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Jüdische Korrespondenz · 1917-04-18 · 12 (18.4.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
3 (1917)
Issue
12 (18.4.1917)
Date
1917-04-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Mgg^^KSM t W; J-"T ■ mjßl?i§&;? «?»i>fe^.tf;«f:;, KitCl Preis per Nummer lO HelleT. 'f,"lTi f ■ ' fS«> Vierte^a|ijrlich K!-2|3.nrr. N«cMi-pck rtt «*iter: Outtlletssgabe gestattet ,1 Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jogas Kreppet. -Redaktion um! Adniinisiration r Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag Ä JS Wien, 18. April 1917. 3. Jahrgang. Friedens- und Judenfrage in Rußland. r Die Nachrichten aus Rußland lauten noch immer äußerst verworren und beim besten Willen kann sich kein Mensch darüber klar sein, was eigentlich im Reiche des Ex-Zaren vorgeht. Soweit die Situation sich auf Grund der vorliegenden Nachrichten überblicken läßt, stielt $ich gegenwärtig in Rußland ein scharfer inner-politischer Kampf ab. Die reaktionären Kreise sind vorläufig von dem erlittenen Schlage wie betäubt und wagen es kaum, öffentlich den Kopf zu erheben. Sie sind hingegen im Stillen ziemlich tätig und hetzen die anderen Gruppen gegeneinander, in der Erwartung, daß diese sich im gegenseitigen Kampfe zerfleischen und damit die Möglichkeit für eine reaktionäre Restauration bieten werden. Im liberal-demokratischen Lager herrscht schon tatsächlich ein offener scharfer Kampf. Die Kadetten und ihre Freunde, die Oktobristen, möchten sehr gerne das Heft in den Händen behalten und zunächst im Einverständnisse mit den Alliierten den Krieg fortsetzen, die Durchführung der inner-politischen Reformen auf später verschiebend. Die Arbeiterkreise erklären jedoch, daß ihnen die Sicherung der errungenen Freiheit wichtiger ist als die Kriegsziele der Panslayisten und der Kriegslieferanten und sie gehen sogar so weit, den baldigen Friedensschluß zu fordern. Es bleibt nur noch abzuwarten, welche Gruppe imstande sein wird, die Oberhand zu behalten. Voraussagen läßt sich natürlich diesbezüglich nichts. Man muß ganz einfach die Ent- -,,^;wfck4u*«^d^^ schon heute klar: Nur ein baldiger Friedensschluß kann die errungene Freiheit sichern. Wird die Fortsetzung des Krieges proklamiert, dann droht entschieden die Gefahr einer Wiederkehr des reaktionären Regimes. Ohne Diktatur wird doch die Fortsetzung des Krieges nicht angehen und ob diese Diktatur von einer angeblichen demokratischen Regierung oder von der Reaktion eingesetzt ist — das letzte Ende wird schließlich doch der Sieg des Zarismus in dieser oder jener Form sein. Dies umsomehr, als die Engländer und Franzosen, die früher . die Absetzung des Zaren als Triumph ihrer Politik ausposaunten, es schon heute lebhaft bedauern, diesen willenlosen Herrscher beseitigt zu haben, da sie mit der Demokratie kein so leichtes Spiel haben können. Die Arbeiterkreise, die auch seitens des Militärs Sukkürs finden, geben sich auch über den Stand der Dinge keiner Täuschung hin und deswegen fordern sie mit einem derartigen Ungestim den baldigen Frieden. Es ist ihnen bisher auch gelungen, die Regierung zu weitgehenden Konzessionen in der Friedensfrage zu zwingen. Sie wissen es ganz gut: Nur der baldige Friedensschluß kann ihnen die errungenen Freiheiten garantieren. * Ebenso chaotisch und verworren wie die Nachrichten allgemein-politischer Natur, lauten auch die Meldungen aus Rußland hinsichtlich der Judenfrage. Einerseits kommen Nachrichten über eine vollständige Gleichberechtigung der Juden in Rußland, über Ernennung von Winawer und Örusenberg zu Senatoren, Berufung von Dubassori zum Gehilfen des lustizmmisters, Revision des Beilis - Prozesses usw. Andererseits gelangen jedoch Meldungen über Pogrome usw. über die Grenze. Natürlich ist es schwer, von hier aus die Situation richtig zu beurteilen und man ist vielfach auf Kombinationen angewiesen. Daß die Lage der Juden sich tatsächlich de facto gebessert hat. ist ja ohne weiteres anzunehmen. In Rußland herrscht ia jetzt überhaupt kein Gesetz und demgemäß sind auch die Ausnahmsgesetze gegen die Juden außer Geltung. Es ist auch anzunehmen, daß die Kadettenpartei, die so viel Juden in ihrer Mitte zählt, sich gezwungen sah. den Juden einige Konzessionen zu machen. Tatsache ist aber, daß dfe, Judenfrage bisher in den offiziellen Kundgebungen der Regierung gar nicht erwähnt wurde und dies gibt natürlich zu vielen Vermutungen Anlaß. Das Befremden darüber ist besonders im neutralen Auslande so groß, daß sich der russische Pressevertreter in der Schweiz gezwungen sah, diesbezüglich in der dortigen Presse eine Aufklärung zu veröffentlichen, die dahin geht, daß die Regierung die Gleichberechtigung der Juden für so selbstverständlich hält, daß sie es nicht für nötig erachtet, diesbezüglich auch nur ein Wort zu verlieren. Nun sind aber in der Politik die Selbstverständlichkeiten manchmal sehr unwahrscheinlich und das Mißtrauen der weiten jüdischen Kreise kann damit nicht aus der Welt geschaffen werden. Man gibt sich übrigens keiner Täuschung darüber hin, daß das herrschende Regime von einer blassen Angst vor der Reaktion erfüllt ist und daß es deswegen derselben nicht die Waffe bieten will, die fanatischen Bauern- und Kleinbürgerkreise gegen die Regierung damit aufzuhetzen, daß diese das „Volk" den Juden ausliefert. Deutlich gesprochen bedeutet dies nichts anderes, als daß die Juden wieder einmal nach berühmtem Muster zugunsten anderer Rücksichten geopfert werden sollten. Aus diesem Stande der Dinge ist klar zu ersehen, daß auch die Jöien die Sicherstellung ihrer Gleichberechtigung nur in einem baldigen Friedensschlüsse sehen können und müssen. Nur ein Sieg der wahrhaft freiheitlichen Parteien, die ganz mit dem alten chauvinistischreaktionären System brechen wollen und demgemäß zunächst den baldigen Friedensschluß herbeiwünschen, kann demnach die Judenfrage in Rußland lösen und die Judenlage entschieden verbessern. Somit begegnen sich diesmal die jüdischen Interessen mit den Interessen der Friedensfreunde.'' "Die Juden in Rußland semstr wie auch die Juden im neutralen Auslande, die keine Rücksichten auf die wahnwitzigen Kriegsziele zu nehmen brauchen, müssen es also als ihre vornehmlichste Pflicht erachten, die Friedensfreunde in Rußland zu stützen und zu fördern. Nur ein baldiger Friedensschluß kann das freiheitliche Regime und damit die volle Gleichberechtigung der Juden in Rußland sichern. Spectator. Die Einberufung des Reicrisrates. Die österreichische Regierung geht nun daran, den zweiten Teil ihres Progranimes. das sie bei ihrem Antritt verkündet hatte, zu realisieren. Als ihre vornehmlichste Aufgabe erklärte die Regierung damals, die Regulierung der Ernährungsfrage. In zweiter Linie kam die .Wiederaufnahme der parlamentarischen Tätigkeit in Betracht. In der Ernährungsfrage hat die Regierung alles getan, was angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse zu tun möglich war und es ist nicht zum geringsten das Verdienst derselben, wenn die; feindliche Aushun - gerungsspekulation auch im dritten Kriegswinter zuschanden geworden ist. Nunmehr geht das Kabinett daran, die zweite Aufgabe einer Erledigung zuzuführen. Ein offizielles Komunikat berichtet, daß der am lb. d. M. abgehaltene Ministerrat beschlossen hat, den seit etwa drei Jahren geschlossenen Reichsrat für die zweite Hälfte Mai wieder einzuberufen und die Volksvertretung zur Teilnahme an der gesetzgebenden Arbeit wieder einzuladen. Die Forderung' nach der Wiedereiviberufung des .Reichsrates wird seit vielen Monaten erhoben und prinzipiell haben auch die Regierungskreise hiezu beigestimmt. Es handelte sich aber um die Schaffung der Voraussetzungen für die normale Arbeitsfähigkeit des Reichsrates, dessen Tätigkeit in den letzten Jahren infolge der kaum unterbrochenen Obstruktion fortgesetzt par&Iysiert wurde. In erster Linie kam hiebei die Aenderung der Geschäftsordnung in Betracht, die jeder willkürlichen Obstruktion Tür undiTor öffnete. Diesbezüglich waren aber die 'Meinungen geteilt. Einerseits wurde der Gedanke vertreten, daß die Regierung dazu berufen ist, diese Maßnahme im Wege eines Octrois mft,der Hilfe des § 14 durchzuführen, da nur dänftjdie Sicherung der parlamentarischen Arbeitsfähigkeit möglich sei. Andererseits wurde hingegen erklärt, daß man es zunächst dem Parlamente überlassen muß, selbst diese Operation an sich vorzunehmen. Ein Octroi käme erst dann in Betracht, wenn sich das Parlament hiezu unfähig zeigen sollte. Wie bekannt, war es diese Frage, die eine Finalisierung der Angelegenheit verzögerte. Die definitive Entscheidung wurde von Woche zu Woche und von Monat zu Monat hinausgeschoben und Oesterreich blieb noch immer der einzige moderne Staat, in welchem das Parlament ausgeschaltet war. Nunmehr aber hat sich die Regierung zu einer energischen Entscheidung entschlossen. Der Reichsrat wird einberufen und es wird demselben überlassen, zunächst selbst für seine Arbeitsfähigkeit zu sorgen. Angesichts der aktuellen Friedensfrage glaubt die Regierung, auf die Mitwirkung der Volksvertretung nicht länger verzichten zu sollen. Das Volk soll zur Mitarbeit an der Erneuerung Oesterreichs berufen werden und die maßgebenden Faktoren liegen die vollste Zuversicht, daß die Kriegsereignisse auf die Völker und Parteien in dem Sinne gewirkt haben, daß sich alle zu einer gemeinsamen Arbeit für's Vaterland vereinigen und nicht mehr die kostbare Zeit mit minder wichtigen und kleinlichen Streitigkeiten vergeuden werden. Wenn von gewisser Seite.darauf verwiesen wird, daß die Regierung selbst zu einem früheren Zeitpunkte Octroi-Absichtcn hegte, so möge man sich vor Augen halten, daß sich im politischen Leben an einer Schablone nicht festhalten läßt. Die Haltung und die Taktik müssen den Zeitverhältnissen angepaßt werden. Ein -steifes Festhalten --an-einar bestimmten Taktik kann wohl als äußerst konsequent gelten, bringt aber nicht immer das erwartete Resultat. Die gegenwärtigen Verhältnisse inachen die baldige Einberufung des Reichsrates ohne Octroi wünschenswert und man kann die Zuversicht hegen, daß die Volksvertreter nunmehr das ihnen seitens der Regierung erwiesene Vertrauen rechtfertigen werden. Die Wiedereinberufung des Reichsrates wird in den weitesten Volkskreisen mit großer Zufrieden! :\t begrüßt. Auch die österreichische Judenschaft, als ein ausgesprochenes demokratisches Element, begrüßt den Parlamentsfrühling in der Monarchie mit großer Genugtuung und mit dem Wunsche, daß die Volksvertreter es verstehen mögen, sich über alle kleinlichen Differenzen hinwegzusetzen und das Vaterland in neue, segenbringende Bahnen zu leiten. Jüdische Deputationen beim Kaiser. Gelegentlich der vor vvöchentlichen Anwesenheit des Kaiserpaares in Budapest hat der Kaiser u. a. auch die Repräsentanten der ungarischen Judenschaft empfangen. Zunächst erschien eine Deputation der neologen israelitischen Kultusgemeinden unter Führung des Präsidenten des# Landesbureaus Dr. Moritz Mezei, auf dessen "Ansprache der Kaiser entgegnete: „Mit aufrichtiger Befriedigung nehme Ich die Huldigung der von Ihnen vertretenen israelitischen Glaubensgemeinschaft sowie die Versicherung Ihrer Treue entgegen. Seien Sie überzeugt, daß Ich ebenso wie über die Einhaltung der übrigen Gesetze auch über die Einhaltung des Gesetzes wachen werde, welches die freie Ausübung Ihres Glabens sichert." Hierauf wurde die Deputation der orthodoxen israelitischen Glaubensgemeinschaft empfangen. Auf die Ansprache des Führers der Deputation Frankl, des Präsidenten des orthodoxen israelitischen Zentralbureaus, sagte der Kaiser: „Ich nehme Ihr Erscheinen sowie die Kundgebung Ihrer Treue und Huldigung mit Dank entgegen und versichere Sie, daß Ich über Ihre auf den Gesetzen beruhenden Rechte so wie Mein verewigter Vorfahr wachen werde. Mit Befriedigung nehme Ich Ihr patriotisches

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