahr des Zionismus. Trotz der rituellen Formel, welche das tiefe Bekenntnis der religiösen jüdischen Seele ausdrückt: „im nächsten Jahre in Jerusalem" bereitet sie dem offiziellen Zionismus eine starre Opposition. Ein guter israelitischer Freund, der einer frommen Familie entstammt, erzählte mir, daß sein Vater, der an den Gebräuchen festhält, doch jedesmal nach der Zitierung dieses Spruches die Worte hinzufügte: „Das ist gleichgiltig, wir möchten recht überrascht sein, wenn uns Gott beim Wort nähme." . . . Das Sprichwort „ubi bene, ibi patria“ ist nicht schön, aber doch kann man es auf die anwenden, deren ursprüngliches Vaterland seit mehr als 2000 Jahren nicht mehr existiert, und bei ihnen getrost an Stelle des Patriotismus setzen. Einer i»er wenigen streng orthodoxen Katholiken, welche den Ansprüchen der Zionisten günstig gesinnt sind, bemerkt, daß von den im Jahre 1909 ungefähr organisierten 80.000 Zionisten, die meisten aus Galizien, Böhmen und Rumänien, wo sie oft unterdrückt sind, stammen, und fährt fort, daß diese Hoffnungen nicht nur mit dem eigenen Wunsche der Rasse, sondern auch mit dem göttlichen Willen übereinstimmcn .. . Baumann begründet seine zionistischen Sympathien mit dem berühmten Gesicht des Ezechiel. . . Es ist sicher, daß die Zerstreuung und die Rückkehr der Juden — materielle und geistige Rückkehr — in der Bibel an mehreren Stellen angezeigt sind, aber andererseits sagt Paulus in seinem Römerbrief, von „einer Auswahl Gottes, welche sie eines Tages bekehren muß." Immerhin, es ist allgemeiner Glaube, daß die Massenbekehrung, welche, wie es scheint, mindestens relativ mit dem Erfolge ihrer temporären Ansprüche zusammenfallen wird, eines der Zeichen der Vorläufer des Weltendes fein wird, und dieser Glaube stützt sich auf die Verheißung Christi: „Jerusalem wird zertreten werden, bis die Zeiten der Nationen erfüllt find." Ist das Ende der Welt nahe? Hoc non est de licke, das ist nicht zu glauben, könnten wir sagen. . . Ich sehe jedenfalls kein Zeichen, das die Rückkehr des jüdischen Volkes in den Schoß des einzigen Hirten als bevorstehend erscheinen läßt. Mehr noch, die individuellen Bekehrungen der Juden zum Katholizismus — ich verstehe darunter die ernstgemeinten Bekehrungen, wie die von Alphonse Ratisbonne am Ende des letzten Jahrhunderts — scheinen sich nicht zu vermehren. Dennoch, die Kriegsbedingungen im allgemeinen (hat sich die Entente nicht vorgenommen, die unterdrückten Nationen zu befreien?) und die im besonderen der Wiedererobernng Jerusalems von den Türken, eine militärische Operation,, in der die Engländer so brillant die Hauptrolle gespielt haben, gaben der zionistischen Bewegung einen außergewöhnlichen Impuls, bei dem Frankreich kraft seiner Rechte und auch seiner Pflichten im Orient nicht uninteressiert sein kann. Aus dem am 20. Mai 1917 in London stattgehabtep Kongreß der englischen Zionistenföderation konnte Dr. Weizmann offiziell Mitteilen, daß die englische Regierung bereit sei, die zionistischen Forderungen auf der zukünftigen Friedenskonferenz zu unterstützen, und am 2. November 1917 schrieb Lord Balfour an Lord Rothschild, den großen zionistischen Vorkämpfer in England, folgendes: (Hier folgt der bekannte Brief Balfours.) . . . „Unsere Freunde, die Engländer, koquettieren mit den Zionisten", sagte man mir eines Tages an sehr hoher Stelle. Nichts weiter? Ich weiß es nicht. Vielleicht haben die Interessierten in der freilich sehr berechtigten Freude, welche ihnen der prinzipielle Satz der englischen Regierung verursachte, dem nebensächlichen Satze nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. Ich bin nicht sicher, daß Jerusalem, die Hauptstadt des künftigen Judenstaates, nicht noch weiter entfernt sei als Tipperarh .., (Tbere is.a long wav to Tipperary,) Indessen schmeicheln sich die Zipnisten, die günstigsten Versicherungen aller Regierungen der Entente erhalten zu haben und obendrein des Papstes! „Wir werden gute Nachbarn sein," soll ihnen Benedikt XV. versichert haben. Warten , wir die Wirkung so vieler schöner Versprechungen ab; aber jedenfalls darf Frankreich bei dieser Anwartschaft weder seine Interessen, noch seine Rechte, noch seine Pflichten vergessen. „Ueber die Notwendigkeit, den Juden der ganzen Welt eine vollständige religiöse Freiheit zu gewähren und -die bürgerlichen oder politischen Unfähigkeiten, welche noch auf ihnen lasten könnten, abzuschaffen, kann kein Zweifel herrschen." So hat sich Monseigneur Duchesne in einer Antwort auf eine Anfrage des „Pro Israel", des Organs der zionistischen Ansprüche in Saloniki, ausgedrückt. Aber der hervorragende Leiter der französischen Schule in Rom lehnte es ab, sich darauf zu engagieren und gestand mit großer Höflichkeit „nicht die Schaffung eines autonomenjüdischenZentrums inPalästina zu wünschen". Im Laufe einer gelehrten Studie über „den jüdischen Nationalismus und Palästinaim „Correspondant" zeigte R. P. Lagrange, daß das aus dem Recht der Nationalitäten gezogene Argument nicht genügen würde, um diese Neuschaffung zu rechtfertigen, in Erwägung dessen, daß die Römer niemals die Juden aus Palästina verjagt haben. Sie haben ihnen nur untersagt, Jerusalem zu betreten. Dieses Verbot wurde sogar durch die christlichen Kaiser aufgehoben. Die Juden