Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 12 (11.4.1918)
- Date
- 1918-04-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Jüdische Korrespondenz. Seile 5 „Jeschurun." Infolge unvorhergesehener Sihwicrigkeite« technischer Matur mußte diesmal die Beilage „Jeschurnn" anskleibe«. Für die Orthodoxie müssen diese Vorgänge ein neuer Antrieb dazu sein, das Beispiel der strenggläubigen Inden in Deutschland nachzuahmen und die Sache in die Hand zu nehmen. In Deutschland bildet die Organisation zur Versorgung der Juden mit rituellen Lebens- Mitteln eine Zweigstelle des offiziellen Ernährungsamtes, und dort haben die Inden nicht bloß eine wesentlich höhere Kopfquote Mazzot, sondern auch viele andere Pessachviktualien erhalten. Auch die Organisation klappte überall. Es ist wahrlich höchste Zeit, diesbezüglich etwas zu unternehmen. Oie Aufgaben des Iugendbundes. Strakonitz, 20. März 1918. Langsam, langsam verblutet die jüdische Jugend, die Zukunft des Jndentumes. Die erschreckend wachsende Entfremdung unserer Jugend steigert unsere Hoffnungslosigkeit bis zur Verzweiflung. Die Jugend, das Herz der Judenheit, wird durch das Einatmen der verpesteten, todesbringenden Luft der sogenannten modernen Umgebung dem Judentums entrückt und entfremdet. Es ist ein trauriges Zeugnis für die Verneiner des traditionellen Judentumes, daß ihre Kinder, besonders aber ihre Töchter, uns meiden und hassen und in ihrem Innern ihre noch jüdischen Eltern als die Seuche der Menschheit betrachten. Unsere Jugend befindet sich in der Atmosphäre, die ihr befiehlt, bas überlieferte Judentum, den abgetragenen Mantel, abzulegen, um einen neuen nach der letzten Mode dafür anzulegen. Infolge der Unwissenheit unserer heutigen Jugend auf dem Gebiete des Judentumes kann sie mit Recht nicht begreifen, warum sie für etwas eintreten soll, das ihr nur Hindernisse in den Weg legt. Die große Masse der Jugend hat gar keine Ahnung von der mit Blut und Tränen gezeichneten Leidensgeschichte unserer Vorfahren und kann infolgedessen keine Liebe zu einem fremden Judentnme empfinden. Die Eltern, die noch wissen, daß die Juden nicht zu allen Zeiten von alten Hosen und vom Wucher gelebt haben, unterstützen die Brutstätte dieser Krankheit. Unseren Eltern, deren ganzes Denken und Fühlen darauf gerichtet ist, daß die Namen moderner Dichter und der modernen Romane unseren Töchtern geläufig seien, von den Lehren des Jndentumes zu lernen, scheint nicht zur Bildung zu gehören. Die moderne Bildung in dieser einseitigen Weise ist das beste Todesgift für unsere nach der sogenannten Freiheit lechzenden Jugend. Unsere Mädchen, die in ihren Gesinnungen und Empfindungen den Charakter des kommenden Geschlechtes vorherbestimmen, werden nicht durch rechtzeitige Aufklärung über das Heidentum unserer Vorfahren für den Glauben ihrer Eltern erwärmt. Man schämt sich, als Jude betrachtet zu werden. Vor unseren Augen lichten sich die Reihen der Juden. Viele Eltern der Gegenwart finden vielfach die Zuführung der Kinder zum Christentum verzeihlich. Das Weihbecken eröffnet den charakterlosen Täuflingen, die Verrat übten am Judentumc, den Weg in die hohe „reinarische" Gesellschaft, wo sie mit ihrer Verhöhnung der unglücklichen Juden prahlen können. Das ruhmreiche Judentum, das die blutigsten Lebenskämpfe gekämpft und als Sieger aus ihnen hervorging, darf nicht dem Vernichtungstode geweiht werden. Die jugendlichen Bäume des Stammes der Propheten und Psalmeudichter dürfen nicht entlaubt werden. Die verheerte Jugendseele muß erwachen aus dem Ohnmachtsrausch. Die Todesbazillen, die in die Poren der reinen Seele der Jugend eindraugen, müssen durch ein radikales Mittel, durch das Studium der Heldeugeschichte des unsterblichen Judentumes, unschädlich gemacht werden. Unsere Zukunft zu retten ist die hohe und heilige Aufgabe eines von der Liebe zum traditionellen Judentume beseelten Jugenderziehers. Die Jugend wird das, was die Erziehung aus ihr macht. Unsere Jugend muß aber jüdisch, d. h. „religiös" erzogen und beeinflußt werden. Religion und Erziehung sind miteinander verbunden. Auf Grundlage der Religion bildet sich das ganze Leben des Menschen und auf sie wird seine ganze Tätigkeit gelenkt. Die Grundlage alles menschlichen Lebens ist die religiöse Auffassung. Darum muß die Erziehung auf der Religion beruhen. Die Hebung des religiösen Sinnes unter Israels Jugend, die den Fortbestand des Judentumes sichert, ist die Aufgabe des hiesigen Jugendbuudcs. Durch die Abhaltung von geschichtlichen Vorträgen wird die Jugend in die Kenntnis des Judentumes eingeführt. Dadurch erfährt sie von dem Heldentume unserer Vorfahren, von dem großen ringenden Judentum der Gegenwart und von dem noch lebensvollen Judentume der Zukunft. Die Jugend muß ausgerüstet sein mit den modernsten geistigen Waffen gegen die albernen Lügen und Ammenmärchen, die über das Judentum in gehässiger Weise verbreitet werden. Es ist leicht zu behaupten, wo es kein Widerlegen gibt.'Der hiesige Jugendbund hat eine Bibliothek eröffnet, die unsere Jugend mit den herrlichsten Zierden unserer Literatur vertraut macht. Im Winter fanden gesellige Zusammenkünfte statt, die getragen waren vom hohen Geiste des Judentumes. Im Sommer beabsichtigt er Ausflüge zu veranstalten, bei welcher Gelegenheit das Zusammengehörigkeitsgefühl gepflegt werden wird. In der gegenwärtigen Zeit der ruchlosen Verleumdung der ganzen Judenheit, die trotz ihrer blutigen Oofer, die sie ja unbestreitbar gebracht, muß unserer Jugend, die infolge dieser Schmähungen und Verhöhnungen schwankend wird, ein Impfstoff, die Kenntnis der Reinheit und Heiligkeit der Religion, verabreicht werden, der ihr die Kraft verleiht, die Gegner zu besiegen. Trotz aller Schwierigkeiten, die die Gründung eines Jugendbundes aus dem Lande in Böhmen, wo Sabbat, Schechita und Milah als ein altes Gewand in die Lumpenkammer geworfen wurden, in Frage stellten, ist es dem hiesigen Rabbiner gelungen, den Jugendbund ins Leben zu rufen. Dem bekannten Freund und Verehrer der Jugendbewegung, dem geehrten Herrn Direktor Theodor Schmeichler, ist der Jugendbund zu großem Danke verpflichtet für die Ueberlasfung eines Lokales zur Abhaltung der Vorträge und zur Unterbringung der Bibliothek. Auch ' der hiesige Kultuspräsident, ein Förderer und Gönner jüdischer Angelegenheiten, Herr Dr. Max Brock, unterstützt mit Rat und Tat die hohen Ziele des Jugendbundes. Im Winter-Semester 1917/18 wurde» folgende Vorträge gehalten: Vom Herrn Rabbiner Dr. E. Landau: 1. Die Juden und das Judentum: 2. Die jüdischen Frauen und die Tradition: 3. Die Arbeiterinnen und die Bibel; 4. Bibel und Bibelkritik; 5. Bibel und Talmud; 6. Der Talmud und seine Feinde; 7. Die Bibel und die Kabbalah; 8. Die Kabbalah und das Christentum; 9. Moses und die Bibel. Vom Herrn Dr. Max Brock: 10. Die Geschichte der böhmischen Juden. Vom Herrn Direktor Theodor Schmeichler: 11. Mode und Technik bei den Juden. Vom Herrn Rabbiner Dr. E. Landau: 12. Moses Maimonides Bedeutung für das Judentum; 13. Juda Halcvi: 14. Spinoza und die Kabbalah; 15. Moses Mendelssohn. H a m o d i a. > Rundschau. (Dankeskundgebungcn an den Grafen Czernin.) Anläßlich der Ankündigung des Grafen Czernin, daß die Judenfrage in Rumänien gelegentlich der Friedens- Verhandlungen derart gelöst wurde, daß die Gleichberechtigung der dortigen Juden gesichert ist, sind dem Minister seitens des „Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums", seitens der „Adaß-Jisroel" (Schisfschul) sowie seitens anderer jüdischer Korporationen und prominenter Persönlichkeiten Dankestelegramme übermittelt worden. (HilsnerS Begnadigung.) Wie authentisch festgestellt wird, ist die Begnadigung Hilsners nicht im Rahmen der jüngsten allgemeinen Amnestie, sondern als spezieller Akt des Kaisers über Vorschlag des Justizministers erfolgt. Das Ersuchen um Revision des Prozesses ist voin Justizminister der Generalprokuratur überwiesen worden. Es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß diesen! Ersuchen Folge geleistet werden wird. (Bollzugsansschutz der Orthodoxie in den Staaten der Mittelmächte.) Dieser Tage fand in Berlin die konstituierende Sitzung des gelegentlich der Konferenz der Orthodoxie aus den Staaten der Mittelmächte in Frankfurt a. M. gewählten Vollzugsausschusses statt. Der Ausschuß befaßte sich amt, mit der Judensrage in Litauen, die angesichts der bevorstehenden Lösung des litauische» Problems aktuell ist. Die österreichischen Organisationen waren bei der Sitzung durch ihre Bevollmächtigten in Deutschland vertreten. (Pogromnachrichten.) Fortgesetzt kommen Nachrichten aus Rußland über dort sowie in gewissen Gebieten der Ukraine vorkommender Judenpogrome. Die Nachrichten lassen sich wohl nichtnäherkontrollieren. Immerhin scheint die Anarchie, die dort herrscht, die Lage der Juden sehr nachteilig zu beeinflussen. (Kamenew-Rosenfeld — rnsfischcr Botschafter in Wien.) Meldungen ans Moskau zufolge, soll das Mitglied des russischen Sowjet, Kamencw, der an den Friedensverhandlungen in Brest'-Litowsk teilgenommcn hat, zum russischen Botschafter in Wien ernannt werden. Kamenew ist Jude. Sein wirklicher Name ist Rosenfeld. Joffe soll zum russischen Botschafter in Berlin ernannt worden sein.