Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 11 (1937-1938)
- Issue
- Heft 719 (14.1.1938)
- Date
- 1938-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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>8. m, Wien, Freitag, den 14. Jänner im Seit« S Otto Warburg gestorben fc B erliD ist am 10. d. M., abends, nach Mraer Krankheit Professor Otto War. b«rg im 79, Lebensjahr gestorben. Er war nach Theodor Herzl and David Woiffsofau der dritte Präsident der Zioni» atiseben Weltorganisation, Otto Warburg wurde 1850 in Hamburg geboren. Mit der bekanntem Hamburger Baakierfamilie Warburg entfernt verwandt, war aueh «r Abkömmling der angesehenen ittdiaobeo Familie Warburg, die in Deutsch, fand, Skandinavien, Engla« und den Vor. einigten Staaten ansässig und laut Familienchronik aus Bologna nach Warburg (Westfalen) und von dort im 17. Jahrhundert nach Altona eingewandert ist Otto Warburg, der sieh nach Beendigung seines Studiums der Erforschung der Tropenpflanzen widmete und 1885 b» 1889 zu diesem Zwecke Süd- und Ostasien bereiste und grundlegende Werke über seine Forschungen veröffent- 1000 BQcticr. * «•-1. renn-Jwsww i lichte, wurde 1891 Privatdozent an der Universität Berlin und 1892 Professor dieser Universität; gleichzeitig wirkte er am Berliner Orientalische» Seminar. Verhältnismäßig früh trat Otto Warburg in das jüdisehe öffentliche Leben ein. Vom Jahre 1900 an betätigte er sich bei der Ansjedlong einer jüdisch-rumänischen Gruppe in Kleinasien und wandte gleichzeitig sein Interesse der jüdischen Kolonisation in Palästina zu. Auf dem VI. Zionistenkongreß im Jahre 1903 erschien Otto Warburg zum erstenmal als Delegierter und übernahm die Leitung der vom Kongreß eingesetzten Palästina-Kommission gemeinsam mit Frans Oppenheimer und 8. Soskin, mit denen zusammen er die Zeitschrift „Altneuland“ (1904 bis 1906) herausgab. 1905 wurde Warburg in das Engere Aktions- Komitee der Zionistischen Organisation gewählt. 1908 wurde auf seine Initiative das Palästina-Amt in Jaffa gegründet. Von Warburg ging auch der Gedanke der Schaffung eines ■ hebräischen Kulturfonds aus, sehr intensiv nahm er an den V orberedtungsarbe iten für die Hebräische Universit|t In Jerusnlem teil, Warburg gehörte NeohnCAVALOADE" noch größer Lloyds of London (DAS HERZ DER WELT) mit Mndaielng Ciirroii, Tyrone Power, f Freddie Bartbolomew Eilte-, Opera«, Votivpark-Kino Vladimir labetlnsky spricht über das Thema: „Per Rumpf um den jüdische Stauf am Montag, den 24 Jänner 1938, 8 Uhr abends, im Großen Musikvereinssaal, 1., Bösendorferstraße 12 Karten von $ Jw bis 8 6‘— erhältlich in den Vorverkauf «st eilen: Sekretariat der Neu-Z. 0„ H„ AwernbrückenroM* 2, Tel, R 451-39 Ui Musikverein, I-, Bösendorferstraße 12, Tel. U 47-0-80; Ring der Alten Herren, I., Kohlmarlct 8, Tel. U 23-4-37: Jüdische Kulturstelle, 1., Franr-Josefs-Kai 3, Tel. R 28-2-36; M. Rath, II., TaberstraSe 20a, Tel. R 45-305; Kartenrentrale Oskar Gronner, l, Graben 28, Tel. U 23-4-45, und Richard Unyi, I., Kärptnerstr. 44, Tel. B 26-3-33 zu _ den „praktischem“ Zionisten, er I Organisation intensiv fort Er übersiedelte verfocht eifrig den Gedanken der sofort zu beginnenden Kolonisation Palästinas und wandte sich oft gegen den rein „politischen“ (diplomatischen) Zionismus. Auf dem X. Zionistenkongreß im Jahre 1911 wurde Warburg zum Präsidenten der Zionistischen Organisation gewählt und behielt dieses Amt bis 1920, in welchem Jahre die Leitung der Organisation nach London verlegt wurde. Seine zionistische Arbeit setzte Otto Warburg auch nach Niederlegung der Präsidentschaft der zeitweilig nach Palästina, wo er die Leitung der Landwirtschaftlichen Versuchsstation der Zionistischen Organisation in Tel-Aviv, wie das Institute of Natural Hiatory of Palestine an der Hebräischen Universität Jerusalem übernahm. Er gründete 1907 die Palestine Banana Corporation und 1929 die Palestine Grape Fruit Orange Company. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Berlin, auch hier stand er der Zionistischen Organisation jederzeit mit seinem wertvollen Rat zur Seite. Dank der Kultusgemeinde an Dr. Jakob Ehrlich In der öffentlichen Sitzung de« Kultus vo der Wiener Kultusgemeinde am Donnerstag, der die der „Union“ angehörenden Kultusvorsteher ferngeblieben waren, sprach Präsident Staaterat Dr. Desider Friedmann dem Mitglied des Kultusvorstandes und Rat der Stadt Wien Dr. Jakob E h r- "ch den Dank und die Anerkenung der Kultusgemeinde fto »ein mannhaftes Eintreten für jüdische Interessen anläßlich der Budgetdebatte der Bürgerschaft aus. Es wäre zu erwarten gewesen, fuhr der Präsident fort, daß sich die gesamte jüdische Öffentlichkeit hinter Dr. Ehrlich stellt. Die Wiener Ratsstabe ist die einzige Tribüne, von d«T aus es einem jüdische» Mandatar möglich ist, zur Öffentlichkeit zu sprechen. Von dieser Stelle aus hat Doktor Ehrlich bei allen Schwierigkeiten, die sein Amt mit sich bringt, und bei allem Maß, da« er sich auferlegen mußte, in wirkungsvoller Weise gezeigt, welches die berechtigten Beschwerden der Judenschaft sind. Er bat auf unsere Zurücksetzung in öffentlichen Diensten, auf den beklagenswerten Zustand unserer Jugend und auf die Not unserer Intellektuellen hing erwiesen und er hat sich mit jener wirtschaftlichen Boykottaktion auseinandergeeetzt, die vor den Weihnachtefeiertagan unter dem Motto „Christen, kauft bei Christen!“ eingesetzt bat. Es notwendig, daß diese Rede gehalten a rj wurde, und sie hat Anklang gefunden i tan des allen jüdischen Kreisen und auch außerhalb des Judentums, dort, wo man sich Objektivität und Gerechtigkeit bewahrt hat. Ich bedaure, daß diese« Eintreten i seres Kollegen für allgemeine jüdische Interessen — der Boykottruf „Christen, kauft bei Christen!“ galt nicht einzelnen Juden, sondern allen jüdischen Kaufleuten — die Wirkung hatte, daß ein Teil des Judentums Dr. Ehrlich in den Rücken fiel (Pfuirufe), daß man an seiner Rede Kritik übte und daß man sogar diesen Anlaß benützte, um den bedauerlichen Zwiespalt zu dokumentieren, der in unseren Reihen besteht. Die Dankeskundgebung der Kultusgemein de wird jedoch nicht an Wirkung verlieren, wenn ein Teil unseres Kultusvorgtande« heute nicht im Saal ist. Sie wird ebenso wirkungsvoll «ein, wenn wir alle, die wir hier sind, einhellig Dr. Ehrlich den Dank votieren, wir als die Vertreter der jüdischen Gesamtheit. (Stürmischer Beifall.) Hierauf ergriff Kultusvorsteher Dr. Oskar Grünbaum da« Wort. Er machte darauf aufmerksam, daß die Herren von „Union“ absichtlich fehlen, denn sie ließen mitteilen, daß eie am Beginn der Sitzung nicht anwesend sein würden, weil Dr. Ehrlich der Dank votiert werden solle. Zu Beginn der Sitzung, berichtete dann Dr. Grünbaum, bin ich im Aufzug zusammen mit Dr. Ehrlich nnd Baurat Doktor Rempler hinaufgefahren. Dr. Kempler hat Dr. Ehrlich gesagt, er bedaure außerordentlich, daß Dr. Ehrlich wegen seiner Rede Angriffen in der Öffentlichkeit ausgesetzt war. Er ermächtigte auch Dr. Ehrlich ausdrücklich, von dieser Erklärung hier .Mitteilung zu machen. I)r. Ehrlich erwiderte, er würde doch Gelegenheit haben, im Kultusvorstand seine Meinung auezudrttcken, aber Dr. _ Kempler wurde vermutlich durch Parteizwang verhindert, die« zu tun. Auch andere Herren der ,Union1 haben Dr. Ehrlich gratuliert. Man muß endlich offen sagen, daß Regierungsrat Dr. Oppenheim schuld daran ist, wenn dieser beklagenswerte Zustand in der jüdischen Öffentlichkeit herrscht. Schließlich dankten Kultusvorsteher Dr. Graubart nameng der Revisionisten und Kultusvorsteher Dr. Rosenberg na¬ EISEN Selchwaren l^jg 1 VERTRAUENSMARKE DER KENNER! mens des Misrachl Dr. Ehrlich. Dr, Roeea* berg berichtete auch, daß gelegentlich der letzten Plenarsitzung ein prominente« Mitglied der „Union“ ihm sagte, m wäre angezeigt, Dr. Ehrlich für seine glänzende Rede den einstimmigen Dank dar Kultusgemeinde auszn«prechen. Nach Abschluß der Debatte wurde ein Antrag, Dr. Ehrlich Dank und An erkennung auszudrücken, Vertrag Nathan Bistritzky Mittwoch, den 26. d., 8 Uhr abends, spricht Nathan Bistritzky im Großen Musikverein««aal über: „Der neue Akt der jüdischen T r a g ö d i e.“ Karten zum Preise von S 2.— bis 50 Groecben sind erhältlich im Keren Kajemeth-Büro, I., Marc-Aurol-Straße 5. Der ©len-Mpster Film Die entführte Braut mR Rosy Barsony, Hortense Raky, Hans Ho t, Fritz Imhoff, Tibor von Ho!may, Oskar Denes Musik; PAUL ABRAHAM GertenbeuaKIno I. KVrntner-Klne I. Busch-Kino II. Haydn - Kino VI. Kolosseum-Kino IX. . Ein Europa-Film ■ ■ , - Die Juden in Bagdad Von A. J. Notiv (Fortsetzung.) Ke Geschäfte im Irak konzentrieren sieb kn Besitz des jüdischen Mittelstandes. Es ist aber ein verhältnismäßig armer Mittelstand. Eia Monatseinkommen von 100 Pfund gilt schon als fürstlieh. Die meisten Geschäftsleute verdienen kaum 50 Pfund im Monat Ihre Läden sind finstere Löcher. Die Waren sind selten mehr als 200 bi« 300 Dollar wert Fünfzehn Prozent der Juden sind Hand werter, darunter viele Schuster und Schneider. Fast alle Silberachmiede in Bagdad sind Juden, Sie besitzen zwei eigene Märkte. Es gibt aueh viele jüdische Teppichweber. Da die Juden jahrhundertelang unter den Arabern leben, haben sie sich an dieselben in KfoMtutS tuttf Anziehen am tailliert. Sie sind für mich voneinander nicht zu unterscheiden. Die älteren jüdischen Frauen tragen das Geeicht verschleiert. Auch die jungen Mädchen gehen nur mit verhülltem Gesicht auf die Straße. Als ich einmal mit einem Juden einem Rabbiner begegnete, der in Begleitung seiner Tochter ging, die das Gesicht nicht verhüllt hatte, war mein Gefährte außer sich vor Entsetzen: „Entsetzlich!“ rief er aus, „die Tochter eines Rabbi geht oha« Sehleier, wie etae Chrizttal*4 Die orthodoxen Bagdeder Juden habe® gar sicht das Gefühl, daß sie sieh arabisch kleiden. Alte Joden behaupteten mir gegenüber, die arabische Kopfbedeckung mit dem umgewundeoen Tuch sei nur von den Arabern den Jods® naebgeahmt worden. So sieht man beute alte Juden, die ab einzige noch den Tarbusch tragen. Ich nahm eiwaa an einem Seder teil. Der Gastgeber, der sieh sonst europäisch kleidet, trug trotzdem ein langes Hemd, Kooanabz gemannt, und den Tarbusch. Bei der Aufzählung der Berufe der Juden habe ich einen übersehen, der «o recht den Einfluß der arabischen Kultur beweist Viele Juden haben Zauberei als Beruf. Da« ist hauptsächlich ein Frauenberuf, und die jüdischen Frauen sind gesuchter als mohammedanische oder christliche Frauen, von denen sie die Zauberkunst gelernt haben. Für 50 Cents sind sie bereit, Mittel für alle Krankheiten zu verabreichen, Liebes tränke zu brauen, Teufelauätreibimgen zu veranstalten und Interviews mit Verstorbenen zu vermitteln. Nur ein ungewöhnlich ausgeprägter Stolz hat die Bagdader Juden davor bewahrt, ganz in der Assimilation aufzugehen. Sie dünken sich nicht nur hoch erhaben über die Araber, sondern sie bezeichnen sich auch als die Creme de la creme des Wettjudentums „Wir sind die unmittelbaren Nachkommen der Juden, die mit Esra und Nehemia nach Erez Israel zurückgekehrt sind“, erzählte mir mein Freund Esra Effemdi Die Bagdader Juden versippen sich nicht mit den westlichen Juden, von denen sie sagen, sie seien gar keine Juden dem Blute nach, sonder® Nachkommen von Nichtjuden, jedenfalls aber nicht von Juden des guten Schlages, der aus Palästina hervorgegangen sei. LDie paar Dutzend europftkctie Juden, diel nach dem Weltkrieg nach Bagdad gekom-1 Kochen und Nähen erteilt wird. Der Schul men sind, hatten schwere Mühe, als Juden leiter sagte mir aber, es «ei eebwer, MM anerkannt zu werden, und noch heute gelten' chen unterzubringen, da die Eltern nie zu sie als nicht ganz vollwertig. | stimmen, daß Mädchen zusammen mit Män* Obwohl sich bekanntlich die jüdische nern arbeiten und es gäbe auch keine Lehre zur Zeit des babylonischen Exils ii Sura und Pumpedita, Büro«, wo da« geglättet sei. Aber Schleier und Literatur also in der Nähe Bagdads, entwickelte, hat doch die jahrhundertelange Isolierung der Juden im Irak dazu geführt, daß sie nicht wissen, welche Entwicklung das Judentum in den letzten 1800 Jahren genommen hak Die Rabbiner in Bagdad, vierzig an der Zahl, sprechen talmudisches Hebräisch. Nur wenige haben etwa« vom modernen Hebräisch gehört. Die jüdische Masse spricht ein Arabisch, das ein Gemisch von hebräischen und arabischen Worten darstellt und den Arabern kaum verständlich Ist. Trotzdem hat der Fortschritt auch vor Bagdad nicht haltgemacht. Von großem Einfluß war die Schule der Alliance Israelite Universelle, die vor ungefähr dreißig Jahren gegründet wurde. Sie war nicht nur die erste moderne jüdische Schule ta Irak, sondern überhaupt die erste Schule nach europäischen Begriffen. Bia zur Eröffnung der Schule gab es nur einige Cheder, und 95 Prozent der Juden waren Analphabeten Die Gebete wurden von Vater auf Sohn mündlich überliefert Derzeit gibt es ungefähr ein Dutzend jüdischer Volksschulen. Die Unterrichtssprache ist arabisch. In einer höheren Schule wird auch Hebräisch gelehrt und e« gibt auch Lehrer aus dem Ausland. Die jüdische Gemeinde sorgt auch für den Unterricht der Mädchen. Die erete Schule für Mädchen im Irak wurde von Juden geschaffen, ebenso auch die «rate Fachschule für Mädchen, in dar Unterricht im sind (schlechte Kompagnons. Wenn die Literatur kommt, verschwindet der Schleier. Mehr und mehr Mädchen sagen sich von der traditionellen Tracht los und es kommt schon vor, daß Mädchen bei gesellschaftlichen Veranstaltungen mit Männern tanzen, allerdings dürfen cs nur nahe Anverwandte Die jungen Männer aber sind schon fortgeschrittener. Manche haben in Europa studiert und Ideen zurüekgebracht, die für Bagdad zu modern sind. Sie fühlen sich zu Hause nicht wohl und wollen aus der dumpfen orientalischen Atmosphäre der „Stadt, de« Frieden«“ heraus. Sie ist ihnen zu geruhsam. Sie finden oft keine passende Beschäftigung und die Regierung stellt keine Juden mehr an. So kommt, es, daß die Sehnsucht, auszuwandern, immer mehr wächst. Wirtschaftlicher Druck und kulturelle Unruhe sind ihre Triebfedern. Die jungen Männer verlangen ein zivilisierteres Leben, das es im Irak nicht gibt. Aber wohin «ollen sie auswandem? ..Wir «tecken jetzt in der schwensten Krise, die der Irak jemate erlebt hat“, sagte mir Ibrahim Effendi, einer der vier jüdischen Abgeordneten des irakischen Parlamente, dessen Finanzkommission er leitet. „Unsere Jugend wird entweder verschiedene europäische Ideen aufgeben oder auswandern müssen. Die Weisheit tet bei Gott“, fügte er nachdenklich hinzu. (Schluß.)