Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 23 (1882)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1882)
- Date
- 1882-05-03
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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460 Als er mit Joseph, nachdem die Thore des Schlosses zerschmettert waren, in dasselbe eindrang, war kein menschliches Wesen zu finden. Aber die ausgestellten Wachen brachten Bolivius und einige andere Diener herbei. „Wo istParthenope?" fragte Totila den zitternden Haushofmeister. „Sage mir die Wahrheit, sonst lasse ich Dich mit glühenden Zangen zwicken." „„Sie ist fort,"" stammelte Bolivius. „Seit wann?" „„Seit zwei Stunden."" „Wer hat sie fortgeführt?" — „„Mein Herr."" „Wohin hat er sie geführt?" „„Nach Cumae. Dort wartet seiner ein Bot, das ihn auf das Schiff des griechischen Feldherrn bringen wird."" „Kennst Du den nächsten Weg nach Cumae?" „„Nein, o König."" „Du kennst ihn nicht? Guntharis, mache doch eine Zange glühend; wir wollen aus diesem Sklaven die Wahrheit herauszwicken." „„Ach,Herr, ich kenne den Weg."" „So führe uns, aber ohne Falsch! So wie ich merke, daß Du uns auf Abwege führst, wird meine Drohung sofort zur That. Siehe mich an; ich bin der Mann, der hält, was er verspricht!" Der König befahl seinen Schaaren, auf der großen Heerstraße nach Cumae zu ziehen. Er selbst und Joseph und dreißig seiner tapfersten Helden folgten der Führung des Bolivius, und daß dieser sie nicht irre führte, das konnte man an den Spuren erkennen, die der Zug des Lucius Licinius auf dem Waldwege zurückgelaffen hatte. Dieser aber erreichte das Meeresufer früher als seine Verfolger. Als Totila und Joseph heransprengten, war das Boot schon so weit in's Meer gestochen, daß die Pfeile, welche die Gothen ihm nachsandten, nutzlos in's Meer fallen mußten. Joseph sprang vom Pferde, warf sich am Ufer des Meeres nieder und zerraufte sein Haar. „O Gott," rief er, „so nahe am Ziele, und dennoch Alles verloren!" „„ArmerFreund," " sagte der König; „ „ich trage die Schuld, daß die Rettung mißlungen; ich hätte direct von Rom nach Beneventum eilen und mich unterwegs nicht aufhalten sollen!"" Joseph war aufgestanden. „Nein, großer Held und edler König," sagte er, „Du hast gethan, was Du thun mußtest. Die Sorge für die Wohlfahrt des Reiches mußte Dir über Alles gehen. Aber ich, ich hätte mir von Dir eine kleine Schaar erbitten und jenes Schloß stürmen sollen!" „„Dann wärst Du sammt Deinen Begleitern verloren gewesen. Wie hättet Ihr das Schloß nehmen können, ohne Benevent vorher erobert zu haben?"" Ein Reiter sprengte heran; es war Wachis. „Mein König," rief er, „ich suche Dich überall, um Dir eine frohe Botschaft zu melden. Belisar hat mit der ganzen griechischen Flotte diese Gewässer verlassen, um sich nach Constantinopel zu begeben. Man hat beobachtet, daß ein kaiserliches Schiff zu ihm gestoßen. Man vermuthet, daß er den Befehl zur schleunigen Rückkehr erhalten habe." ,,„O Gott,"" rief Joseph, „„dann kann Lucius Licinius die griechische Flotte mit seinem kleinen Boote nicht erreichen und muß wieder umkehren."" „Du hast Recht," sagte der König. „Ich werde die ganze Küste besetzen lassen, damit er gleich nach seiner Landung gefangen wird" Unterdeß befand sich Lucius Licinius mit seinen Begleitern und seiner Gefangenen auf dem offenen Meere. Vergebens schauten sie nach Belisars Flotte aus; es war keine Spur von ihr zu entdecken. „Diese treulosen Griechen," sagte Lucius Licinius, „sie sind davon geeilt und haben mich meinen Feinden preisgegeben!" Es blieb ihm nichts Anderes übrig — er mußte an das Land zurückkehren. Er wartete ab, bis die Sonne untergegangen war. Im Dunkel der Nacht hoffte er, irgend eine kleine Festung zu erreichen, von der er vermuthete, daß sie sich noch im Besitze der Griechen befinde. Wiewohl die Sonne untergegangen war, so blieb die Nacht doch hell; denn der Mond war bereits im Osten aufgegangen und erleuchtete mit seinem falben Lichte die kahlen Sandbänke der Küste von Cumae. Ein Boot stieß an's Land; mehrere Männer stiegen ans; zwei davon trugen eine weibliche Gestalt. Vorsichtig und geräuschlos wandten sie sich landeinwärts. Plötzlich huschten mächtige Schatten über die Sandbank. Erstaunt blieben die Männer stehen; aber noch ehe sie sich von ihrem Erstaunen erholt hatten, waren sie umzingelt, ergriffen, gefesselt. Die gebundene Frauengestalt wurde von ihren Banden befreit, und als sie die Augen aufschlug, da fuhr sie zusammen und ihre Lippen öffneten sich zu dem Rufe: „Joseph!" Eine ganze Welt von Wonne und Seligkeit lag in diesem einzigen Worte. (Schluß folgt.) Hierzu fünf Beilagen. Verantwortliche Redaction: l>r. Lehmann tn Mainz. — Verlag und Expedition des .^zsraelit" große Bleiche 45. I. Gotrsleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anreiger».