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Jüdische Korrespondenz · 1918-10-03 · 29 (3.10.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
29 (3.10.1918)
Date
1918-10-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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jOdischc Bezugspreis: Ganzjährig K8, halbjährig K4, vierteljährig K '2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt tür jüdische Interessen Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration : Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 29. Wien, 3. Oktober 1918. IV. Jahrgang. In ernster Stunde. Der Weltkrieg ist wieder einmal in eine kritische Phase getreten. Ter Abfall Bulgariens vom Vierbunde — dessen Ursachen und Beweggründe an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden sollen — hat die Mittelmächte und die Türket vor neue, schwere Ausgaben gestellt. Angesichts des Wahnwitzes der Feinde, nach wie vor von einem ehrlichen Verständigungsfrieden nichts hären zu wollen, obliegt es diesen Staaten, mit ganzer Kraft den Verteidigungskampf zu führen gegen die Vernichtungspläne ihrer Gegner. Diese triumphieren ob des errungenen Erfolges und wähnen, ihrem Ziele näher denn je zu sein. Ganz besonders haben sie es ans Oesterreich-Ungar» abgesehen, das sie zerstückeln und auseinanderreißen wollen. Für die Völker der Monarchie gilt es heute, wie in den ersten Tagen des Krieges, eine einheitliche Front zu bilden und mit vereinten Kräften den Ansturm der Feinde abzuwehren. mLsLer unleugbaren schweren Situation nie Eroberungen angestrebt, sie hat zum Schwert gegriffen, um ihre Lebensinteressen, ihre Existenz zu verteidigen. Tics ist ihr bisher gelungen. Kein Feind steht heute auf vaterländischem Boden und weite Strecken feindlichen Gebietes befinden sich in den Händen unserer tapferen Truppen. Diesen Zustand aufrecht zu erhalten, werden die Söhne des Vaterlandes sicherlich auch fernerhin vermögen. Der Feind wird nicht triumphieren. Die Mittelmachte habe» den Kampf gegen eine Welt von Feinden aufgenommen, als sie allein standen und auf die eigene Kraft angewiesen waren. Sie vermochten sich zu behaupten und ihren bösesten Feind, den Zarismus, völlig niederzuringen. Der Abfall eines Bundesgenossen wird daran nichts ändern, mag die allgemeine Kriegslage heute auch ziemlich ernst fein. Mit Ruhe und Zuversicht können die Völker der Mvnarchie den kommenden Tagen entgegenschen. Im Vertrauen auf die gerechte Sache, für die sie seit mehr als vier Jahren kämpfen, siegreich kämpfen. Trotz des Siegesgeheuls der Feinde ist der Friedenswille der Mvnarchie unerschüttert. Aber wenn die Feinde den Frieden nicht wollen, so werden sie nicht triumphieren. Sie laden eine Blutschuld auf sich, indem sie die ihnen entgegengestreckte Friedenshand zurückweisen. Das täglich vergossene Blut belaste ihr Gewissen. Die gerechte Sache wird den Sieg erringen. „Nicht entscheiden wird die Zuchtrute des Frevlers über das Schicksal der Gerechten!" Wieder einmal ruft das Vaterland alle Völker zur Kräftevereinigung auf. Die Monarchie soll aus neue Grundlagen gestellt werden, jedes Volk, jeder Stamm soll sich frei und unbehindert auslebcii können. Die Inden d e r M o n a r ch i e, deren Treue und E r gebe n heit allseitig a n e rkannt wird, find wie immer bereit, an dieser Erneuerungsarbeit im Innern, wie am Verteidignngskainpf nach außen tatkräftig mitznwirken, in der Zuversicht, daß auch ihnen Gerechtigkeit widerfahren wird. Mögen die Verhetzungen der jüngsten Zeit verstummen und Eintracht und Einigkeit unter allen Völkern herrschen. Ein großes,mächtiges, nach inneu und uach außen konsolidiertes O e st e r r e i ch - U n g a r n e n ispricht den Interessen und Wünschen der Juden der M o n a r ch i c, der e n Heil auch ihr Heit ist. Abgesehen von ihrem Patriotismus, sprechen auch ihre eigenen Interessen hiebei mit. Nur ein siegreiches, geeinigtes und gefestigtes Oesterreich-Ungarn wird imstande sein, die Schäden wieder gut^zu dieWunden zuheilen, bie der Krieg geschlagen. Ein zerstückeltes Oesterreich wird die Bürger sich selbst überlassen müssen. Jeder einzelne Bürger hat daher im eigenen Interesse allen Grund, den Plänen der Feinde entgegenzutreten und nur Wahnwitz kann von einem Frieden um jede» Preis etwas erwarten. Deswegen ergeht heute noch einmal der Ruf an alle Bürger der Monarchie: Durchhalten in dieser ernsteit S tunde! Keine Wankelmütigkeit, kein Kleinmut! — Es gilt vielleicht die letzte Kraftanstrengnng und der ehrenhafte, gerechte Friede wird erkämpft sein! Jüdische Kultus- und Eruebunasfragen. In ziveiter Auflage geht jetzt den Mitgliedern der Wiener Kultusgemeinde eine Denkschrift zu, die den Vielversprechenden Titel „Jüdische Kultus- und Erziehungssrageu" führt, den k. k. Schulrat Professor Dr. Moritz Tschiaßny zum Verfasser hat und im Vertage des „Wiener Jüdischen Organisationskomitees" erschienen ist. Dieses Organisativnskomitee, welches zwischen den zwei Auslagen, wir möchten fast sagen, im entre-aete 'entstand, ist der erste sichtbare Erfolg dieser von ganz respektablem Kunstsinn zeugenden Arbeit des Autors, ein Erfolg, mit dem der Herr Schul-, rat sicherlich zufrieden sein kann, ein Erfolg allerdings, mit dem der Verfasser sich auch wird bescheiden müssen. Es wäre Selbsttäuschung oder Naivität, wenn Dr. Tschiaßny in dem Glauben leben würde, daß er mit diesen seinen sogenannten Resormvorschlägcn, die, soweit sie den (Gottesdienst betreffe», dem Regisseur eines Konzerthauses alle Ehre machen müssen, mehr erreichen werde, als daß die nach jeder neuen Reformanregung entstehenden, für die Wiener jüdischen Verhältnisse so typischen, unfruchtbaren Komitees um ein neues, ebenso wenig lebensfähiges vermehrt werden. Der Wiener Boden eignet sich nicht für die Propagierung auf Durchführung von Reformen des Gottesdienstes. Wäre cs anders, wäre nicht die überwiegende Mehrheit der Wiener Jndenschast von konservativer Gesinnung, so hätten wir heute vielleicht schon die Wiener Sonntagsgemeinde, zumindest aber die vom Herrn Schulrat so sehr herbeigesehnte Orgel in allen Gemeindetempeln. Aber selbst die freisinnigsten Vorsteher mußten, wenn sie ans ihre Mandate nicht verzichten wollten, ihre geheime Liebe für fhnagogale Reformen unterdrücken und wenigstens in den Acußerlichkeiten dem Konservativismus das Opfer ihreKeigetten UeberzeuguM bringen,„Diel! Reform des Judentums an Haupt und Gliedern begrüßen würden, sind mit so losen Faden an das Judentum gebunden, daß sie nicht die Energie ausbringen, für die Reformen auch zu kämpfen, die für sie keine Ideale sind, sondern höchstens noch als Entschnldigungsgrnnd dafür einen Wert besitzen, daß sie überhaupt noch dem Judentumc angehören. Diese Reformen bedeuten für sie das Pförtchen, durch welches sie unauffällig, sozusagen mit leichterem Gepäck, aus dem Judentume anstreten können. Für die Orthodoxie ist die Broschüre des Professors Dr. Tschiaßny völlig ohne Belang, die Denkschrift ist offenbar für sie auch nickt geschrieben worden. Ter einfache gläubige, gesetzestreue Jude wird sie auch nicht versieben, es fehlt jede seelische und gedankliche Verbindung zwischen beiden. Für den orthodoxen Inden ist der Tempel kein llienlre pan':. Er geht ins Gotteshaus, weil ihn Herz und Gemüt dahin weisen. Er braucht keine musikalischen Skimulantien, um seine Andacht künstlich zu erzeugen, und er wird in seiner Andacht nicht gestört, weil etwa sein Nachbar das Gebet lauter verrichtet als er selbst. Ihm ist cs klar, daß die Andacht die höchste, heiligste und ehrlichste Gefühlsäußerung ist, ein Äusgehen in Inhalt, Sinn und Zweck des Gebetes, ein inniger, von aller Unwahrheit, von allem Beivußten losgelöster Kontakt mit dem höchsten Wesen, dessen Gesetzen er untertan ist. Die Andacht kann nicht reglementiert werden, und die raffinierteste Regiekunst vermag sie nicht ins Herz zu zaubern. Die Aeußerung der Andacht ist individuell, die Gemeinsamkeit der Andacht ergibt sich nicht durch äußere Formen,

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