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Der Israelit · 1882-05-03 · Heft 18 (3.5.1882) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
23 (1882)
Issue
Heft 18 (3.5.1882)
Date
1882-05-03
Page
– (sequence 16)
Language
German
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454 natürlichen Anlagen gemäß zu erreichen vermag. Wie das Leben der Individuen, so ist das Leben der Völker. Wie der einzelne Mensch sich entwickelt, wächst, stark und kräftig wird, bis seine Kräfte wieder abnehmen und der Tod seinem Leben ein Ende macht, so ergeht es auch den Nationen. Sie blühen empor, erlangen Macht und Ansehen durch strenge Sittlichkeit und rauhe Tugend. Auf der Höhe ihres Daseins angekommen vergessen sie der Tugenden der Väter, berauschen sich in Sinnenlust und verfallen allen Arten von Lastern. Und Gott läßt sie gewähren, bis das Maß ihrer Sünden voll ist, dann sterben sie durch eigene Schuld und schwinden dahin. — Anders verhält es sich mit Israel. Bei ihm folgt stets die Strafe der Sünde, damit es in sich gehe und sich bessere und nicht dem Tode verfalle. Gott will uns nicht loslassen; wir sollen Sein Volk bleiben, wir sollen als Volk nicht sterben, nicht zu Grunde gehen, nicht verschwinden. Darin zeigt sich die Liebe Gottes zu uns, daß Er unsere Sünde sofort heimsucht und unsere Schuld nicht zu einer unbezahlbaren anwachsen läßt." — Also erklärte Rabbi Abahu den Römern den Ausspruch des Propheten, und sie fanden die Erklärung einleuchtend und zutreffend. (Abodah Sarah k. 4 a.) Die hier von uns wiedergegebene Talmudstelle erklärt uns das Räthsel der Geschichte Israels von Anbeginn bis auf den heutigen Tag. Gott will uns nicht loslassen, Gott will, daß wir sein Volk, daß wir Israeliten, daß wir Juden bleiben sollen. Jedesmal, wenn Israel in Gefahr ist, seiner großen und heiligen Aufgabe zu vergessen, fügt es Gott, daß wir daran erinnert und zu Ihm zurückgefühtt werden. Als Israel das gelobte Land in Besitz nahm und sich vermischen wollte mit den heidnischen Völkern rings umher, da strafte Gott Israel so oft und so lange, bis es in Reue und Buße den Weg wieder fand zu seinem Vater im Himmel. Das ist in kurzen Worten die Geschichte Israels unter den Richtern und Königen bis zur Zerstörung des heiligen Tempels. Als unter der Herrschaft der Perser Israel in Gefahr gerieth, der Lehre unseres Gottes untreu zu werden, da wurde es durch Haman's Mordanschlag zu Reue und Besserung zurückgeführt. Als der griechische Geist der Schönheit, der Kunst, der Wissenschaft sich mächtig über Asien ausbreitete, und als auch die vornehmen Söhne und Töchter Israels, dadurch verblendet, untreu wurden dem Gotte der Väter, da war cs die Verfolgung des Antiochus Epiphanes, welche den alten jüdischen Geist in Hellen Flammen wieder auflodern ließ. - Als auf der pyrenäischen Halbinsel unsere Glaubensgenossen in hohem Ansehen standen, hervorragend durch Reichthum, Wissen und Kunstveri Müdigkeit, als sie sich mischten mit den Bewohnern I des Landes und sich vielfach lossagten von den Ge-! boten unseres Gottes, da mußten sie hinwegziehen aus dem Lande, das ihnen länger als ein Jahrtausend zur theuren Heimath geworden war. Auch die Ereignisse der neuesten Zeit sind dazu angethan, uns auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die unsere Existenz als Gottesvolk bedrohen. Wir spüren die Hand unseres Gottes, den Finger der Vorsehung, der uns in' deutlichster Weise darauf hinweift, daß wir uns von unserem Gotte nicht lossagen, daß wir nicht aufhören dürfen, Sein Volk zu sein. (Fortsetzung folgt.) Die russischen Judenverfolgungen. 8. Wie oft wird schon Mancher bei der Lectüre der Werke eines R. Joseph Hakohen oder R. Salomo Jbn Berga, in denen diese von den grausamen Verfolgungen, die unsere Vorfahren im Mittelalter zu erleiden gehabt, berichten, das Haupt geschüttelt und gedacht haben, daß doch wohl Vieles übertrieben, daß es wohl nicht ganz so gewesen sein könne, denn so Ungeheuerliches könnten doch Menschen mitten im Frieden nicht gegen friedliche Bürger üben. Wie Mancher, der wohl an die Möglichkeit solcher Bestialitäten, wie sie im Mittelalter Vorkommen, glaubte, sagte sich aber selbstgefällig vor sich hinlächelnd, daß doch jetzt in unserm aufgeklärten Jahrhundert selbst im fernsten Erdenwinkel, so etwas wie damals, oder auch nur ein Bruchtheil solcher Ausschreitungen nicht mehr Vorkommen könnte, das sei Gottlob abgethan und vorüber; heute in unserer Zeit, in der Zeit des internationalen Verkehrs und der dadurch bedingten gegenseitigen Abhängigkeit und Beeinflussung der Staaten, sei es geradezu undenkbar, daß in einem noch so uncivilisirten Staatswesen Dinge Vorgehen könnten, die dazu geeignet seien, die Ehre des Jahrhunderts zu beflecken, ohne daß die übrigen Staaten ihre eigene Ehre gefährdet sähen und gemeinsam den Schlag abwehrten, der dem Jahrhundert versetzt werden soll. Der Skeptiker und der Selbstzufriedene, sie mögen nach unserm großen Nachbarreiche int Osten blicken, sie werden die alten Berichte nicht unglaublich, vor Allem aber nichts unmöglich finden. In 15 Briefen hat ein Augenzeuge an die „Jewish World" über die Gräuelscenen in Rußland berichtet; daß diese Briefe durch eine gute Ueber-

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