Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1881)
- Date
- 1881-05-04
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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455 ausgezeichnet worden, in welchem die Broschüre als eine willkommene Gabe bezeichnet wird. Der Kronprinz scheint also Gewicht darauf zu legen, seinen Standpunkt gegenüber der Judenfrage immer wieder von Neuem klarzustellen, sonst hätte es der Kronprinz bei dem Gewicht, welches in der Bekämpfung der antisemitischen Bewegung gerade aus die Aeußerungen des Thronerben des deutschen Reiches gelegt worden ist, wohl vermieden, den Gegnern der Judenhetze neues Material für die Vertretung ihrer Sache zu liefern. Es bezeichnet die Loyalität, welche in gewissen conservativen Kreisen vorhanden ist, daß trotz dieser Kundgebungen von erster Stelle her die wüste Hetze immer noch fortgesetzt wird, wenn allerdings auch nicht zu verkennen ist, daß die energische Stimme des Kronprinzen viel dazu beigetragen hat, die Schaar der Antisemiten auf eine Clique verachtungswürdiger Subjecte zu reduciren und ihr die besseren Elemente der Bevölkerung zu entfremden. Bedauerlich bleibt nur, daß die ersteren immer noch in der Lage sind, die Persönlichkeit des Fürsten Bismarck für ihre Sache in Anspruch zu nehmen, wiewohl die Antwort, die auf die Uebersendung der Antisemitenpetition aus dem Reichskanzleramt ergangen ist, nicht mehr als eine formale Empfangsbestätigung bedeutet." Aus Westphalen. Antisemitische Blätter veröffentlichen einen Brief, welchen der Freiherr A. von Rothschild an den Hofprediger Stöcker gerichtet haben soll. Daß der Brief fingirt ist, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Wir lassen das nicht ohne Geschick fabricirte Machwerk hier folgen: „Lieber Herr Hofprediger! „Wie ich höre, hat Ihnen der Arzt das viele Sitzen verboten, weshalb Sie sich seitdem jeden Tag ein wenig antisemitische Bewegung machen. Mich genirt das zwar nicht, denn in Oesterreich ist, Gott sei Dank, die Bildung noch nicht so weit vorgeschritten, daß wir hier eine Judenhetze wie in dem geistreichen Berlin zn fürchten hätten. Aber ich möchte Ew. Hochwürden nur auf einige kleine Jrrthümer aufmerksam machen, die sich in Ihre Parlamentsrede eingeschlichen haben. „Sie sagten: „Hinter mir stehen Millionen." Das weiß ich besser. Die Millionen stehen hinter mir. Wenn Sie's nicht glauben, so besuchen Sie mich einmal in meinem Comptoir und ich will sie Ihnen zeigen. „Sie sagten ferner: „die Juden haben sich zu den Gründungen gedrängt." Nun denn, wir Rothschilds sind Juden und haben doch nichts gegründet, als unsere „Häuser", zu denen sich die allerchristlichsten Staaten drängen, wenn sie Geld brauchen. „Sie sagen: „daß die Juden im Mißverhältniß zu ihrer Zahl, unterstützt von Talent und Kapitalskraft einen großen Einfluß in der Gemeinde, in der Kirche und der Gesellschaft ausüben." Es wundert mich wirklich, daß Sie das wundert. Als ob Talent und Besitz nicht von jeher den Ausschlag gegeben hätten! Möchten Sie denn, Herr Hofprediger, die Welt lieber von den Dummen als von den Gescheidten beherrschen lassen? Und was das „Mißverhältniß zu der Zahl" anbelangt, so kann es für uns Juden wohl nur schmeichelhaft sein, wenn wir verhältnißmäßig mehr Talente unter uns haben als die Christen. Unsere größere Kapitalskraft aber verdanken wir unserem Geschäftsgeiste und unserem Sparsinn. Warum machen es die Christen nicht auch wie wir? Hindern wir sie daran, Geld zu verdienen wie wir, oder hindern wir sie daran, zu sparen wie wir? „Sie sagen: „Sie wollen etwas mehr Bescheidenheit" von den Juden. Es ist wahr, Bescheidenheit ziert den Jüngling, auch wenn er ein Jude ist; aber, wie Sie wissen werden, heißt es bei Göthe: „Nur die Lumpe sind bescheiden. Bei den Juden gibt es aber so wenig „Lumpe." „Sie sagen: „Der Jude in Lessings „Nathan" sei kein Jude, sondern ein Ehrist. Mit demselben Rechte könnte ich sagen, „der Hofprediger Stöcker ist kein Christ, sondern ein Pinkeljude, der mit den aus dem Mittelalter übrig gebliebenen antisemitischen Fetzen hausiren geht." Aber ich sage das nicht, denn ich will meine Glaubensgenossen nicht beleidigen. „Ihr Freund Bachem meint, das Volk stehe hinter Ihnen. Ich gebe zu, daß es ein Volk ist, was hinter Ihnen steht, aber Schultze-Delitzsch hat einst zu Schweitzer gesagt: „Entfesselt die Bestie nicht!" „Ihr Freund Bachem macht den Juden die Getreidespekulation zum Vorwurfe. Wissen Sie, wer der erste Getreidespekulant war? Niemand anders, als der egyptische Joseph. Damals gab es freilich noch keine Hofprediger, die ihm daraus ein Verbrechen hätten machen können, aber das Volk wußte ihm Dank dafür. „Es ist wahr, wir halten etwas auf's Geld, und ich muß von mir selber sagen, daß ich lieber ein reicher Jude, als ein armer Christ bin. Aber möchten die armen Christen nicht auch lieber reiche Juden sein? Vielleicht möchten sogar Sie, hochwürdiger Herr, mit mir tauschen (und ich schmeichle mir, Sie machten kein schlechtes Geschäft). Was mich betrifft, so kann ich nur sagen: wenn ich nicht