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Der Israelit · 1915-07-01 · Heft 28 (1.7.1915) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
55 (1915)
Issue
Heft 28 (1.7.1915)
Date
1915-07-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 28 des „Fsraelit." Feuilleton. ' " v' Zn Sibirien. Aus dem Polnischen des Adam Szyuranski. (Schluß.) Und Seoul sing an, um sich her auszuspucken, indem er mit den Füßen stampfte, die Lippen zusammenpreßte und nie seinen geballten Fäusten den unschuldigen Boden von Jakutsk bedrohte. Endlich, von der Aufregung gebrochen, ließ er sich neben mir auf den Stuhl sinken. Im Allgemeinen lieben alle Deportierten, ohne Unterschied der Religion oder der Nationalität, Sibirien nicht, aber dieser eifrige Chassid haßte mit ganzer Seele. So wartete ich ab, bis er sich beruhigt, was nicht lange ausbliebdenn er hatte eine rauhe Schule durchzumachen gehabt. Nach einem Augenblick, als ich sah, daß es ihm gelungen war, seine Bewegung zu meistern, warf ich ihm ein fragendenden Blick zu. „Man muß mir's zu gute halten," sagte er zu mir sogleich, „aber ich spreche zu Niemand von dem Allem, denn hier — mit wem soll ich sprechen?" „Cs fehlt -och nicht an Juden hier!" „Sind es bloß Juden, Herr? .... Aber nein, es sind Leute gerad' wie alle hiesigen! .... Sie beobachten nicht einmal ihre Religion." Da fürchtete ich eine neue Explosion hervorzurufen, so unterbrach ich ihn, indem ich ihn fragte, worüber er mit mir zu reden gewünscht habe. „Ich wollte bloß wissen, was daheim vorgeht, Herr. Es sind so viele Jahre, daß ich hier bin, und nicht ein einziges Mal seit meiner Ankunft Hab' ich Gelegenheit gehabt, von der Heimat zu reden." „Ganz gut! Aber etwas sonderbar stellst du doch deine Fragen. Ich kann doch nicht, in einem Atem dir Alles sagen was daheim vorgeht! Was interessiert dich? Ist es die Politik?" Der Jude blieb stumm. Ich glaubte, die Bedeutung des Wortes „Politik" sei ihm unbekannt, denn er drückte sich unbeholfen aus im Polnischen, und fing an, ihm des Langen und Breiten die Lage Europas und die unsrige auseinanderzusetzen, eine Erklärung, die ich, Wort für Wort auswendig wußte) denn ich hatte sie gar manches Mal schon Andern wiederholt. Aber der Chassid schüttelte ungeduldig den Kopf. „Also all dieses interessiert dich nicht?" „Ich Hab' niemals dran gedacht," erwiederte er mir freundlich. „Ohne Zweifel willst du etuas von der Geschäftslage deiner Genossen erfahren und hören, wie es mit dem Handel aussieht?" „Ihre Geschäfte gehen gewiß besser wie meine." „Das ist wahr .... So möchtest du wissen, ob das Leben teurer geworden ist, seit du weg bist} welches der Preis der Ernten ist am Markt - wie teuer das Mehl verkauft, das Fleisch?" „Ach — was liegt mir an allem dem, Herr? wenn man hier nichts kaufen kann, wenn daheim Alles halb geschenkt wird." „Du hast vollkommen recht, aber zum Teufel, wenn ich nur weiß, was du von mir willst." „Weiß ich's doch selber nicht, Herr, wie ich es Ihnen erklären soll. Oft begegnet mir,s daß ich grübele, bis Rifka, so heißt meine Frau, mir sagt: „Sroul, was hast du?" Und was kann ich ihr antworten, wenn ich selbst nicht weiß was ich habe .... Vielleicht, wenn mich die Leute sähen, würde sie's zum Lachen bringen" . . . > Und indem er so sagte, blickte er mich furchtsam an, um zu sehen, ob ich mich nicht über ihn lustig machte. Aber ich lachte nicht. Der Mann interessierte mich. Ich erriet, daß er von etwas niedergedrückt war, worüber er sich nicht Rechenschaft ablegte. Um ihm seine Aufgabe zu erleichtern, versuchte ich, es ihm behaglich zu machen, bat ihn ohne Hast zu sprechen, versicherte ihm, meine Arbeit sei in keiner Weise eilig, und es sei nichts dabei verloren, auch wenn wir eine ganze Stunde verplauderten. Er dankte mir mit dem Blick, besann sich einen Moment; dann knüpfte er furchtsam das Gespäch auf diese Weise an: „Wann haben Sie Warschau verlassen, Herr?" „Gegen Ende April, nach dem griechischen Kalender." „War's kalt oder warm zu dieser Zeit dort unten?" „Es war sehr warm, ich reiste im Sommerüberzteher." „Ach .... Sie sehen wohl, Herr! Und hier fror es. . . " „Aber hast du denn vergessen, mein Freund, daß bei uns die Aussaat schon geschehen ist, und daß die Bäume grün sind?" „Die Bäume schon grün!" Eine Flamme glänzte in den Augen Srouls. „Ja, ja, sie sind grün," wiederholte er, „und hier friert es." Ich fing an zu verstehen, was er wollteaber um mich noch besser davon zu überzeugen, blieb ich stille. Sichtlich wurde mein Jude lebhafter. „Jetzt, Herr, sagen Sie mir, ob man noch bei uns.Aber es ist drollig, da, ich weiß nicht mehr, wie's heißt auf Polnisch — und er entschuldigte sich, ganz verwirrt und beteuerte, er habe es ehemals sehr gut gewußt. ... Cs ist etwas Weißes, sieht aus wie Erbsen .... aber es sind keine Erbsen, und im Sommer wächst es in den Gärten ganz nahe den Häusern, und es ringelte sich auf Gewinde längs großer Stecken." „Du meinst Bohnen?" „Ja, ja . . das ist es . .Bohnen, Bohnen!" wiederholte er mehrere Make, als ob er sich das Wort gut in den Kopf bringen wollte. „Aber gewiß, die gibt es viel, wie immer. Und säet man denn hier keine?" „Hier! seit drei Jahren, die ich hier im Lande wohne, Hab' ich nicht mal die Farbe einer einzigen gesehen. Es ist alles, wenn man ein paar elende Erbsen sieht, von denen, die man — mit Respekt zu melden — bei uns htnwtrst für —" „Für die Schweine!" „Richtig. Und noch dazu, sie verkaufen sie auf's Pfund- und nicht einmal alle Tage fand man welche zu kaufen." „Du issest also Bohnen gern?" „Ich! — . . . gar nicht.. Aber wie soll ich Ihnen das sagen? „Manchmal muß ich daran denken- und es kommt mir hübsch vor. Es ist so zu sagen, wie ein klein Wäldchen, was aufgewachsen wäre neben den Häusern. . . . Hier, gibt es nichts. Und dann Herr, noch etwas: sagen Sie mir, ich bitte Sie, ob man im Winter bei uns noch die kleinen Tierchen sieht — nicht größer als so — und er zeigte seinen kleinen Finger — es sind Arten grauer Vögel ... Ich Hab auch ihren Namen vergessen, aber zu meiner Zeit, gab es viele - und oft wenn ich meine Gebete verrichtete und am Fenster stand, sah' ich Hunderte flattern und niedergehen vvr mir. Aber gab ich damals auch nur acht darauf? Nein, sehen Sie, Herr, niemals hätt' ich geglaubt, es sollte mir einfallen, an diese kleinen Dinge zu denken. Aber hier ziehen selbst die Krähen fort im Winterwie sollten so kleine Tierchen widerstehen? Aber bet uns. Herr, gewiß, gibt es noch. Sagen Sie, Herr . . . sagen Sie, gibt es ihrer noch?" Dies Mal antwortete ich ihm nicht, denn ich hatte endlich doch verstanden, daß dieser alte Jude, dieser eifrige Chassid, wie ich, nach feinem Baterlande schmachtete, und daß ein Schmerz uns beide verzehrte. Die unerwartete Begegnung mit diesen! Leidensgefährten ging mir an's Herz nnd vor Aufregung erstickend, strekte ich ihm die Arme entgegen. „Also . . . davon wolltest du mit mir reden? Also, auch du denkst an diejenigen zurück, die du dort unten gelassen hast. Du findest dein Los bitter und verlangst nach der Sonne, nach der Luft der Heimat. Du träumst von Wäldern und Wiesen, und von allen diesen kleinen Wesen, die du bet deinem armen Leben nicht einmal die Zeit gehabt hast, recht kennen zu lernen? Und heute, wo diese süßen Bilder aus deinem Gedächtnis sich zu verwischen drohen, willst du sie dir festhalten, denn du fürchtest die Leere, die in deinem Herzen sein wird, wenn sie veschwunden find. Soll ich dir von alldem erzählen, willst du, daß ich deine Erinnerungen neu belebe und dir sage, wie es ist bet uns in der Heimat?" „Ach, ja, Herr, ja! ... . deswegen bin ich gekommen!" . . . Und ganz freudig drückte er mir die Hände und fing an zu lachen wie ein Kind. — „So höre mir zu, Bruder!"- Und Sroul hörte mir zu, lange. So gesammelt war er, daß alle Fähigkeiten seines Wesens sich in eine einzige geflüchtet zu haben schienen: in das Gehör. Offnen Mundes lauschte er, mich mit den Augen verschlingend- und diese Augen verbrannten mich, erregten mein Feuer, enriffen mir Worte, die er gierig trank, um sie in sein tiefftes Herz aufzunehmen. Dort schloß er sie ein, gewiß, denn am Ende meines Berichtes murmelte er schmerzlich: „O weh mir, o weh mir!" Sein roter Bart zitterte, dicke Tränen rollten längs seiner abgemagerten Wangen und lange schluchzte der alte Chasid .... und ich weinte mit ihm.- Biel menschliche Tränen sind seit dieser Zeit geflossendie kalte Lena hat viel eisige Fluten dahingewälzt- und doch seh' ich immer, wenn die langen, schweigenden und schlaflosen Nächte kommen, vor mir das gelbliche Gesicht, das gefurchte, in Tränen gebadete des alten Sroul. Und wenn ich aufmerksamer Hinblicke auf die nächtliche Erscheinung, so ist es mir, als sähe ich die blassen Lippen des Juden sich bewegen- und ich höre seine ruhige Stimme murmeln: „O, Herr .... Belebe den Mut der Gebeugten, belebe das Herz der Niedergeschlagenen."

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